Haiti zählt zu den ärmsten Ländern der Erde
Haiti zählt zu den ärmsten Ländern der Erde
Haitis Präsident Moise getötet
Haitis Präsident Moise getötet
Papst Franziskus (r) spricht mit Jovenel Moise (Archivbild, 2018)
Papst Franziskus (r) spricht mit Jovenel Moise (Archivbild, 2018)

08.07.2021

Adveniat ordnet Situation in Haiti und Position der Kirche ein "Den nächsten Tag wie auch immer durchstehen"

Naturkatastrophen, Gewalt und politisches Chaos: Darunter leidet Haiti seit Jahren. Michael Huhn von Adveniat erklärt, was die Ermordung des Präsidenten für Folgen haben könnte und wie die Kirche die Menschen vor Ort täglich unterstützt.

DOMRADIO.DE: Wissen Sie inzwischen mehr über Tat und Hintergründe?

Michael Huhn (Ehemaliger Länderreferent für Haiti bei Adveniat): Man weiß nur im Groben, wie das Verbrechen ablief. Präsident Moïse lebte mit seiner Familie in einem stattlichen Haus zwischen Pétionville und Kenscoff. Das sind die beiden Viertel der Ober- und Mittelschicht in den Bergen oberhalb der Hauptstadt. Und gestern gegen 1.00 Uhr in der Nacht drang ein maskiertes Kommando in sein Haus ein, ermordete ihn und verletzte seine Frau schwer. Meine Frage ist: Wo waren die Leibwächter? Das ist eines der vielen Rätsel.

DOMRADIO.DE: Für welche Politik stand der Präsident?

Huhn: Wenn ich es zynisch ausdrücke, wenn ich es realistisch ausdrücke: im großen Ganzen für seine eigene Macht. Moïse hat es leider, leider nicht verstanden, diejenigen zusammenzubringen, die eben nicht auf ihre Macht und ihren Profit achten, sondern die ihr Land aus der Dauerkrise, aus dem Dreck herausziehen wollen. Er hat sich mit dem Parlament überworfen, regierte am Parlament vorbei durch Dekrete und damit schuf er sich Feinde. Und eine große Frage ist: Wie stand er zu den Gangs, die die Hauptstadt beherrschen?

Unklar ist, ob er über Mittelsmänner mit ihnen in Kontakt stand, damit die Gangs diejenigen terrorisierten, die gegen den Präsidenten demonstrierten. Und das waren am Schluss immer mehr Menschen. Andererseits gibt es Hinweise, dass er möglicherweise mit den Gangs weniger kooperierte als seine Vorgänger. Vielleicht hat ihn das das Leben gekostet. Jedenfalls gelang es ihm nicht, die Herrschaft dieser etwa 90 Gangs, die ein Drittel der Hauptstadt kontrollieren, zu brechen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, es ist noch nicht ganz klar, welchen Grund es hatte, dass er ermordet wurde? Das sind jetzt alles noch Spekulationen?

Huhn: Ja, und die Sorge ist, dass es auch nicht herauskommen wird. Denn es hat in Haiti viele politische Morde gegeben, wo teils durch - ich sage das so drastisch - Unfähigkeit von Polizisten nichts rauskam. Oder, das ist die Regel, weil diejenigen, die verantwortlich waren, die Drahtzieher im Hintergrund, gedeckt worden sind. Bei keiner dieser Ermittlungen, auch in den letzten drei Jahrzehnten, ist etwas rausgekommen, was die Mittelsmänner und die Hintermänner betrifft.

DOMRADIO.DE: 2010 gab es das verheerende Erdbeben mit mehr als Hunderttausend Toten, immer wieder Wirbelstürme, zuletzt die Gewalt unter dem Präsidenten. Wie meistern die Menschen unter diesen Bedingungen ihren Alltag?

Huhn: Am besten hat das Margit Wichelmann ausgedrückt, meine Nachfolgerin als Haiti-Referentin. Sie schrieb mir: "Selten habe ich unsere Projektpartner so erschöpft und so mutlos erlebt wie in den letzten Wochen. Die Gewalt dieser Gangs und die damit einhergehende Angst sind so zermürbend. Es ist oft nicht mal möglich, lebensnotwendige medizinische Hilfe zu leisten, weil die Gangs kein Durchkommen gestatten."

Und ich füge hinzu: Die Menschen schaffen das trotz alledem, weil sie eine erstaunliche Überlebenskraft haben, gerade die Frauen. Das hat mich in Haiti so oft beeindruckt. Sie machen weiter. Sie sind dafür da, den nächsten Tag wie auch immer durchzustehen. Indem sie Essen besorgen. Indem sie irgendwo ein kleines Geschäft machen. Indem sie ihre Kinder in Armut und gleichwohl mit Liebe aufziehen. Da kann ich immer nur den Hut abnehmen. Die machen das in der Kraft und im Gottvertrauen. Das ist ganz, ganz wichtig. Das trägt sie, dieses Gottvertrauen.

DOMRADIO.DE: Gerade jetzt, in dieser Corona-Pandemie Situation ist das sicher umso schlimmer für die armen Menschen, oder?

Huhn: Ja, noch hat die Corona-Pandemie Haiti nicht so stark erwischt wie andere Länder und es ist erstaunlich, dass Untersuchungen gezeigt haben, dass sehr, sehr viele Haitianer die Pandemie überstanden haben. Sie haben schon Antigene, aber das ist kein Fahrschein dafür, dass es nicht doch noch kommt. Und was wichtig wäre, ist, dass einfach eine Regierung antritt, die sich auch diesen Problemen neben all den anderen wirklich widmet.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet die Ermordung des Präsidenten für die Zukunft des Landes?

Huhn: Es ist ein bitterer Tiefpunkt in einer Situation, die ohnehin von Armut und Gewalt bestimmt ist. Erst am Tag vor seiner Ermordung hatte Moïse seinen Premierminister ausgetauscht, zum siebten Mal in vier Jahren. Das ist die Situation, in der unsere Projektpartner arbeiten. Sie kümmern sich nicht um große politische Erklärungen und auch nicht um Zukunftsvisionen, sondern tun einfach ihren alltäglichen Dienst. Die Ordensschwestern, die Katechetinnen, die Katecheten.

Das ist sozusagen ihre Stellung: Da zu bleiben. Nicht wegzulaufen. Und das wird die Zukunft Haitis sein: Keine funktionierende Regierung, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Aber die gute, stete Präsenz von Christen, die für ihre Nächsten da sind. Auch jetzt, gerade jetzt.

DOMRADIO.DE: Wie hat sich die katholische Kirche zu den politischen Entwicklungen unter Präsident Moïse positioniert?

Huhn: Die Opposition war eine Position im wörtlichen Sinne, also übersetzt: dableiben, nicht weglaufen, bei den Armen bleiben. Dieser Alltag, glaube ich, war die stärkste Stimme der katholischen Kirche in der Krise. Und zum anderen hat sie wieder und wieder auch in dem Kommuniqué der Bischofskonferenz nach der Ermordung des Präsidenten gesagt: Wir müssen unseren Egoismus, unsere Machtgelüste überwinden. Wir müssen irgendwann lernen, jetzt lernen, auf das Wohl des Volkes zu schauen.

Es ist ein Appell, hilflos. Und vielleicht fällt er doch bei dem einen oder anderen als ein gutes Samenkorn auf einen fruchtbaren Boden. Die Kirche geht voran mit Beispielen im Dienst an den Armen. Vielleicht ziehen die Politiker nach.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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