Fünf Minuten, länger soll eine Predigt nicht sein.
Fünf Minuten, länger soll eine Predigt nicht sein.

29.08.2020

Diskussion um 5-Minuten-Predigt - für Kölner Pfarrer zu streng "Rotstift gehört zum Handwerkszeug des Predigers"

Nachdem der katholische Erzbischof von Santa Fe seinen Pfarrern eine Obergrenze für Predigten verordnet hat, hat der Kölner Pfarrvikar Peter Seul erläutert, wie er den Beschluss versteht und was für ihn eine gute Predigt ausmacht. 

DOMRADIO.DE: Sie sind Mitglied der Jury vom Bonner ökumenischen Predigtpreis. Welche Predigten gewinnen denn da? Worauf kommt es an?

Pfarrer Dr. Peter Seul (Pfarrvikar der katholischen Gemeinde St. Agnes in Köln): Wir haben die Predigten nur schriftlich vor uns liegen. Beim schriftlichen Wort fällt natürlich schon viel weg, aber die Kriterien sind der Zeitbezug, wie das Evangelium ausgelegt wird und theologische Aussagen.

DOMRADIO.DE: Langweilig wird eine Predigt vielleicht inhaltlich oder auch, weil sie sich in die Länge zieht. Der Anspruch wäre vielleicht "klarer Gedanke, klares Ziel"; mit oder ohne Zeitbegrenzung. Schafft das denn jeder? Oder was ist, wenn nicht?

Seul: Bei der Zielvorgabe, nur fünf Minuten zu predigen, höre ich das Plädoyer raus, zielstrebig zu predigen. Es gibt das Bonmot, dass einer predigt, solange, bis ihm etwas einfällt. Bei der Fünf-Minuten-Grenze höre ich raus, dass es eine prägnante Predigt sein soll, eine mit Aussage, Absicht, eine mit Zielsatzorientierung. Zielsatz ist natürlich so eine homiletische Kategorie, aber Zielsatz bedeutet ja, ich fokussiere mich auf ein Thema, auf eine Sache, also im Sinne von Überschrift. Und diese Fokussierung auf einen Zielsatz hat auch für sich, da ich dadurch, wenn ich so eine Materialsammlung habe, eine Auswertung vornehmen kann, welcher Teil, den ich da meditiert habe, wesentlich für diesen Zielsatz ist und welcher nicht. Und so habe ich so ein Kriterium an der Hand, um so etwas auszusondern.

DOMRADIO.DE: Was ist den Katholiken denn Ihre Predigt des Priesters wert? Sie haben jetzt gesagt, beim Predigtpreis geht es ökumenisch zu. Da haben Sie vielleicht sogar den Vergleich zwischen Katholiken und Protestanten. Gibt es da einen Unterschied?

Seul:Ja, die Heilige Messe besteht ja aus zwei Teilen: aus Wortgottesdienst und Eucharistiefeier. Ich würde sagen, die Eucharistiefeier darf nicht so einfach hinten rüberfallen, weil der Wortgottesdienstteil so lang und ausufernd ist, sondern beides muss aufeinander bezogen sein. Auch schön finde ich immer, wenn im Gottesdienst ein roter Faden da ist, womit ich in der Begrüßung arbeiten kann, in der Predigt, vielleicht noch in einer Einleitung zum Vaterunser oder zum Friedensgruß. Das gibt dem Ganzen eine Konsistenz, einen Zusammenhalt.

DOMRADIO.DE: Jetzt der Fall in den USA - kann man denn die Qualität wirklich von der Länge abhängig machen? Was würden Sie sagen?

Seul: Ich würde eben eher dahinter vermuten, dass es prägnant ist, dass es nicht in eine Schwafelei ausufert, denn "nur fünf Minuten" ist anspruchsvoll. Das ist anspruchsvoller als eine lange Predigt, denn hier können Sie nicht so Exkurse machen, sondern hier kommt es auf jeden Teil an. Und das setzt schon viel Vorbereitung voraus. Homiletisch sagt man: pro Minute Predigt eine Stunde Vorbereitung. Das mag übertrieben sein, aber es steckt schon viel Arbeit dahinter. Auch der Rotstift, würde ich sagen, ist für einen Prediger etwas ganz Essentielles. Manchmal ist er verliebt in eigene Gedanken, in eigene Einsichten. Aber ob die so zum Thema gehören oder hinführen, das ist immer die Frage. Deswegen, ein Rotstift gehört mit ins Arbeitswerkzeug eines Predigers oder einer Predigerin dazu.

DOMRADIO.DE: Kann man das dann erreichen, indem man eine Strafe androh? Halten Sie das für sinnvoll, wie die angedrohte des Bischofs von Santa Fe?

Seul: (lacht) Tja, wie will der Bischof das ahnden? Das macht unnötig Druck. Aber das Anliegen, was dahintersteht, würde ich schon teilen. Nur das fördert ja auch ein Denunziantentum, wenn es Gottesdienstteilnehmer sind. Oder er schickt Leute aus dem Generalvikariat raus? Nein, es müsste schon eine größer angelegte Sache sein, dass etwa eine Kultur des Feedback-Gebens entwickelt wird, mit der Rückmeldung von Profis, aber auch von einzelnen Gläubigen. Das hilft einem Prediger, glaube ich, ungemein.

DOMRADIO.DE: Würden Sie sagen, das fehlt auch in Deutschland?

Seul:Ja. Sie kriegen ja entweder keine Rückmeldung oder die Leute sagen "das war gut" oder "das war schlecht". Aber warum es gut, warum es schlecht war, das vermisse ich in den Rückmeldungen. Ein konkretes Feedback in Bezug auf den Inhalt, auf das Auftreten, auf die Sprache, das würde ich mir manchmal mehr wünschen.

DOMRADIO.DE: Und welchen Wunsch haben Sie aus Sicht eines gewöhnlichen Katholiken, der demnächst eine Predigt hört?

Seul:Ich habe mal Predigtlehre unterrichtet, saß dann oft in der Kirchenbank als Zuhörer. Das ist schon manchmal...

Ich liebe Prediger, die einen gut an der Hand nehmen, die einen sicher und gekonnt durch die Predigt führen, die eine klare Gliederung liefern, dass ich mich wirklich nur auf den Inhalt, nicht auf die Struktur, als Hörer einlassen muss. Ich hab's halt nicht schriftlich vor mir. Ich habe es nur im Ohr, also nur einen Kanal. Wünschen würde ich mir eine Behutsamkeit gegenüber dem Predigthörer, der Predigthörerin, die sind manchmal langsamer als der Prediger denkt, aber auch Mut zur Pause, zum Wachsenlassen von Gedanken, auch Mut zu eigenen Ansichten.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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