Prof. Dr. Markus Ries
Prof. Dr. Markus Ries

24.11.2020

Kirchenhistoriker ordnet Chur-Dilemma ein Wer Rechte hat, hat auch Pflichten

Chur sucht einen neuen Bischof. Nachdem sich das Domkapitel nicht auf einen Kandidaten einigen konnte, soll nun der Papst entscheiden. Was steckt dahinter? Der Kirchenhistoriker Markus Ries erklärt den jahrhundertealten Konflikt.

DOMRADIO.DE: Die Bischofswahl in Chur sorgt für Konflikte und Schlagzeilen. In die Geschichte geschaut, warum ist dieses Bistum so konfliktbehaftet?

Prof. Dr. Markus Ries (Kirchenhistoriker an der Universität Luzern): Das hat verschiedene Gründe. Der erste liegt sicher in der Struktur dieses Bistums. Der Bischofssitz ist im Laufe der Geschichte so verändert worden - oder besser gesagt: die Umgebung ist so verändert worden - dass sich der Bischof nicht mehr am Siedlungs-Schwerpunkt, am Wirtschafts-Schwerpunkt oder auch am kirchlichen Schwerpunkt des Bistums befindet, sondern er ist randständig. Zentrum des Bistums ist heute Zürich. Dort leben die meisten Katholikinnen und Katholiken und dort geht eigentlich kirchlich die Post ab.

Der zweite Grund ist eine Polarisierung, schon seit mehreren Jahrzehnten. Es gibt zwei große Lager, die sich manchmal offen befeinden. Die einen werfen den anderen vor, sie seien nicht mehr linientreu. Die anderen werfen den einen vor, sie seien rückwärtsgewandt. Und hier sind schon viele Dialoge in der Vergangenheit gescheitert.

DOMRADIO.DE: Das heißt, wenn man den Konflikt verstehen will, muss man diesen politischen Richtungskampf verstehen?

Ries: Ja, einen kirchenpolitischen und gesellschaftspolitischen Richtungskampf. Das sehe ich hier durchaus. Man sucht heute auch nach Gründen, warum es so schwierig ist und so lange dauert, bis es möglich ist, hier diesen Bischofssitz zu besetzen. Und eine mögliche Antwort findet sich wohl darin, dass das Bestreben war, eine Persönlichkeit zu finden, die in der Lage sein soll, hier diese notwendige Brücke zu bauen. Aber offenkundig fällt es schwer, eine solche Persönlichkeit auszumachen.

DOMRADIO.DE: Nun gibt es eine große Diskussion über das Churer Wahlrecht, das sogenannte "Churer Privileg", wonach die Domkapitulare aus einer Dreierliste ihren Bischof selbst wählen können, ähnlich wie es in einigen Gebieten Deutschlands der Fall ist. Auf weltkirchlicher Ebene ist das eher ungewöhnlich. Warum hat Chur dieses Privileg?

Ries: Das ist eigentlich eine kirchenhistorisch charmante Geschichte, weil nämlich Chur im Prinzip fast das einzige Reichsbistum ist, dem 1803 die Säkularisation und damit der Verlust der alten Bischofs-Wahlordnung zunächst erspart geblieben ist. Das Hochstift Chur ist erst 1854 vollständig säkularisiert worden und die Veränderung des alten, freien Bischofs-Wahlrechtes ist dann erst eine Folge des Codex Iuris Canonici von 1917 gewesen.

DOMRADIO.DE: Deswegen nun auch diese Turbulenzen bei der Bischofswahl. Ein Wahlvorgang von heute auf morgen, ohne die üblichen Ankündigungen und ohne die Beteiligung der Gläubigen. Dann keine Einigung und die Weitergabe nach der Entscheidung nach Rom. Wie erklären Sie sich diese Turbulenzen?

Ries: Dazu gibt es nur Gerüchte, weil ja keine transparente Information stattfindet, geschweige denn ein Einbezug der Gläubigen, um die es ja auch bei der Besetzung eines Bischofsitzes geht.

