Bild vom Heiligen Papst Johannes Paul II.
Bild vom Heiligen Papst Johannes Paul II.
Der emeritierte Krakauer Erzbischof Stanislaw Kardinal Dziwisz
Erzbischof Stanislaw Kardinal Dziwisz
Kardinal Henryk Roman Gulbinowicz im Jahr 1998
Kardinal Henryk Roman Gulbinowicz im Jahr 1998

13.11.2020

Missbrauchsskandale treffen Polens katholische Kirche schwer Dunkle Schatten erreichen Johannes Paul II.

Polen gilt als eine der stärksten katholischen Bastionen Europas. Doch nach massiven Vorwürfen gegen zwei Kardinäle sind viele Katholiken mit der Rolle der Kirche sehr unzufrieden. Und jetzt trifft es auch noch Johannes Paul II.

Immer noch berufen sich Polens katholische Bischöfe und Priester bei jeder Gelegenheit auf Papst Johannes Paul II. (1978-2005). Sie zitieren den polnischen Pontifex mindestens so oft wie den heutigen Papst Franziskus. Johannes Paul II. besitzt laut vielen Umfragen die größte Autorität im Land.

Und so versprachen sich die Bischöfe von seiner Heiligsprechung 2014 eine Festigung des katholischen Glaubens in Polen. Trotzdem befindet sich zwischen Oder und Bug die Kirche jetzt in einer schweren Vertrauenskrise - und das hängt auch mit dem einstigen Kirchenoberhaupt zusammen.

Schlüsselfigur Kardinal Dziwisz

Eine Schlüsselfigur ist der Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz. Er war fast 40 Jahre lang persönlicher Sekretär von Karol Wojtyla (Johannes Paul II.). Nun wird er beschuldigt, sexuellen Missbrauch in der Kirche gedeckt und die Opfer im Stich gelassen zu haben. Dziwisz war in den letzten Jahren des "polnischen Pontifikats" im Vatikan fast so mächtig wie der schwer kranke und zunehmend hinfällige Papst selbst, denn vieles entschied faktisch der Sekretär.

In dieser Woche stellte ihn der polnische Nachrichtensender TVN24 schonungslos an den Pranger. Dziwisz habe von sexuellem Kindesmissbrauch durch den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel Degollado (1920-2008), und den früheren US-Kardinal Theodore McCarrick (90) gewusst und beide dennoch gestützt. Obendrein wurde ihm in der TV-Reportage Bestechlichkeit vorgeworfen. Der 2019 aus dem Klerikerstand entlassene McCarrick habe ihm im Juli 1988 nicht weniger als 10.000 Dollar für eine dringende Privataudienz mit Papst Johannes Paul II. gezahlt.

Auch im rund 460 Seiten langen "McCarrick-Report", den der Vatikan am Dienstag veröffentlichte, wird Dziwisz mehr als 40 Mal erwähnt. Er war es, an den McCarrick im August 2000 seinen persönlichen Brief adressierte, in dem er beteuerte, "niemals sexuelle Beziehungen mit einer Person" gehabt zu haben. Auf der Grundlage dieser Beteuerung ernannte der Papst ihn schließlich zum Erzbischof von Washington D.C.

Die Polnische Bischofskonferenz nimmt die Vorwürfe gegen Dziwisz ernst. "Ich hoffe, dass die zuständige Kommission des Apostolischen Stuhls alle in der Reportage präsentierten Zweifel klärt", sagte ihr Vorsitzender Erzbischof Stanislaw Gadecki. Er betonte zugleich, die Kirche in Polen sei "dem Kardinal für seinen langjährigen Dienst an der Seite des Heiligen Johannes Paul II. dankbar".

Dziwisz weist Vorwürfe kategorisch zurück

Kritischer äußerte sich Piotr Studnicki. Er leitet das Büro des Bischofskonferenz-Delegaten für Kinder- und Jugendschutz. Zu den Vorwürfen gegen Dziwisz sagte er: "Ich bin überzeugt, das Nichtaufklären dieser Sache hat der ganzen Kirche geschadet und auch einen Schatten auf das Pontifikat von Johannes Paul II. geworfen." Man müsse die Fälle McCarrick und Maciel ehrlich aufarbeiten.

Dziwisz weist alle Vorwürfe kategorisch zurück. Er habe nie Geld genommen, um den Papst etwas zu verheimlichen oder um unsittliches Verhalten zu vertuschen, schrieb er in einer Stellungnahme. Es handele sich um "diffamierende Anschuldigungen, die den Dienst zerstören sollen, den ich dem heiligen Papst Johannes Paul II. mit völliger Demut geleistet habe". Der Kardinal plädiert für eine unabhängige Untersuchungskommission.

Vorbild dafür könnte die 2018 von der Französischen Bischofskonferenz ins Leben gerufene Kommission sein. Sie arbeitet die Missbrauchsfälle im kirchlichen Milieu seit 1950 auf. Der polnische Priester Tadeusz Isakowicz-Zaleski fordert, diesem Beispiel zu folgen. Bislang ohne Erfolg.

Disziplinarstrafen für Kardinal Gulbinowicz

Während das Urteil über Dziwisz noch nicht gesprochen wurde, hat der Vatikan seine Entscheidung gegen einen anderen wichtigen Kirchenmann, den Breslauer Kardinal Henryk Gulbinowicz (97), bereits vor wenigen Tagen gefällt. Ihm wurde die Teilnahme an öffentlichen Gottesdiensten und Treffen ebenso untersagt wie die Verwendung von Bischofsinsignien und die Beerdigung im Breslauer Dom nach seinem Tod.

Der Vatikan nannte keine Gründe für die Disziplinarstrafen. Ein Sprecher des Erzbistums Breslau (Wroclaw) sagte jedoch, es stehe offensichtlich fest, dass Gulbinowicz des sexuellen Missbrauchs schuldig sei. Gulbinowicz selbst äußerte sich nicht. Er liege in einer Klinik; sein Gesundheitszustand sei ernst, heißt es.

Das Ausmaß des Unmuts über die katholische Kirche zeigt unterdessen eine Umfrage. 65,7 Prozent der Polen sind demnach der Meinung, die Kirche spiele eine negative Rolle im öffentlichen Leben.

Die Krise räumen auch etliche Geistliche unumwunden ein. Auf den polnischen Papst lässt aber der Dominikaner Marek Kosacz aus dem südpolnischen Murzasichle nichts kommen. "Johannes Paul II. ist eine starke und unverletzliche Ikone. Wir sind überzeugt, dass er einfach heilig ist", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Aber seit seinem Tod sei er "nur eine Stütze, die immer weniger funktioniert".

Oliver Hinz
(KNA)

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