Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick
Erzbischof Ludwig Schick
Polnische Geistliche ziehen in Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch das Lagertor.
Polnische Geistliche ziehen in Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1965 durch das Lagertor.
Priesterbaracke in Dachau
Priesterbaracke in Dachau
Priestermesse in Dachau
Priestermesse in Dachau

29.04.2020

Erzbischof Schick über abgesagtes Gedenken an die KZ-Befreiung "Versöhnung hat kein Verfallsdatum"

An diesem Mittwoch wollten katholische Bischöfe aus Deutschland und Polen gemeinsam an die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau vor 75 Jahren erinnern. Wegen der Corona-Pandemie ist dieser Termin nun abgesagt.

KNA: Der geplante Gedenkgottesdienst mit dem Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki, in Dachau ist nun abgesagt. Wie schwer fiel dieser Schritt?

Erzbischof Ludwig Schick (Bamberger Erzbischof, deutscher Vorsitzender einer Kontaktgruppe zwischen deutscher und polnischer Bischofskonferenz): Mir tut die Absage unendlich leid, den polnischen Bischöfen auch. Die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau und aller Konzentrationslager vor 75 Jahren kann nicht gefeiert werden. Das wäre sehr wünschenswert und wichtig gewesen!

Denn die Befreiung war für die Insassen ein Akt großer Humanität, es war ihre Lebensrettung und das Ende von Qual und Angst für die Überlebenden. Zugleich war die Befreiung das Ende des Naziterrors, des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs. Bei der Gedenkfeier in Dachau hätten wir auch an all jene gedacht, die in den Lagern umgekommen sind.

Auch wenn der polnisch-deutsche Gedenkgottesdienst am Mittwoch nicht stattfinden kann, werden wir den Tag als einen Tag der Erinnerung und der Dankbarkeit, aber auch der Trauer und des Schmerzes begehen.

KNA: Gab es Kritik der polnischen Mitbrüder an diesem dem Gottesdienstverbot geschuldeten Schritt?

Schick: Nein! In Polen gelten wegen der Corona-Pandemie ähnliche Maßnahmen für das öffentliche und kirchliche Leben wie in Deutschland. Dort können zurzeit auch keine öffentlichen Gottesdienste gefeiert werden. Im Gespräch mit den polnischen Mitbrüdern haben wir gemeinsam festgestellt: Eine Gedenkfeier ist derzeit leider nicht möglich!

KNA: Auch ein deutsch-polnisches Klerikertreffen hätte aus Anlass der KZ-Befreiung stattfinden sollen, außerdem ein Treffen der Deutsch-Polnischen Kontaktgruppe. Welche besondere Bedeutung für die Kirche hat diese Erinnerung an die Befreiung?

Schick: In Dachau gab es den eigenen Pfarrerblock, in dem katholische, evangelische, orthodoxe Geistliche aus halb Europa eingesperrt waren, die wegen irgendwelcher fadenscheiniger Gründe verurteilt worden waren. Deshalb hat die Befreiung für alle Kirchen in Europa große Bedeutung. Die Erinnerung daran kann den Zusammenhalt der katholischen Kirche und aller Konfessionen in Europa stärken.

KNA: Ist geplant, die Gedenkfeiern nachzuholen?

Schick: Dafür gibt es derzeit keine Pläne. Aber bereits vor zwei Jahren hat eine Gedenkfeier mit polnischen und deutschen Bischöfen und Priestern in Dachau stattgefunden. Wir werden nach der Corona-Zeit darüber nachdenken, wann und wie wir einen Gedenkgottesdienst feiern. In Dachau waren über 2000 polnische, deutsche und tschechische Priester eingesperrt. Die Erinnerung an das gemeinsame Leiden kann den Zusammenhalt der katholischen Kirchen für den gemeinsamen Auftrag heute, ein Europa der Werte auf der Basis des Evangeliums aufzubauen, stärken.

Wir dürfen uns gerade jetzt nicht auseinanderdividieren lassen, sondern müssen miteinander Kirche in Europa sein. Vergessen sollten wir auch nicht den ökumenischen Aspekt. Mit den katholischen Priestern waren auch evangelische Pastoren und orthodoxe Popen im Konzentrationslager interniert, und es gab ökumenische Beziehungen, die uns heute ein Auftrag zur Ökumene sein sollten.

KNA: Nun ist auch das Ende des Zweiten Weltkriegs 75 Jahre her. Braucht es da überhaupt noch eine eigene deutsch-polnische Kontaktgruppe der Bischöfe?

Schick: Kontakte, Gespräche, Gemeinschaft braucht es immer. Kirche definiert sich als Gemeinschaft, die über alle Landes- und Kulturgrenzen hinaus besteht. Gute deutsch-polnische Beziehungen im Herzen Europas sind sehr wichtig. Es gab ungeheure Verletzungen und Verbrechen in der Geschichte zwischen den beiden Ländern, besonders im 20. Jahrhundert, in die auch die Kirche verwickelt war.

Beim Überfall auf Polen 1939 etwa haben die deutschen Bischöfe zumindest keinen offenen Widerstand geleistet. Die Wunden der Nazizeit sind noch nicht verheilt. Man muss immer wieder daran arbeiten und die guten Beziehungen vertiefen. Versöhnung hat kein Verfallsdatum.

KNA: Das Verhältnis zwischen polnischen und deutschen Bischöfen war nach dem Zweiten Weltkrieg alles andere als konfliktfrei. Es gab Höhen und Tiefen, die mit politischen, aber auch mit kirchenpolitischen Frontstellungen zu tun hatten. Wie würden Sie das heutige Verhältnis charakterisieren?

Schick: Das Verhältnis ist grundsätzlich gut, aber es gibt unterschiedliche Vorstellungen, die oft kulturelle und geschichtliche Wurzeln haben. Wir haben in Deutschland seit 1945 Demokratie und große Freiheiten, politisch und auch kirchlich. Es gibt gute ökumenische Beziehungen zu den evangelischen Mitchristen. Das alles gab es in Polen in der kommunistischen Zeit nach dem Krieg bis 1989/90 nicht.

Das traditionelle volkskirchliche katholische Leben war sehr wichtig, Wallfahrten, Muttergottesverehrung, heilige Messe und Beichte etwa. Auch die Stellung der Bischöfe und Priester sowie die Beziehungen des Klerus zu den Laien waren ganz anders als bei uns. Der Widerstand gegen den Kommunismus vereinte alle unter der Führung der Bischöfe. Daraus resultierten unterschiedliche Vorstellungen von Kirche und kirchlichem Leben, die auch heute deutlich zu spüren sind. Darüber sprechen wir und suchen Einheit für unser gemeinsames Wirken in Europa.

Das Interview führte Christian Wölfel.

(KNA)

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