Man bringt es auch mitunter mit einer Ablösung in Verbindung. Der Nuntius in Bern wird abgelöst durch einen Nachfolger und man hat an verschiedenen Orten lesen können, es sei wohl sein Bestreben gewesen, dieses Geschäft noch unter Dach und Fach zu bringen, ehe er abreist. Das dürfte schon eine gewisse Plausibilität haben.

DOMRADIO.DE: Und dann spielt es wohl auch eine Rolle, dass das Domkapitel in sich offenbar auch relativ zerstritten ist. Diesen Eindruck erweckt es zumindest nach außen.

Ries: Bei den Domherren ist das für mich schwer zu sagen. Persönlich kenne ich eigentlich nur einen oder zwei, die sehr integer sind und die mir nicht einen streitsüchtigen Eindruck machen. Ich denke aber, dass es eben viele Einflussversuche auch von außen her gibt. Es gibt das Bemühen der Domkapitulare, sich zusammenzuraufen - und es gibt natürlich innerhalb des Domkapitels verschiedene Gruppen. Das ist aber ganz normal.

DOMRADIO.DE: Jetzt liest man in der Berichterstattung, dass wohl anscheinend diese drei Kandidaten, die auf der Liste aus Rom stehen, dem Domkapitel zu liberal gewesen sind. Wenn man die sich aber anschaut, sind das ein Opus Dei-Mann und der Generalobere der Zisterzienser in Rom. Das sind ja nicht unbedingt Gruppierungen, die man als zu liberal bezeichnen könnte. Wie schätzen Sie das ein?

Ries: Zunächst muss man sagen, wir bewegen uns da völlig auf der Ebene von Gerüchten, sowohl was die Personen selber betrifft, als auch, was die Spekulationen über die Gründe betrifft, die nicht zu ihrer Wahl geführt haben.

Aber wenn es diese drei Personen sind, dann muss ich Ihnen beipflichten. Die sind hier überhaupt nicht irgendwie als liberal bekannt, sondern sind alle drei angesehene Geistliche mit großer Erfahrung.

DOMRADIO.DE: Was bringt es denn dem Domkapitel, diese Entscheidung jetzt nach Rom zu geben? Dann gibt man ja das bisschen Entscheidungsrecht, das man noch hätte, trotzdem ab. Dann könnte ja eine Entscheidung kommen, die ihnen noch weniger zuspricht.

Ries: Hätte man mich um Rat gefragt, hätte ich gewiss nicht auf diese Linie gedrängt, dass man die Verantwortung einfach aus der Hand gibt und sie nicht wahrnimmt. Wer zu einer Funktion bestellt ist, der muss sie auch ausüben. Es gibt auch Pflichten. Es gibt nicht nur Rechte. Und das gilt auch für Domkapitulare.

DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie das grundsätzlich ein, was wir im Moment in Chur erleben?

Ries: Es ist die Fortsetzung einer unheilvollen Polarisierung, die sich jetzt allgemein in Verbindung mit strukturellen Mängeln, die hier natürlich vorhanden sind, schädlich auswirkt. Das Bischofswahlrecht bedarf nicht nur im Bistum Chur dringend der Revision. Und hier kumulieren sich verschiedene Nachteile und wirken sich zum Schaden der Kirche aus.

DOMRADIO.DE Wie ist jetzt dieser Schritt zu bewerten, dass die Domherren dieses Wahlrecht nun abgeben? Ist das im historischen Kontext schon mal vorgekommen?

Ries: Das müsste ich zuerst nachschauen. Es gibt immer wieder in der Geschichte Situationen, wo sich Domkapitulare nicht auf einen Kandidaten verständigen können. Es gibt dazu auch verschiedene Auswegmöglichkeiten, zum Beispiel die Kompromiss-Wahl. Das heißt, die Delegation des Wahlrechts an einen Ausschuss. Das ist eine offiziell kirchenrechtlich lange in Übung gewesene Praxis. Warum man sich jetzt nicht auf einen solchen Weg besonnen hat, das vermag ich nicht zu beurteilen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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