Manaus: Bestattungshelfer in Schutzkleidung
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Adveniat-Länderreferent Klemens Paffhausen
Adveniat-Länderreferent Klemens Paffhausen
Coronavirus in Brasilien: Indigene Frauen fertigen Mundschutze für die Gemeinde an
Coronavirus in Brasilien: Indigene Frauen fertigen Mundschutze für die Gemeinde an

12.05.2020

Adveniat zum Corona-Notstand in Brasilien Am Coronavirus sterben oder am Hunger?

Brasilien entwickelt sich zu einem Krisenherd der Corona-Pandemie. Jüngst griff Papst Franziskus selbst zum Telefon und rief den Erzbischof von São Paulo an, um sich über die Lage zu informieren. Adveniat-Referent Klemens Paffhausen ordnet ein.

DOMRADIO.DE: Mitten im brasilianischen Urwald liegt die Metropole Manaus. Da müssen Verstorbene jetzt schon in Kühlcontainern gelagert werden, weil selbst die Bestatter überlastet sind – vom Gesundheitssystem ganz zu schweigen. Warum hat sich ausgerechnet da so eine Art Corona-Hotspot entwickelt?

Klemens Paffhausen (Brasilien-Referent beim katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat): Manaus ist nach wie vor die Urwald-Metropole schlechthin. Sie zieht daher viele Geschäftsreisende an, die dort die Fabriken unterhalten oder auch besuchen. Unter anderem gibt es auch viele Unternehmer aus asiatischen Ländern, zum Beispiel aus China, die dort Fabriken unterhalten, um Motoren für Mofas und Motorräder herzustellen, aber auch für die ganzen Schiffe, die im Amazonasgebiet unterwegs sind.

Auch was Radio- und Fernsehtechnik angeht, wird dort viel und steuerbegünstigt produziert. In der letzten Zeit haben wir dort aber auch Migrationsströme aus Venezuela beobachtet. Das heißt, es herrscht eine sehr große Fluktuation.

Dann gibt es natürlich auch viele Menschen aus dem Landesinneren, ob es nun Indigene sind oder Menschen, die verstreut an den Flussufern im Amazonasgebiet leben, die Manaus häufig für Behördengänge, aber auch für Einkäufe aufsuchen, sodass das natürlich die Infektionsmöglichkeiten deutlich erhöht.

DOMRADIO.DE: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat die Gefahr immer kleingeredet und Corona als eine Erfindung der Medien bezeichnet. Hat er denn jetzt angesichts dieser dramatischen Entwicklungen überhaupt noch Rückhalt in der Bevölkerung?

Paffhausen: Präsident Bolsonaro gefällt sich in der Rolle des Provokateurs und ist dadurch natürlich immer wieder in den Schlagzeilen. Seine Zustimmungswerte sind zwar gesunken, dennoch haben wir es im Moment mit einem sehr gefährlichen Szenario zu tun. Man muss sich vor Augen halten, dass viele Menschen durch die Corona-Krise insofern betroffen sind, als die Quarantäne ihnen natürlich auch alle Erwerbsmöglichkeiten nimmt.

Das heißt, viele Menschen möchten gerne weiterarbeiten oder müssen weiterarbeiten. Zugespitzt haben sie eigentlich nur die Wahl, an Corona zu sterben oder am Hungertod. In diese Kerbe geht Bolsonaro rein und spielt letzten Endes die Erwerbslosen gegen die Coronakranken aus. Und das könnte ihm nach wie vor Zustimmungen einbringen.

DOMRADIO.DE: Sie haben es gerade schon angesprochen. Viele können nicht mehr arbeiten gehen, können aber eigentlich auch nicht zu Hause bleiben, weil sie dann eben gar kein Geld verdienen würden. Aber auch Brasiliens Ureinwohner gelten als besonders gefährdet. Warum sind auch die Indigenen besonders gefährdet?

Paffhausen: Die Indigenen haben eine sehr leidvolle Geschichte, was das Zusammentreffen mit den sogenannten weißen Eroberern angeht. Es gibt auch in Brasilien Territorien, in denen es zur Zeit der Eroberungen zu Begegnungen kam, nach denen bis zu 90 Prozent der indigenen Bevölkerung an Krankheiten gestorben sind, weil sie keine Immunabwehr entgegensetzen konnten – und das gilt bis heute.

Das ist auch die Strategie vieler Indigenen, sich weiter zurückzuziehen, weil jede Begegnung mit den Menschen in der Stadt oder mit anderen möglicherweise infizierten Bevölkerungsgruppen tödliche Folgen für sie haben kann. Zudem ist in Indigenen-Dörfern auch so etwas wie eine Quarantäne oder Ähnliches gar nicht umzusetzen, geschweige denn eine entsprechende Notfallmedizin.

DOMRADIO.DE: Sozusagen im Windschatten der Pandemie hat sich auch noch eine andere Lage verschärft. Insgesamt wurden in den vergangenen Monaten doppelt so viele Flächen des Amazonas-Regenwaldes gerodet wie im Vorjahr. Wie hängt das jetzt zusammen?

Paffhausen: Letztes Jahr hat sich schon herausgestellt, dass auch unter dem jetzigen Präsidenten Bolsonaro eine Politik verfolgt wird, bei der es um möglichst viel Abholzung geht. Das heißt, man betrachtet den Amazonas-Regenwald als wirtschaftliche Ressource. Es geht also um den Export von Hölzern, aber auch darum, weiteres Weideland zu schaffen, um Rindfleisch exportieren zu können.

Man muss mindestens davon ausgehen, dass die ganzen Aufsichtsbehörden in so einer Krisensituation nicht sehr schlagkräftig sind. Und wenn sich sowieso das Gefühl breit macht, dass es gesamtpolitisch eher gewollt ist, dann ist damit zu rechnen, dass im Moment einfach Fakten geschaffen werden, indem noch mehr abgeholzt wird.

Wahrscheinlich wird aber auch schon auf die Zeit nach der Krise geschielt, wo man dann vielleicht hofft, weitere Absatzmärkte bedienen zu können, insbesondere was den Fleischexport in die asiatischen Länder angeht – und auch den Sojaexport. Das sind ja die Hauptprobleme, die zur Abholzung führen.

DOMRADIO.DE: Wie unterstützen Sie als katholisches Lateinamerika-Hilfswerk denn die Brasilianer derzeit?

Paffhausen: Wir sind sehr gut in Kontakt mit der lateinamerikanischen Kirche, die schon eine besonderes Auge für die Armen hat und im Moment natürlich als karitative Organisation auch sehr gefragt ist. Adveniat hat bisher schon 2,5 Millionen Euro als Sofortmittel und Nothilfe bereitgestellt und unterstützt in vielfältiger Weise – insbesondere für Lebensmittelpakete, Medikamente und Hygiene-Artikel.

Speziell in Manaus sind wir auch im Gespräch mit dem Erzbischof. Wir wissen, dass es ein großes Problem ist, dass die dortige katholische Kirche keine eigenen Krankenhäuser hat und daher auch nicht so wirksam im Gesundheitssystem tätig ist.

Anders ist das zum Beispiel in anderen Diözesen in Obidos, wo Adveniat auch zwei Krankenhäuser unterstützen kann, und auch ein Hospitalschiff, was nach Möglichkeit auch in die Außenbezirke fahren kann und dort mit einem Ärzteteam unterwegs ist.

Aber nach wie vor ist die große Frage: Wie bekommt man die Menschen satt? Hunger wird zunehmend ein Problem. Und hier versucht Adveniat auch, möglichst viele Haushaltsmittel freizubekommen, die sonst für andere Projekte reserviert sind.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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