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Symbolbild Solidarität
Johannes Seibel, missio-Pressesprecher
Johannes Seibel, missio-Pressesprecher

21.07.2021

missio erlebt nach Flutkatastrophe umgekehrte Solidarität "Das ist keine Einbahnstraße mehr"

Wenn in anderen Ländern Naturkatastrophen passieren, gibt es in Deutschland große Hilfsbereitschaft. Jetzt ist es umgekehrt, sagt Johannes Seibel von missio. Dass so eine Katastrophe in Deutschland passiert ist, schockiere Menschen weltweit.

DOMRADIO.DE: Sie bekommen in diesen Tagen ganz viele Nachrichten von Ihren Partnerinnen und Partnern rund um den Globus. Was schreiben die? Was ist da der rote Faden?

Johannes Seibel (Pressesprecher von missio Aachen): Das berührt uns sehr. Sie schreiben uns vor allen Dingen, dass sie für uns beten. Dass sie auch überrascht sind, dass so etwas in Deutschland passieren kann. Sie kennen das ja oft aus ihrer eigenen Erfahrung, gerade in Asien, wo Erdrutsche und Fluten Menschen töten und viele vor das Nichts stellen. Sie sind selbst erschüttert. Sie drücken ihre Solidarität aus. Und sie sagen auch: Sie haben so viel Solidarität aus Deutschland und Europa für ihr Leben erfahren, sie möchten davon etwas zurückgeben.

DOMRADIO.DE: Die Perspektive dreht sich quasi um. Haben Sie ein konkretes Beispiel einer solchen Solidaritätsbekundung, die Sie ganz besonders gerührt hat?

Seibel: Ja, zum Beispiel von der Abteilung Soziales im Erzbistum Kalkutta. Franklin Menezes ist dort der Direktor. Und er selbst ist sehr engagiert im Bereich Ökologie, im Bereich erneuerbare Energien und setzt dort sehr viele Projekte in Indien um. Er hat uns geschrieben, dass er das kaum fassen kann, dass er das in den Nachrichten gesehen hat, dass er weiß, was es für Menschen bedeutet, wenn sie ihr ganzes Hab und Gut verlieren. Und dass er sich auch sehr hilflos fühlt angesichts dieser Nachrichten, dass so etwas in Deutschland passiert, dass er sich in dieser Hilflosigkeit aber auch mit uns verbunden fühlt und dass wir alle Menschen in Deutschland ermutigen sollen. Man kann das durch eine gute Arbeit, durch Mut, durch Hoffnung auch durchhalten. Und dass die Menschen wissen: Weltweit und auch in Indien denken die Menschen an sie in Deutschland. Das hat mich und uns auch sehr berührt und zeigt, dass heute die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen weltweit keine Einbahnstraße mehr ist, sondern das ist ein Netzwerk von Christinnen und Christen, die gemeinsam die Welt verändern wollen.

DOMRADIO.DE: Der Klimawandel wird oft als Ursache für solche Katastrophen genannt, sowohl in Deutschland als auch anderswo. Die Partnerinnen und Partner von missio sorgen sich und sie beten. Was zeigt das?

Seibel: Das zeigt, dass die Welt heute globalisiert ist, dass auch Katastrophennachrichten global um die Welt gehen und nicht nur wir erfahren, dass in den Philippinen oder in Indien etwas passiert ist, sondern die Menschen auch dort erfahren, dass bei uns schlimme Dinge passieren, dass bei uns Katastrophen passieren und dass uns dabei das Gebet verbindet. Ich habe das oft auch erlebt: Auf Reisen habe ich das Gefühl, dass das Gebet in diesen Ländern den Menschen noch mehr bedeutet als bei uns hier in Deutschland. Und dass das Gebet für diese Menschen nicht einfach dahingesagt ist - wir beten für euch, ich denke an euch - sondern, dass das den Menschen tatsächlich eine Kraft gibt, Dinge auszuhalten, Dinge zu verändern, Dinge zu verbessern und dass sie der Überzeugung sind, wenn sie diese Kraft auch uns wünschen, dass das Gebet dann bei uns in Deutschland hilft, eine Haltung zu entwickeln, eine Stärke zu entwickeln, um Schwierigkeiten zu bewältigen. Diese Kraft des Gebetes, die im Alltag der Menschen tatsächlich etwas bewirken kann und Menschen verändert, das ist das, was man hier sieht und was auch in der Beziehung zwischen uns und unseren Partnern etwas sehr Wichtiges ist.

DOMRADIO.DE: Das wird jetzt auch bei uns im Zusammenhang mit dieser Hochwasserkatastrophe diskutiert. Was ist da der Tenor? Was hören Sie da?

Seibel: Unsere Partner und Partnerinnen im globalen Süden sind ja in vielfältiger Weise vom Klimawandel betroffen. Zum Besipiel bei Dürren in Nigeria, die wiederum dafür sorgen, dass es zu Konflikten zwischen Nomaden und Bauern kommt, die dann wieder religiös ausgeschlachtet werden. Hier ist die Ursache der Klimawandel. Und dort engagieren sich sehr viele Menschen dafür, dass etwas gegen den Klimawandel getan wird. In Indien oder auf den Philippinen ist der Klimawandel auch spürbar. Dort verstärken sich Erdrutsche, die Flut und der Regen werden ebenfalls stärker. Auch dort merken die Menschen, dass der Klimawandel ihnen die Lebensgrundlagen raubt. Oder in Ozeanien, wo die Meeresspiegel steigen. Und deshalb sind die Menschen sehr sensibilisiert dafür. Father Shay Cullen aus den Philippinen, der dort ein missio-Projekt leitet, sagt uns auch: Wir müssen gemeinsam unsere Regierungen weltweit und in der Europäischen Union dazu bringen, stärker gegen den Klimawandel anzugehen. Denn das betrifft uns weltweit alle. Und wir spüren die Folgen weltweit alle. Deshalb sollten wir uns auch weltweit alle gegen den Klimawandel engagieren und unsere Regierungen dazu aufrufen, hier jegliche Maßnahmen zu ergreifen. Das ist keine ideologische Frage mehr, sondern das ist schlicht eine Frage des Lebens und Überlebens.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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