Verbotene Gipfel gibt es nicht nur in Australien

Beschützen oder Betreten, das ist die Frage an heiligen Bergen

Wie mit Bergen umgehen, die für die einen heilig und für andere nur ein Tourismusspot sind? Australien hat die Frage für den weltberühmten Uluru beantwortet - ab Samstag heißt es: beklettern verboten.

Autor/in:
Christoph Renzikowski
Ayers Rock, eines der Wahrzeichen Australiens / © eo Tang (shutterstock)
Ayers Rock, eines der Wahrzeichen Australiens / © eo Tang ( shutterstock )

Ayers Rock, eines der Wahrzeichen Australiens, darf ab Samstag nicht mehr bestiegen werden. Mit dem Verbot entspricht die zuständige Nationalparkverwaltung einem langgehegten Wunsch der Ureinwohner. Für das Volk der Anangu ist der spektakuläre, rot schimmernde Monolith, den sie Uluru nennen, heilig. Doch kurz vor Toresschluss haben noch einmal besonders viele Freizeitkraxler die Gefühle der Aborigines ignoriert.

Der Uluru sei "kein Spielplatz und kein Disneyland", lautet der seit Jahrzehnten flehentlich vorgetragene Einwand der Anangu, die allerdings auch vom Tourismus profitieren. Das offenbart den Zwiespalt, dem heilige Berge in aller Welt unterliegen, nicht nur in Australien. Der Konflikt zwischen religiöser Ehrfurcht und Vermarktung wird unterschiedlich gelöst. Eine Besteigung oder wenigstens das Sich-Nähern kann bisweilen auch ein religiöser Akt sein und keine Entweihung.

Friedlich nebeneinander

Am Fuji in Japan koexistieren Pilger und Touristen beim Aufstieg friedlich nebeneinander. Auf dem Olymp, Sitz der griechischen Götter, kann man ungestraft dem Heliskiing frönen. Auch am Sinai, dem heiligen Berg der Juden, Christen und Muslime, gibt es keine Einschränkungen für Besucher.

Als der heiligste aller heiligen Berge, der dazu noch bisher unbestiegen ist, gilt der Kailash in Tibet. Nicht einmal die lebende Alpinistenlegende Reinhold Messner hat den knapp 6.700 Meter hohen Gipfel im Tourenbuch stehen. Einen menschlichen Fuß auf die schneebedeckte Pyramide zu setzen, käme einer Gotteslästerung gleich.

Zerstörer aller Illusionen

Das glauben Buddhisten und auch Hindus. Für jene thront Shiva dort oben, der Zerstörer aller Illusionen. Wohl nicht allein zur Abschreckung von Aspiranten kursiert in Tibet der Spruch: Den Kailash zu besteigen, das könnte nur schaffen, "wer frei von jeglicher Sünde ist". Doch Verbote haben auch ihren Reiz. Respektlose Bergfexe, die sich am Kailash probierten, tarnten sich schon als Naturschützer und Müllsammler. Weltweite Proteste der betroffenen Religionen, aber auch berühmter Bergsteiger, setzten diesen Versuchen stets ein Ende.

Als höchste geistliche Übung gilt es dagegen, den Berg zu umrunden. Die sogenannte Kora führt auf 53 Kilometern und in gehörigem Abstand zum Gipfel - mindestens 1.000 Höhenmeter - einmal um das Massiv. Die Wallfahrer laufen den Weg nicht einfach ab, sondern werfen sich der Länge nach auf den Boden. Wo die Finger zu liegen kommen, beginnt nach dem Aufstehen der nächste Schritt. Nach drei Tagen und rund 200.000 Niederwerfungen sind sie wieder dort, wo sie gestartet sind.

"Rituelle Verschmutzung"

Religiös werden Besteigungsverbote häufig mit der Gefahr "ritueller Verschmutzung" begründet. Im Himalaya ist das etwa der Fall, wenn Touristen Tiere töten oder miteinander Sex haben. Die Anangu in Australien bekümmerte außerdem, wenn Touristen am Uluru in den Tod stürzten. Was wegen häufig urplötzlicher Wetterumschwünge gar nicht so selten vorkam. Wer das Tabu ignoriert, zieht bisweilen den Zorn der Götter auf sich.

So wurde nach einer Expedition auf den Jichu Drake (6.660 Meter) im Himalaya-Königreich Bhutan 1983 die Region von heftigem Hagel heimgesucht. Eine Gesandtschaft der betroffenen Dörfer bat daraufhin den König, solche Unternehmungen zu verbieten. Für Bergsteiger gilt in Bhutan seither eine Obergrenze von 6.000 Metern. Nur darunter ist Trekking erlaubt.

Auch für Atheisten interessant

Einige Verbote entfalten ihre Wirkung erst mit Verzögerung. So ist es rund um den Uluru nicht gestattet, ein Steinchen mitzunehmen. Mancher Tourist, der das ignorierte, bereute das nach seiner Rückkehr aus Down Under. Inzwischen sammeln sich bei der Nationalparkverwaltung zurückgeschickte Souvenirs. In den Begleitschreiben heißt es, sie hätten den Besuchern Unglück gebracht.

Heilige Berge können selbst für erklärte Atheisten interessant sein. Unlängst inszenierte Nordkoreas Diktator Kim Jong Un am Vulkan Paektu, mit 2.744 Metern höchster Gipfel der Halbinsel, eine Propagandashow eigener Art: auf dem Rücken eines weißen Pferdes vor schneebedeckten Hängen. Regierungsmitglieder raunten daraufhin etwas von einer bevorstehenden "großen Operation", die "weltweites Staunen" auslösen werde.


Sitz der Götter: Der Olymp in Griechenland / © dinosmichail (shutterstock)
Sitz der Götter: Der Olymp in Griechenland / © dinosmichail ( shutterstock )

Fuji: Vulkan und höchster Berg Japans / © Aeypix (shutterstock)
Fuji: Vulkan und höchster Berg Japans / © Aeypix ( shutterstock )

Der Kailash gilt den Tibetern als heiliger Berg / © Zzvet (shutterstock)
Der Kailash gilt den Tibetern als heiliger Berg / © Zzvet ( shutterstock )

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un am Vulkan Paektu / © N.N. (Reuters)
Nordkoreas Diktator Kim Jong Un am Vulkan Paektu / © N.N. ( Reuters )
Quelle:
KNA