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Frauen in Bangui, Zentralafrikanische Republik

03.07.2019

Wie lebt es sich in der Zentralafrikanischen Republik? Zwischen Afrikaromantik und Krise

Ein vergessenes Land - so nennt Caritas International die Zentralafrikanische Republik. Kim Kerkhof war vor Ort und berichtet über eine Region, in der 125.000 Menschen auf einen Arzt kommen und die Stimmung jeden Moment kippen kann.

DOMRADIO.DE: Sie waren in der Grenzregion zum Kongo unterwegs. Was sieht und erlebt man vor Ort?

Kim Kerkhof (Caritas International): Wir waren die ersten zwei Tage noch in der Hauptstadt Bangui. In Bangui gibt es geteerte Straßen und Elektrizität. Hilfsorganisationen tummeln sich dort schier. In Kouango, in der von Ihnen angesprochenen Grenzregion, war dann wirklich niemand mehr außer der Caritas. Es gibt keine asphaltierten Straßen, es gibt keinerlei Strom. Es gibt kein fließend Wasser, es gibt kein Abwasser. Es gibt wirklich gar nichts.

Auf den ersten Blick hatte man immer das Gefühl, es wäre alles friedlich. Es kommt einem fast ein bisschen Afrika-romantisch vor. Sobald man dann näher herangeht, merkt man, wie schlecht es den Menschen geht. Hunger spielt eine große Rolle - nicht unbedingt Unterernährung, aber vor allem Mangelernährung. Die Gesundheitssituation bereitet uns dort große Sorgen.

DOMRADIO.DE: So richtig dramatisch ist die Lage seit 2013, als der Präsident von Rebellen gestürzt wurde. Seitdem kämpfen verschiedene Gruppen um die Macht im Land. Sie waren in einer Region, die von Milizen kontrolliert wird. Merkt man davon etwas?

Kerkhof: In dem Moment, wo man die Hauptstadt verlässt, merkt man sehr schnell, dass man nicht mehr in einem vom Staat kontrollierten Gebiet ist. Auch wir mussten bei der UPC-Miliz, die in der Region zurzeit herrscht, vorstellig werden. Es gibt keinerlei staatlichen Repräsentanten mehr, keine Polizei, keine staatliche Gesundheitsversorgung. Man merkt es sehr deutlich: Sobald man die Hauptstadt verlässt, befindet man sich letztendlich nicht mehr auf Regierungsgebiet.

DOMRADIO.DE: Und da kommen Sie als Caritas ins Spiel. Es gibt viele Hilfsorganisationen, die das Land verlassen. Sie sagen bewusst: Wir bleiben da. Sie haben unter anderem ein mobiles Krankenhaus besucht, das psychologische Erste Hilfe bietet. Wie sieht diese erste Hilfe denn aus?

Kerkhof: Da muss man unterscheiden. Wir waren in einem Krankenhaus im Kouango, das nicht von der Caritas betrieben wird. Wir haben dort den einzigen Arzt besucht. Er ist für 125.000 Menschen der einzige Ansprechpartner, der einzige Arzt! Die Situation dort war wirklich furchtbar. Er hat uns erzählt, dass er für Operationen dieselben Handschuhe benutzen muss, da er nicht genügend davon hat. Malaria ist ein riesiges Problem. Die Caritas hat eine mobile Klinik: Ein Team von fünf Kollegen fährt mit einem Jeep - manchmal auch mit dem Boot - in ganz entlegene Dörfer und betreibt eine Basis-Gesundheitsversorgung. Das dringendste Problem ist Malaria.

Die psychologische Erste Hilfe ist jetzt neu dazugekommen, weil die meisten Menschen in der Zentralafrikanischen Republik durch den Krieg traumatisiert sind. Viele wurden vertrieben, viele haben Angehörige verloren. Letztendlich ist die Bewegung sehr eingeschränkt. Die Frauen müssen häufig gewisse Wegstrecken zurückzulegen, um zu den Feldern zu kommen. Und viele werden - nicht nur während der Hochphase des Konflikts, sondern auch jetzt noch - Opfer von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. Und die Täter müssen in der Situation, in der sich das Land befindet, nicht fürchten, in irgendeiner Form für ihre Taten belangt zu werden.

DOMRADIO.DE: 2015 hat Papst Franziskus das Land besucht und dort das Heilige Jahr eröffnet. Vor kurzem hat sich die katholische Bischofskonferenz des Landes beraten. Die Bischöfe sagen, dass die Situation besser werde und es weniger Versorgungsprobleme gebe. Nachrichtenagenturen berichten eher das Gegenteil. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Kerkhof: Im Vergleich zur Hochphase des Konflikts vor vier, fünf Jahren hat sich die Situation vermutlich schon verbessert. Uns wurde vor Ort gesagt, Bangui und das gesamte Land seien ein Vulkan, der jederzeit wieder ausbrechen kann. Genauso haben wir es auch wahrgenommen. Während der acht Tage, die wir im Land waren, war es eigentlich sehr ruhig. Man konnte zwischendurch fast vergessen, dass man sich in einem Krisenland befindet.

Dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag. Am letzten Tag unserer Abreise, als wir morgens unsere Unterkunft verließen, war das Bild ein ganz anderes: Die Straßen waren voller Waffen, Militär. UN-Blauhelme waren unterwegs, und Polizisten und verschiedene Gruppierungen, die wir nicht zuordnen konnten, fuhren auf Pickups mit schweren Waffen durch die Stadt.

Die Menschen reagierten entsprechend. Die Atmosphäre veränderte sich und das alles während weniger Stunden. Uns konnte niemand sagen, was genau der Auslöser dafür war. Uns wurde auf Nachfrage nur gesagt: Es sind manchmal Kleinigkeiten, sprichwörtlich ein Stein, der geworfen wird. Die Situation schaukelt sich hoch und plötzlich droht dieser Vulkan wieder auszubrechen. Und wie man uns erzählt hat, gilt das nicht nur für die Hauptstadt, sondern für das ganze Land.

DOMRADIO.DE: Sie sind seit einer Woche zurück. Was bleibt Ihnen im Kopf?

Kerkhof: Es haben sich viele Bilder bei mir eingeprägt. Sicher ist, dass ich noch eine Weile daran zu knabbern habe, auch wenn ich nur eine Woche in dieses Land reinschauen konnte. Die unfassbare Armut und Perspektivlosigkeit der Menschen auf dem Land ist sicherlich etwas, was mich am meisten bewegt. Es sind oft nur Kleinigkeiten - eine Spritze, eine Malariatablette - die manchmal über Leben und Tod entscheiden. Es sind keine großen Dinge, aber es ist schwierig, diese Dinge zu den Menschen zu bringen. Das, und zu wissen, wie viele dort sind, wo keine mobile Klinik vorbeikommt, bleibt hängen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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