Kathedrale von Cobh im irischen Bistum Cloyne
Kathedrale von Cobh im irischen Bistum Cloyne
Derek Scally
Derek Scally

15.04.2021

Journalist Derek Scally über Kirche und Gesellschaft in Irland "Wir brauchen jetzt etwas Neues"

"The Best Catholics in the World" - "Die besten Katholiken in der Welt": So heißt das Buch, mit dem Derek Scally derzeit in seinem Heimatland Irland die Bestsellerlisten anführt. Es geht um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche in Irland. 

KNA: Sie leben seit rund 20 Jahren in Berlin und arbeiten als Deutschland-Korrespondent der "Irish Times". Anfang des Jahres legte eine von der Regierung eingesetzte Kommission ihren Abschlussbericht zu den irischen Mutter-Kind-Heimen vor. Demnach starben in den 18 untersuchten katholischen Einrichtungen für unverheiratete Frauen im Zeitraum zwischen 1922 bis 1998 insgesamt rund 9.000 Kinder. Es ist die bislang jüngste Studie, die in Abgründe von Gewalt und Missbrauch in der Kirche blicken lässt. Wie würden Sie den Stand der Aufarbeitung umschreiben?

Derek Scally (Autor und Journalist): Im Vergleich zu Deutschland hat Irland einen Vorsprung von rund 15 Jahren. Ende der 1990er-Jahre kamen die ersten Fälle von Missbrauch vor Gericht. Dann folgten juristische Aufarbeitung, Berichte, Kommissionen. Die Mutter-Kind-Heime waren ja nur ein Teil dieses düsteren Kapitels. Hinzu kamen Ausbeutung von Kindern und jungen Frauen in Wäschereien und Heimen, den "Industrial Schools", sowie sexueller Missbrauch.

KNA: Wie hat die Öffentlichkeit auf die immer neuen Enthüllungen reagiert?

Scally: Das war ein wenig wie eine Inventur. Eine sehr wichtige Arbeit, an deren Ende aber nicht selten Ermüdung, Erschöpfung und Frustration standen. Jetzt brauchen wir etwas Neues.

KNA: Wie könnte das aussehen?

Scally: Der erste Schritt ist, mit dem Fehlglauben aufzuräumen, dass wir Iren in der katholischen Welt Vorbild waren, etwas Besonderes.

Bis heute ist dieses Gefühl unterschwellig immer noch vorhanden. Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken: Die Kirche, die jetzt in Irland zugrunde geht, ist nicht die Kirche, die unser Nationalheiliger St. Patrick im 5. Jahrhundert begründet hat.

KNA: Sondern?

Scally: Es ist die Kirche, die direkt nach der großen Hungersnot von

1850 installiert wurde. Eine besondere Rolle dabei spielte der erste Kardinal, der aus Irland kam, Kardinal Paul Cullen (1803-1878). Die Kirche kam den emotionalen Bedürfnissen nach Erlösung und Hoffnung nach und spielte eine wichtige Rolle bei der Nationenbildung in Abgrenzung zu Großbritannien. Auf der Gesellschaft lastete damals ein doppeltes Trauma: zum einen durch den Tod so vieler Menschen durch die Hungersnot und zum anderen durch den Verlust durch die Auswanderung vieler Iren. Die Kirche übernahm in dieser Situation das Kommando. Die Menschen akzeptierten das bereitwillig. Sie waren hilfsbedürftig, was sie zugleich offen für emotionalen Missbrauch machte.

KNA: Das alles ist gut 150 Jahre her.

Scally: Ja, aber wir haben eine sehr starke Opfermentalität entwickelt, die durch die teilweise blutig erkämpfte Loslösung von Großbritannien noch verstärkt wurde.

KNA: Wie äußert sich diese Mentalität?

Scally: Alles, was in der irischen Geschichte schmeichelhaft ist, wird herausgepickt und alles, was weniger schmeichelhaft ist, wird verschwiegen. Mit Blick auf die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der katholischen Kirche verhindert diese Einstellung die Bereitschaft zu überlegen, dass wir auch Täter gewesen sein könnten.

Aber erst, wenn wir es schaffen, diese Kirche als Teil von uns zu betrachten, können wir zu dem kommen, was ich eine informierte Empathie nenne. Erst, wenn wir uns von dem Phantom der Kirche des 19. Jahrhunderts verabschieden, können wir uns wirklich Gedanken über die Zukunft von Kirche und Gesellschaft machen.

KNA: Sie nannten das den ersten Schritt. Was bräuchte es noch?

