Salwa Salem Copty mit einem Foto ihres verstorbenen Vaters Fares
Salwa Salem Copty mit einem Foto ihres verstorbenen Vaters Fares
Schild auf dem christlichen Friedhof (und Verbotshinweis ihn zu betreten)
Schild auf dem christlichen Friedhof (und Verbotshinweis ihn zu betreten)
Salwa Salem Copty (2.v.r.)auf dem Weg zum Eingang der israelischen Militärbasis
Salwa Salem Copty (2.v.r.)auf dem Weg zum Eingang der israelischen Militärbasis
Restaurierte melkitische Kirche im ehemaligen Dorf Ma'alul in Israel
Restaurierte melkitische Kirche im ehemaligen Dorf Ma'alul in Israel
Altar mit Kreuzen in der restaurierten melkitischen Kirche
Altar mit Kreuzen in der restaurierten melkitischen Kirche

17.08.2019

Palästinensische Christin darf erstmals Grab des Vaters besuchen Eine offene Wunde

Mit 71 Jahren durfte Salwa Salem Copty erstmals das Grab ihres Vaters besuchen. Es liegt nach der Zerstörung des Dorfes Maalul 1948 in einer israelischen Militärbasis. Fares Salem wurde vor Salwas Geburt getötet.

"Ich will ihm sagen, dass ich ihn liebe und wie sehr ich mir wünsche, dass er die ganze Familie kennenlernt." Sichtbar bewegt spricht Salwa Salem Copty ihre Worte in Richtung des vergilbten Fotos in ihrer Hand. Jahrelang hat sie diesen Tag in Gedanken durchgespielt, ihre Worte immer wieder geübt. 71 Jahre und 14 Tage nach ihrer Geburt und nach fast 20-jährigem Ringen mit den Behörden darf die palästinensische Christin erstmals das Grab ihres Vaters besuchen.

Fares Salem, der Mann auf dem Foto, starb am 17. April 1948 durch Kugeln zionistischer Kämpfer. Drei Monate bevor die neugegründete israelische Armee seinen Geburtsort Maalul einnahm, die Bewohner vertrieb und die Häuser zerstörte. Seine jüngste Tochter hat Fares nicht mehr in den Armen halten können. Salwa erblickte am 31. Juli 1948 das Licht der Welt, in Nazareth, sechs Kilometer westlich von den Ruinen Maaluls, als binnenvertriebene Halbwaise.

Friedhof im Sperrgebiet

Seit 1949 liegt Maaluls christlicher Friedhof im Sperrgebiet eines israelischen Militärpostens. Ausnahmen gab es bisher auch nicht für die Angehörigen der Toten. Anträge auf eine Besuchsgenehmigung, die die Christin seit 2000 wiederholt an verschiedene israelische Behörden stellte, blieben unbeantwortet. Erst eine Petition des Adalah-Rechtszentrums für arabische Minderheiten am obersten israelischen Gericht brachte Bewegung. Bis zu drei Mal im Jahr könne die Familie unter strengen Auflagen das Grab besuchen.

Als Salwa noch ein Kind war, erzählt ihre älteste Tochter Odna, sei Fares seiner Frau im Traum erschienen und habe nach allen Familienmitgliedern gefragt. Allen außer Salwa, der unbekannten Tochter. "Diese offene Wunde hat sie in all den Jahren mit sich getragen", sagt Odna. "Wir sind zurückgekehrt", bedeutet ihr Name, eine Prophezeiung, die sich an diesem Tag erfüllen soll.

Vor dem Tor geblieben

Immer wieder reicht Salwas Rechte mit dem Taschentuch zum Gesicht, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Nur noch das Tor im Sicherheitszaun trennt sie von dem Moment, dessen Ausbleiben ihr Leben und das ihrer Kinder prägte. Gleich, wenn die Mitgereisten sich auf den von den Soldaten geforderten Abstand vom Tor entfernt haben werden, wird es sich öffnen.

Nur ihr 93-jähriger Onkel, der einzige, der das Grab auf dem Friedhof noch identifizieren kann, und zwei weitere männliche Angehörige dürfen Salwa begleiten. Der aus Nazareth angereiste melkitische Priester muss ebenso vor dem Tor bleiben wie Kameras, Mobiltelefone und andere Aufnahmegeräte.

Erhalt des Erbes

Familienangehörige, andere Vertriebenenfamilien, Menschenrechtler und die arabisch-israelischen Knessetabgeordneten Ayman Odeh und Aida Touma-Suliman: Viele bekunden Solidarität und wollen dem symbolischen Sieg im Kampf der arabischen Minderheit um ihre Rechte beiwohnen. "Das Recht schläft für eine Zeit, aber es stirbt nicht", steht auf dem T-Shirt von Ali Ali Assaleh. Salwas Friedhofsbesuch ist Frucht ihrer hartnäckigen Anstrengung, sagt der Muslim, der sich im Erhalt des Erbes von Maalul engagiert.

Nach einer guten Stunde im Schatten der melkitischen Kirche, einem der beiden letzten erhaltenen Gebäude Maaluls, kommt die erlösende Nachricht: Sie haben den Friedhof gefunden, das Grab identifiziert. Ein Soldat lässt sich erweichen, macht ein Foto der Familie um das mit einem Blumenkranz geschmückte, grabsteinlose Grab.

"Enormer Erfolg"

"Wer hätte geglaubt, dass es einen solchen Kampf braucht, um ein so grundlegendes Recht wie den Besuch seiner verstorbenen Verwandten durchzusetzen?", sagt Sawsan Zaher. Für die Anwältin, die Salwa im Auftrag von Adalah vertreten hat, ist der heutige Tag ein "enormer Erfolg auf professioneller Ebene". Mehr noch aber sei es ein persönlich ergreifender Moment.

Salwa schlägt ihre Zunge zur Ululation an, dem typischen arabischen Freudenruf der Frauen. "Seit mehr als 70 Jahren bete ich zu Gott, dass ich hierher kommen und an diesem Grab stehen darf. Jetzt habe ich seine Erde berührt", sagt die 72-Jährige, die trotz der Anstrengung schlagartig verjüngt wirkt. Und sie will wiederkommen: "Dies ist unser Land, unser Dorf!"

(KNA)

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