Noch gibt es Lebensmittel in Venezuelas Supermärkten - diese seien jedoch zu teuer für die Venezolaner, so Adveniat
Fast leere Supermärkte in Venezuela
Bischof Mario del Valle Moronta Rodriguez
Bischof Mario del Valle Moronta Rodriguez

12.12.2019

Venezolanischer Bischof beklagt große humanitäre Krise "Es geht nicht nur ums Leben, sondern ums Überleben"

Die prekäre wirtschaftliche Lage und der politische Machtkampf in Venezuela sorgen für Schlagzeilen. Im Interview spricht Bischof Mario del Valle Moronta Rodriguez über Massenexodus, Not und Erwartungen an die internationale Gemeinschaft.

KNA: Sie besuchen derzeit auf Einladung des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat Deutschland. Wie ist denn die humanitäre Lage in Venezuela?

Bischof Mario del Valle Moronta Rodriguez (Bischof von San Cristobal de Venezuela): Das Land steht vor dem Abgrund. Wir haben eine politische und eine soziale Krise, aber eigentlich handelt es sich um eine humanitäre Krise. Es fehlt an Respekt den Menschen gegenüber.

Venezuela versinkt in Armut, Elend und Hunger, im Gesundheits- und im Bildungswesen herrscht Mangelwirtschaft. Nur an Korruption fehlt es leider nicht.

KNA: Welche Folgen hat das für die Menschen?

Moronta: Es geht nicht mehr nur ums Leben, sondern um das Überleben. Manche Menschen müssen sich selbst korrumpieren, um überleben zu können. Andere leben von dem, was ihnen diejenigen schicken, die das Land verlassen haben. Jeden Tag sinkt die Hoffnung. Wir erleben eine regelrechte Flucht aus dem Land. Das sehe ich täglich in meinem Bistum im Grenzgebiet.

KNA: Wie viele Menschen sind bereits geflohen?

Moronta: Nach Informationen der Caritas sind inzwischen allein sechs Millionen Venezolaner in andere Länder Lateinamerikas gegangen. Dazu kommen diejenigen, die in den USA und Europa leben. Die erste Welle, die gegangen sind, waren gut ausgebildete Fachkräfte, die ein besseres Leben suchten. Die zweite Welle waren Familien aus der Mittelschicht. Inzwischen gehen die, die nichts mehr haben.

KNA: Hat die Kirche Kontakt zu den Geflohenen?

Moronta: Wir versuchen natürlich, die Menschen zu begleiten. An der Grenze bieten wir Hilfe an, etwa Schlafplätze, Essen und Sanitäranlagen. Die Menschen bekommen auch Unterstützung dabei, ihre Rechte durchzusetzen. Sehr gute Kontakte außerhalb Venezuelas haben wir nach Kolumbien, Ecuador, Peru und Chile. Dort helfen wir unseren Landsleuten direkt.

KNA: In welcher Rolle sehen Sie die Kirche in Venezuela?

Moronta: Wir versuchen dem nachzukommen, was Papst Franziskus fordert, nämlich eine arme Kirche für die armen Menschen zu sein. Wir geben zum Beispiel Hilfe bei Operationen oder Krankheiten. Die Kirche teilt, was sie hat. Keiner geht von uns weg, ohne dass er etwas bekommen hat. Wir sind dabei auch sehr dankbar für die Hilfe, die von außen kommt, von Kirche in Not, Adveniat oder Misereor, auch über Italien und Spanien zeigt sich die Kirche sehr solidarisch.

KNA: In diesem Jahr hat der Machtkampf zwischen Venezuelas Präsident Nicolas Maduro und seinem Gegenspieler Juan Guaido die Welt bewegt. Auf welcher Seite steht die katholische Kirche?

Moronta: Kirche ist keine politische Partei und kein politischer Akteur. Wir sind bereit, weiter eine Brücke zwischen Regierung und Opposition zu sein. Leider ist das derzeit nicht sehr erfolgreich. Als Kirche haben wir eine kritische Haltung gegenüber beiden Seiten.

Juan Guaido ist eine Option, aber nicht die einzige. Es geht vor allem darum, die Kräfte zu einen, um das Land zusammenzuhalten und wiederaufzubauen. Das wäre möglich. Die Regierung müsste dazu aber Neuwahlen verkünden - und zwar ohne Maduro.

KNA: Wie sehen Sie die nähere Zukunft Venezuelas?

Moronta: Man löst die Situation nicht nur dadurch, dass Maduro verschwindet. Die Probleme gehen tiefer. Diese Regierung ist illegitim, kriminell, korrupt und hat nur ein Ziel: sich selbst zu bereichern. Sie verstößt gegen die Menschenrechte und das Völkerrecht. Menschen werden gefoltert und getötet, die Grenzen dicht gemacht. Man lässt humanitäre Helfer nicht ins Land. Vor Kurzem wurden Anführer der Pimones, eines indigenen Volkes, umgebracht, und zwar von der Regierung. Es gibt eine Selbstzensur der Presse.

KNA: Ausländische Mächte üben einen großen Einfluss aus...

Moronta: Ja, wir sind Teil des großen geopolitischen Schachspiels zwischen den USA und Russland. Aber es darf nicht um das Abstecken der Territorien, sondern es muss um das Überleben der Menschen in Venezuela gehen. Wir brauchen auch dringend eine veränderte Haltung der europäischen Regierungen: Derzeit kritisiert man Venezuela, verkauft ihm aber zugleich Waffen und beutet die Rohstoffe des Landes aus. Das geht so nicht.

KNA: Was erhoffen Sie sich von Deutschland?

Moronta: Dass es sich auf die Seite der Menschen in Venezuela stellt. Zudem sollte Deutschland seine diplomatischen Kanäle für einen politischen Wandel nutzen, damit es eine echte Demokratie gibt, an der alle partizipieren können, mit freien, kontrollierten Wahlen.

KNA: Sie kritisieren die Regierung deutlich. Wie reagiert diese? Ist die Kirche Repressionen ausgesetzt?

Moronta: Natürlich gibt es Gruppen, die versuchen, die Kirche unter Druck zu setzen. Eine direkte Repression erleben wir aber nicht. Wir können arbeiten. Wenn wir zum Beispiel einen Hirtenbrief entwerfen, dann ignoriert man dies einfach. Manche Vertreter des linken Lagers sagen uns aber immer wieder, wir sollten uns als Kirche nicht politisch einmischen. Man merkt schon, dass wir nicht gern gesehen sind. So hat man uns beispielsweise den Zugang zu Gefängnissen und Militärbasen verweigert, so dass wir dort keine Seelsorge mehr leisten können. Die Venezolaner sind aber sehr religiös, daher kann uns die Regierung nicht ohne weiteres frontal angreifen. Die dafür zu erwartende Kritik will die Regierung nämlich vermeiden.

Das Interview führten Alexander Riedel und Christoph Scholz.

(KNA)

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