08.04.2021

Neuer Bischof von Chur blickt auf turbulente Bischofswahl "Trauriges Spektakel"

Nach bewegten Monaten hat das Schweizer Bistum Chur mit Joseph Bonnemain endlich einen neuen Bischof. Große Aufgaben kommen auf den Mann zu, der nicht nur Bischof ist, sondern auch gelernter Arzt und leidenschaftlicher Kraftsportler.

DOMRADIO.DE: Der Weg zu Ihrer Weihe lief ziemlich turbulent. Es gab großen, öffentlichen Streit im Domkapitel, auch um Ihre Person. Haben Sie unter der Situation gelitten?

Joseph Maria Bonnemain (Bischof von Chur): Ich habe sehr darunter gelitten. Nicht unbedingt, weil ich persönlich betroffen war – es ging ja um drei Kandidaten – sondern, weil ich die Auswirkungen in der Diözese gesehen habe. Die Menschen im Bistum haben über drei Jahre auf einen Bischof gewartet und gebetet. Dieses traurige Spektakel hatten die Menschen nicht verdient. Das hat mich sehr gekränkt und geschmerzt.

Was mich selbst angeht: Als die Entscheidung getroffen wurde, keinen Bischof zu wählen und die Entscheidung dem Papst zu überlassen, dachte ich: Jetzt bist du erlöst. Jetzt ist dieser Kelch an dir vorbei gegangen. Wenn der neue Bischof kommt kannst du alle Ämter in der Kurie endlich aufgeben und nur noch als Krankenhausseelsorger arbeiten.

DOMRADIO.DE: Aber dann kam alles anders.

Bonnemain: Total anders, das genaue Gegenteil. Als ich den Anruf von Kardinal Ouellet bekam, war schon sonnenklar, was das bedeutet. Da begann ich zu zittern und dachte: Jetzt bist du dran, jetzt darfst du dich nicht mehr drücken.

DOMRADIO.DE: Aber die Konflikte im Bistum sind damit ja nicht ausgestanden. Einige Vertreter der Bistumsleitung haben nach Ihrer Ernennung ja auch ihre Ämter niedergelegt. Wie geht man damit als Bischof um?

Bonnemain: Mit Geduld und der Überzeugung, dass in jedem Menschen viel Gutes steckt. Vielleicht braucht es Zeit, damit das wieder zum Vorschein kommt. Ich werde niemanden ausschließen und möchte für alle Bischof sein, auch für diejenigen, die anfänglich Probleme haben mich anzunehmen.

DOMRADIO.DE: Sie haben auch gesagt, das Bistum sei krank. Wie kann man es heilen?

Bonnemain: Die Polarisierung, die gegenseitige Abneigung, die Intoleranz sind eine Krankheit. Vor allem das Lieblose bei den Gesprächen, auch in der Öffentlichkeit. Auch der Mangel an Feingefühl ist eine Krankheit. Das dürfte zwischen Christen nicht vorkommen. Überhaupt zwischen Menschen, aber ganz besonders zwischen Christen. Für mich ist es eine Priorität diese Situation zu heilen.

DOMRADIO.DE: Eine große Frage, die sich die Medien gestellt haben, als Ihr Name bekannt wurde, war, wie man Sie politisch einordnen kann. Sie vertreten progressive Positionen in der Ökumene oder im Umgang mit Homosexuellen, gehören aber dem Opus Dei an, der als erzkonservativ betrachtet wird. Wie geht das zusammen?

Bonnemain: Ich persönlich habe kein Problem das beides zusammenzubringen. Ich bin schon über 50 Jahre Mitglied im Opus Dei. Niemals hat sich das Opus Dei in mein professionelles Wirken eingemischt. Weder als Arzt, noch als Seelsorger, noch als Domherr. Das Opus Dei hat nicht zu sagen, wie ich wirke und arbeite – noch weniger jetzt als Bischof.

Ist das Opus Dei erzkonservativ? Das müssen Sie selbst beurteilen. Eine Spiritualität, ein Charisma, in dem der Mensch als Geschöpf Gottes im Mittelpunkt steht, als Ort der Begegnung mit Gott – ich glaube das ist sehr progressiv. Die Liebe zur Freiheit des Einzelnen, der Respekt vor den Andersgläubigen und Andersdenkenden, dass man mit allen gut auskommen kann – das habe ich alles vom Heiligen Josef Maria gelernt.

Andererseits ist für mich völlig klar: Jetzt gehöre ich dem Bistum Chur. Natürlich gibt es da immer noch eine Verbindung, aber meine Inkardination als Priester hat aufgehört in dem Moment, als ich Bischof von Chur geworden bin.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

Dies ist ein Auszug des Interviews. Das komplette Porträt mit Joseph Maria Bonnemain über seine Zeit als Krankenhausseelsorger, die Leidenschaft Kraftsport und seine Weihe in Corona-Zeiten gibt es hier zum Hören

(DR)

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