Syrien - seit zehn Jahren im Bürgerkrieg
Zerstörtes Aleppo
Martin Bröckelmann-Simon
Martin Bröckelmann-Simon

15.03.2021

Misereor-Vorstand Bröckelmann-Simon über zehn Jahre Syrienkrieg "Die zweite Katastrophe dieses Krieges ist das Vergessen"

Es ist der zehnte Jahrestag des Krieges in Syrien. Im Interview spricht der Geschäftsführer des Entwicklungshilfswerks Misereor, Martin Bröckelmann-Simon, über die syrische Katastrophe und prangert eine "Ohnmacht der Weltgemeinschaft" an.

KNA: Zwölf Millionen Menschen in Syrien sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, weitere Millionen außer Landes geflohen, viele Städte zerstört - und noch immer wird in dem ausgebluteten Land gekämpft. Zehn Jahre herrscht nun Krieg und Terror in Syrien. Welche Perspektive sehen Sie für die Menschen im Land?

Martin Bröckelmann-Simon (Geschäftsführer des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor): Reden wir zuerst über die bisherige Bilanz dieses Krieges: mehr als 600.000 Tote, 13 Millionen Vertriebene, viele Regionen wie Aleppo oder Homs sehen aus wie Deutschland 1945. Die Wirtschaft ist ruiniert und die humanitäre Lage vielerorts verzweifelter als je zuvor. 5,6 Millionen Menschen sind außer Landes geflüchtet. In Syrien selbst gibt es 6,1 Millionen Binnenflüchtlinge.

Wir stehen vor einem der schlimmsten Bürgerkriege der neueren Geschichte.

Und er ist ja nicht zu Ende: In der Region Idlib, wo viele Binnenflüchtlinge große Not leiden, kämpft das Assad-Regime mit russischer Unterstützung weiter gegen die von der Türkei gestützten Rebellen. Auch in Nordostsyrien gibt es immer wieder Gefechte, und die verbliebenen Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" sind in den Untergrund gegangen. Insgesamt könnten die Perspektiven für Frieden und menschenwürdige Zukunft kaum schlechter sein.

KNA: Vor allem wurde das Ziel, die Herrschaft des Assad-Regimes zu stürzen, nicht erreicht. Zwei Drittel des Landes sind wieder unter seiner Herrschaft.

Bröckelmann-Simon: Das macht das jahrelange Gemetzel umso sinnloser. Tatsächlich spielten die demokratischen Kräfte in dem Konflikt ja bald eine untergeordnete Rolle. Stattdessen kämpfte ein blutrünstiges Regime gegen teils islamistische Milizen mit teils ausländischer Unterstützung und es entstand ein Stellvertreterkrieg der Mächte um den Einfluss in der strategisch wichtigen Region. Russland, Iran, die Türkei, USA, Katar, die Emirate und Saudi-Arabien beteiligten sich aktiv oder als Waffenlieferanten und Finanziers.

Die Zivilbevölkerung wurde zwischen den Mühlsteinen regionaler und globaler Machtpolitik zerrieben. Besonders bedrückend ist die Ohnmacht der Weltgemeinschaft, die sich offenbar an diese Tragödie gewöhnt hat. Das ist die zweite Katastrophe dieses Krieges: das Vergessen.

KNA: Welche politischen Initiativen wären heute notwendig?

Bröckelmann-Simon: Die bisherige Strategie des Westens ist jedenfalls gescheitert. Wir brauchen mehr Realismus in den Verhandlungen.

Natürlich ist es ein Dilemma, mit einem Schlächter-Regime zu verhandeln. Aber Assad hat die Macht mit russischer und iranischer Hilfe behauptet und wird nicht so rasch verschwinden. Also muss man für die notleidende Bevölkerung nach Wegen suchen, die zumindest unmittelbare Überlebensperspektiven und menschenwürdige Verhältnisse ermöglichen.