Scally: Wir bräuchten eine Behörde, die in Deutschland etwa der Stasi-Unterlagen-Behörde entspräche. Ich nenne es ein National Memory Institute. Alle Unterlagen der Orden und Bistümer müssen einsehbar sein - solange die notwendigen Persönlichkeitsrechte respektiert werden.

Viele Orden sperren sich dagegen, weil sie meinen, sie bekommen kein faires Gehör und werden nur angegriffen. Aber für viele Überlebende von Gewalt und Missbrauch halten die Orden den Schlüssel zu ihrer Identität in der Hand. Diese Pattsituation muss aufgelöst werden.

KNA:  In Deutschland gab es zuletzt den Ruf nach einer parlamentarischen Wahrheitskommission...

Scally: Den gibt es auch in Irland! Und es gab ja etwa öffentliche Untersuchungen des Missbrauchsskandals wie den Ryan-Bericht, der erstmals das Ausmaß offenlegte. Aber wir verfügen in Irland zudem über eine Art Blaupause für ein solches Institut.

KNA: An was denken Sie?

Scally: Eine halbe Stunde Autofahrt südlich von Dublin gibt es ein Friedenszentrum in der Nähe des einzigen deutschen Soldatenfriedhofs in Irland. Im Glencree Centre for Peace and Reconciliation (Zentrum für Frieden und Versöhnung) hat man während des Nordirland-Konflikts Familien von beiden Seiten an einen Tisch gebracht und nach Lösungen gesucht.

Und zwar so erfolgreich, dass später Menschen aus anderen Teilen der Welt, etwa aus Afrika, nach Glencree kamen, um sich über die Ursachen von Gewalt und Hass in ihren Heimatländern auszusprechen. Warum nutzen wir dieses Zentrum nicht dazu, um die katholische Vergangenheit unseres eigenen Landes aufzuarbeiten?

KNA: Was ist mit Entschädigungen für die Betroffenen?

Scally: Das ist sehr kompliziert. Es gibt viele verschiedene Gruppen von Betroffenen. Immerhin haben die Orden bereits viel Geld in einen Fonds eingezahlt. Die höchste Entschädigung, die bisher an eine einzelne Person gezahlt wurde, betrug 300.000 Euro. Dieser zähe Prozess muss uns aber nicht daran hindern, die anderen Schritte zur Aufarbeitung zu gehen.

KNA: Die irischen Bischöfe planen eine "Nationalsynode". Da ist viel von Spiritualität die Rede, aber wenig von Missbrauch und Gewalt. Was halten Sie von dem Vorhaben?

Scally: Auf mich wirkt das wie eine Flucht nach vorn. Die Kirche verliert massiv an Einfluss in der Gesellschaft und will daran etwas ändern. Das ist legitim. Aber vielleicht zu früh, weil die Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet ist. Die Gefahr, dass die Vertreter nur untereinander reden, ist sehr hoch.

KNA: In Deutschland gibt es etwas Ähnliches, den Synodalen Weg.

Scally: Ich bin fasziniert von dem Synodalen Weg - davon, mit wie viel protestantischer Selbstverständlichkeit vor allem die katholischen Laien sagen: Wir mischen uns ein. Das beunruhigt sogar Rom. Trotzdem ist für mich nicht ganz klar, wie die Aufarbeitung von Missbrauch und der Synodale Weg zusammenhängen.

KNA: Was glauben Sie - wie wird sich das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft in Irland in Zukunft entwickeln?

Scally: Abtreibung, Ehe für alle - diese Kämpfe sind gekämpft und Irland hat da einen großen Schritt in Richtung Liberalität getan.

Jetzt geht es um die Frage, wie wir künftig leben wollen. Meine Generation hat sich von dem überkommenen Bild von Kirche verabschiedet. Aber wir müssen lernen, unsere Vergangenheit mit Offenheit anzunehmen, sie sozusagen zu umarmen. In Deutschland redet man von einer postsäkularen Entwicklung; noch sind wir nicht so weit in Irland.

KNA: Und die Kirche?

Scally: Viele irische Priester, Bischöfe und Nonnen sind nach den harten Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre eingeschüchtert, überaltert, ausgekämpft; sie trauen sich nicht mehr, den Mund aufzumachen. So war bei den Reformen - etwa bei der Abtreibungsdebatte - kaum eine Bischofsstimme zu vernehmen. Das darf eigentlich auch nicht sein. Manchmal denke ich, dass diejenigen, die der Kirche ihre Gnadenlosigkeit von früher vorwerfen, sie nun genauso gnadenlos behandeln.

Das Interview führten Birgit Wilke und Joachim Heinz.

(KNA)

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