Gaza: Palästinenser inspizieren das Umfeld des schwer beschädigten Al-Jawhara-Turm
Gaza: Palästinenser inspizieren das Umfeld des schwer beschädigten Al-Jawhara-Turm

08.06.2021

Generalsekretärin von Caritas Jerusalem zur Lage im Gazastreifen "Der psychische Schaden ist enorm"

Gut zwei Wochen nach dem Waffenstillstand in der jüngsten Gewalteskalation zwischen Israel und der Hamas laufen bei der örtlichen Caritas die Nothilfeprojekte.Zur Lage vor Ort die Generaldirektorin von Caritas Jerusalem, die Franziskaner-Missionsschwester Bridget Tighe.

KNA: Schwester Bridget, was sind die dringendsten Bedürfnisse im Gazastreifen nach der jüngsten Gewalteskalation?

Bridget Tighe (Generaldirektorin von Caritas Jerusalem): Was ich von jenen höre, die durch den Krieg hart getroffen wurden, ist das dringendste Bedürfnis Obdach. Einige sind bei der Familie untergekommen; einige mieten Wohnungen, aber ihnen wird das Geld ausgehen. Für jene, die ihre Wohnung verloren haben, ist das die größte Sorge. Ich habe gerade gehört, dass immer noch Familien in UNRWA-Schulen untergebracht sind. Eine der Schulen ist in unserer Nähe. Wir werden sehr bald ein Nachkriegs-Notfallprojekt starten, bei dem es speziell um medizinische Versorgung für Menschen geht, die unter dem Krieg gelitten haben. Ich werde sicherstellen, dass die Menschen in den Schulen darüber informiert werden und wir sie erreichen können.

KNA: Und über die unmittelbare Frage der Unterkunft hinaus?

Tighe: Benötigt wird psychosoziale und psychologische Unterstützung. Fast jeder in Gaza braucht das, vor allem die Kinder. Der Bedarf ist sehr hoch. Aber auch unsere Mitarbeiter sind traumatisiert. Der psychische Schaden ist enorm. Zudem brauchen die Menschen von Gaza medizinische Versorgung und Arbeit. Die Arbeitslosenrate ist noch weiter gestiegen.

KNA: Was kann die Caritas leisten?

Tighe: Als unmittelbare Reaktion auf den Krieg leisteten mobile medizinische Teams der Caritas, die bereits in mehreren Gebieten im Gazastreifen tätig waren, grundlegende medizinische Grundversorgung und Unterstützung, insbesondere die Behandlung von Bluthochdruck und Diabetes. Dazu kommen zwei neue Notfallprojekte mit jeweils fünf Teams, die speziell auf das physische und psychische Trauma der Nachkriegszeit eingehen. Die Vorbereitungen für diese Projekte haben Zeit in Anspruch genommen. Neue Mitarbeiter wurden eingestellt, geschult und nehmen an diesem Dienstag ihre Arbeit auf.

KNA: Worin bestehen die Projekte?

Tighe: Ein Projekt besteht aus fünf Teams mit jeweils einem Arzt und einer Krankenschwester. Sie besuchen die Häuser von Kranken und Verletzten, um psychologische Unterstützung und Beratung einschließlich Covid-19-Bekämpfung zu leisten. Sie geben Hygiene-Sets und Lebensmittelgutscheine aus. Drei Sozialarbeiter und ein Psychologe stehen für telefonische Unterstützung und Beratung zur Verfügung und überweisen schwere Fälle an weitere professionelle Hilfe.

KNA: Und das zweite Projekt?

Tighe: Das zweite Projekt, das durch Caritas Internationalis finanziert wird, ist ausdrücklich medizinisch und startet in ein paar Tagen. Fünf Teams aus je einem Arzt und einer Ärztin, einem Krankenpfleger und einer -pflegerin, einem Labortechniker und einem Pharmazeuten werden rotierend in verschiedenen Gebieten im besonders stark betroffenen nördlichen Gazastreifen Kliniken einrichten. Hier werden wir medizinische Grundversorgung anbieten, die sich besonders auf nichtansteckende Krankheiten, Bluthochdruck und Diabetes konzentriert.

Im Krieg sind Patienten mit hohem Blutdruck durch die Belastungen und Gefahren in echter Gefahr, Schlaganfälle oder andere Komplikationen zu erleiden. Die Lage von Diabetes-Patienten verschlechtert sich. Diese Krankheiten werden derzeit nicht behandelt, weil sich andere Organisationen auf Krankenhäuser und die Verletzten konzentrieren. Ferner werden wir Verletzte behandeln, die nicht im Krankenhaus sind, die im Krankenhaus Pflege brauchen oder zu früh entlassen wurden. Auch diese Teams werden Covid-19-Schutzmaßnahmen vermitteln und symptomatische Personen zu Corona-Tests schicken.

KNA: Warum stehen die mobilen Teams bei Caritas so im Vordergrund?

Tighe: Es wäre sehr einfach für uns, Hygiene-Sets oder Lebensmittel an Menschen in Schulen zu verteilen. Viele Organisationen tun das, und es ist gut und wichtig. Wir haben uns hingegen entschieden, etwas zu leisten, das dringend benötigt wird und nicht von vielen, wenn überhaupt, geleistet werden kann: gute medizinische Teams zu schaffen, die in die am stärksten betroffenen Gebiete im nördlichen Gazastreifen gehen, um zusammen mit den örtlichen Gemeinschaftsorganisationen in die Häuser der Menschen zu gehen, die nicht laufen können. Den gesamten Gazastreifen können wir nicht abdecken.

Bereits vor dem Krieg waren wir mit sieben Teams im Einsatz. Zwei arbeiten mit alten Menschen in Rafah. Ein Team ist in zehn verschiedenen Gebieten vor allem nahe der israelischen Sperranlage tätig; es besteht aus je einem Arzt und einer Ärztin, einem Krankenpfleger und einer -pflegerin, einem Labortechniker, einem Pharmazeuten und einem Ernährungsberater. Vier Teams arbeiten speziell im Bereich Covid-19, verteilen Nahrungsmittel und Hygiene-Sets. Unsere Klinik in Gaza ist klein, aber sie ist die Zentrale für eine enorme Arbeit im gesamten Gazastreifen.

Das Interview führte Andrea Krogmann.

(KNA)

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