Der ukrainische Caritas-Präsident über Krieg und Corona

"Der Krieg ist nicht mehr auf dem Schirm"

​Die Ukraine steht im Mittelpunkt der diesjährigen Pfingstaktion des katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis. Das Land ist nach dem jahrelangen Krieg und der Pandemie nun doppelt getroffen, wie Andrij Waskowycz, Präsident der Caritas Ukraine, berichtet.

Coronavirus in der Ukraine: Medizinische Mitarbeiter tragen Schutzkleidung / © Ukrinform (dpa)
Coronavirus in der Ukraine: Medizinische Mitarbeiter tragen Schutzkleidung / © Ukrinform ( dpa )

KNA: Herr Waskowycz, in welchem Bereich benötigen die Menschen in der Ukraine derzeit die meiste Hilfe der Caritas?

Andrij Waskowycz (Präsident der Caritas Ukraine): Das Coronavirus ist auf ein Land getroffen, das sich seit sechs Jahren im Krieg befindet. Die soziale Lage ist sehr angespannt. Etwa 3,4 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Aufgrund der Corona-Krise sind eine weitere Million Menschen zurückgekehrt, die als Arbeitsmigranten im Ausland tätig waren. Dadurch entwickeln sich soziale Spannungen. Familien kommen oft mit dem Wenigen, was sie haben, nicht aus. Ihre Ersparnisse sind gering. Viele haben durch die Beschränkungen ihre Jobs verloren und haben nun kein Einkommen. Ihnen versucht die Caritas zu helfen. Denn von dem, was der Staat als soziale Absicherung bietet, können sie schlicht nicht leben.

KNA: Wie hilft die Caritas ganz konkret?

Waskowycz: Wir sind für alte Menschen da und pflegen sie zu Hause. Vor allem arbeiten wir auch mit Menschen in der Pufferzone, also die in jenem Bereich zwischen den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten und den von den Russen besetzten Territorien leben. Durch Corona hat sich dort die Versorgungslage massiv verschlechtert. Das betrifft auch alte Menschen. Es ist ein Gebiet, wo viele Bewohner weggezogen sind, weil dort Krieg herrscht. Aber auch in anderen Teilen des Landes ist die Not größer geworden. Als Caritas helfen wir vor allem denen, die dieser Hilfe am meisten bedürfen.

KNA: Welche Projekte konnten sie durch Renovabis realisieren?

Waskowycz: Durch Renovabis gelang es etwa, unsere mobile Palliativ-Pflege weiter ausbauen. Wir sorgen dafür, dass die Menschen so lange wie möglich zuhause in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können und nicht in ein Krankenhaus gehen müssen. Das Gesundheitssystem in der Ukraine ist unzureichend ausgestattet. Oft ist es so, dass die Patienten in den Krankenhäusern von ihren Verwandten mitgepflegt werden müssen. Zudem betreiben wir Werkstätten für Menschen mit Behinderung. In der Ukraine findet die Debatte um Inklusion nicht in dem Maße statt wie in Deutschland. Eigentlich ist sie nicht einmal ein Thema.

KNA: Was können wir in Deutschland von Ihnen in der Ukraine lernen?

Waskowycz: Wir haben eine sehr lebendige Kirche, die eng mit den Menschen verbunden ist. In allen Krisenzeiten war sie nah am Menschen. In der Revolution auf dem Maidan 2014 und auch jetzt in der Corona-Krise. Bei der Revolution der Würde in Kiew waren die Kirchenmänner beim Volk. Das Füreinander-Dasein war damals sichtbar. Die Priester waren bis zum Schluss bei den Menschen. Sie haben die Verletzten teils mitversorgt und aus der Schusslinie gebracht. Partnerschaft besteht aus mehr als nur Geben und Nehmen. Wir sind in der internationalen Gemeinschaft dazu da, um Probleme gemeinsam zu lösen. Wir tragen miteinander Verantwortung für die menschliche Familie.

KNA: Welche Folgen haben der Krieg und die Pandemie auf das Land?

Waskowycz: Der Krieg ist immer noch in einer heißen Phase. Allein in diesem Jahr sind bereits über 50 Menschen umgekommen. Zu spüren sind die Kampfhandlungen aber oft nur, wenn die Toten zurückkehren. Die Weltöffentlichkeit hat diesen Krieg schon lange nicht mehr auf dem Schirm. In unserem Land merkt man ihn zwar auch nicht mehr täglich, doch er wirkt sich auf uns alle aus. Selbst Kinder erzählen von Kriegserlebnissen. Manche können sogar am Geräusch erkennen, um welches Geschoss es sich handelt. Das ist schon schlimm genug. Die Corona-Krise stellt das Land nun vor gewaltige neue Herausforderungen. Aber mit der solidarischen Unterstützung aus Deutschland und anderen Ländern sind wir in der Lage Zuversicht zu vermitteln.

Das Interview führte Christian Michael Hammer.


Quelle:
KNA
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