Allerdings sind im Kampf um Idlib, aber auch in Nordost-Syrien die Fronten verhärtet. Es fehlt de facto jede echte Friedensperspektive. Trotzdem darf die internationale Diplomatie nicht resignieren, sondern muss alles versuchen, um endlich Lösungen für die leidenden Menschen zu finden.

KNA: Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die westlichen Wirtschaftssanktionen gegen das Regime?

Bröckelmann-Simon: Die bisherige Strategie muss angesichts der faktischen Machtverhältnisse dringend überdacht werden. Humanitäre Hilfslieferungen dürfen zwar derzeit unter Kontrolle Assads ins Land, aber das betrifft ja nur das nackte Überleben - und reicht dafür kaum aus. Für die Zukunft ist entscheidend, dass zumindest die Wasser-, Strom- und Gesundheitsversorgung, aber auch die Schulen wieder funktionieren.

Natürlich darf es dabei keinen Legitimitätsgewinn für das menschenverachtende Regime geben. Man kann mit diesem keine Rückkehr zur Normalität akzeptieren, aber darf darüber auch nicht die Lebensperspektiven für die Menschen vergessen.

Das ist eine schwierige Gratwanderung, aber im Moment leidet die Bevölkerung doppelt - unter der brutalen Diktatur und der materiellen Not. Wer darauf nicht reagiert, macht sich schuldig. Es ist ein Dilemma: eine moralisch saubere Lösung ist nicht in Sicht.

KNA: Vor welchen Herausforderungen stehen Sie derzeit als Hilfsorganisation?

Bröckelmann-Simon: Insgesamt sind zwölf Millionen Menschen im Land auf Hilfe angewiesen - 60 Prozent aller im Land verbliebenen Syrer.

Die Infrastruktur ist stark getroffen, denken Sie nur an Aleppo, Homs, Rakka. Schulen und Krankenhäuser sind zerstört, teilweise wurden sie bewusst angegriffen. Viele der Notleidenden und Traumatisierten sind Kinder. Eine verlorene Generation wächst heran.

Zu der katastrophalen Wirtschaftskrise mit hohen Lebenshaltungskosten und Arbeitslosigkeit kam 2020 auch noch die Corona-Pandemie, die alles zusätzlich erschwert hat. Zuletzt haben Überschwemmungen und Kälte das Land heimgesucht. Die Menschen können aber nirgendwo mehr hin. Wer jetzt noch im Land ist, hat keine Chance zur Flucht, zumal die Türkei dicht ist und die Nachbarländer bereits Millionen aufgenommen haben.

Misereor konzentriert sich mit seinen Partnern in Syrien besonders auf die psycho-soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Bildungsangebote und die Unterstützung von Gesundheitszentren.

Inklusive Libanon und Jordanien haben wir seit 2011 bis heute für insgesamt 78 Projekte sowohl in Syrien als auch für Geflüchtete im Libanon, Jordanien und Irak 19,8 Millionen Euro bereitgestellt.

KNA: Die Reise von Papst Franziskus in den Irak hat die prekäre Lage von Christen noch einmal deutlich gemacht. Wie ist sie in Syrien?

Bröckelmann-Simon: Der Exodus der Christen ist auch in Syrien massiv. Die verbliebene christliche Bevölkerung leidet existenzielle, soziale und ökonomische Not. Das einst beispielhafte Miteinander der Religionen und Völker in Syrien liegt durch den Krieg in Trümmern.

Vertrauen kann nur von unten wieder aufgebaut werden. Das ist der Ansatz unserer syrischen Partner. Letztlich wird Syrien wie der gesamte Nahe Osten nur auf der Basis von Respekt und Toleranz der Völker und Religionen eine gute Zukunft haben. Dafür müssen sich alle auch als Schicksalsgemeinschaft begreifen. Eine andere Lösung gibt es nicht.

Das Interview führte Christoph Schmidt.

(KNA)

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