Eine Kirche vor einem Baukran in L'Aquila
Eine Kirche vor einem Baukran in L'Aquila
Straße mit eingerüsteten Hausfassaden und Bauabsperrungen in L'Aquila
Straße mit eingerüsteten Hausfassaden und Bauabsperrungen in L'Aquila
Eine zerstörte Kirche hinter einem Bauzaun
Eine zerstörte Kirche hinter einem Bauzaun
Baukräne und Absperrgitter auf einem großen Platz in der Altstadt in L'Aquila
Baukräne und Absperrgitter auf einem großen Platz in der Altstadt in L'Aquila

15.06.2019

L'Aquila – Zehn Jahre nach dem Beben Ein Ringen um die Zukunft

Am Wochenende besucht Papst Franziskus die Erdbeben-Region Macerata. Eine von vielen. Besonders schwer traf es – vor zehn Jahren – L'Aquila. Dort wird noch immer um die Zukunft gerungen. Ein Ortsbesuch in den Abruzzen.

"Am liebsten würde ich mich gar nicht erinnern", sagt die Anwältin Raffaella Russo aus L'Aquila. Doch dann erinnert sie sich doch. Zehn Jahre ist es her, dass ein schweres Erdbeben die Hauptstadt der Abruzzen zerstörte, mehr als 300 Menschen das Leben kostete, Tausende verletzte und mehr als 65.000 vertrieb, auch sie.

"Es war ein schrecklicher Moment, wir waren tagelang unter Schock. Es ist etwas, das auch seelisch sehr erschüttert. Wie ein Puzzle, das sich plötzlich zerstört, nur ist es das Puzzle deines Lebens", sagt die 46-Jährige. Ihr schwarzer Pudel scheint die Anspannung zu spüren, bei der Erzählung drückt er sich eng an ihr Bein.

Trauma erst jetzt langsam überwunden

Der Wiederaufbau der Stadt sei komplex, noch schwieriger aber wohl der psychologische Wiederaufbau, meint Russo. Sie selbst hat das Trauma erst jetzt langsam überwunden. Sechs Jahre nach dem Beben kehrte sie zurück in ihr ursprüngliches Heim in der Nähe der Altstadt. Vieles sei nicht mit genügend Weitblick angegangen worden, sagt die Anwältin. Sie ist dennoch dankbar, dass ein Wiederaufbau der Stadt entschieden wurde, anstatt neue Städte drumherum zu bauen. Ob es wirklich gelingt, das historische Zentrum wieder zu beleben, ist jedoch auch zehn Jahre nach dem Beben fraglich.

Der bisherige Wiederaufbau und die Lage in der Stadt sind auch Thema einer Konferenz in L'Aquila, maßgeblich vom Verband italienischer Bauunternehmer organisiert. Tagungsort: Ein buntes Holzgebäude von Star-Architekt Renzo Piano. Der Bau war nicht unumstritten und steht beispielhaft für die Frage, wo Neukonstruktionen sinnvoll sind und wo Wiederaufbau. Die meisten Redner hier äußern sich positiv, zehn Jahre nach dem Beben sei man an einem guten Punkt. Es sei auf Erdbebensicherheit und Energieeffizienz geachtet worden; auch habe es weder Arbeitsunfälle noch kriminelle Infiltration gegeben.

Ein verzerrtes Bild des Wiederaufbaus

"Eine Gemeinde kann Milliarden verwalten, ohne dass die Mafia, die Camorra oder die Ndrangheta kommt. Und wenn sie kommt, dann vertreiben wir sie. Das ist der erste Punkt, auf den wir stolz sein können", sagt die Präsidentin der Provinz L'Aquila, Stefania Pezzopane, unter Applaus. Mehrfach heißt es, viele Medienberichte hätten ein verzerrtes Bild des Wiederaufbaus gezeichnet.

Ein Besuch der Altstadt zeigt: Einerseits reihen sich hübsch renovierte Häuser zu Miete und Verkauf aneinander, einige Bars und Geschäfte scheinen zu laufen, mancherorts erinnert nichts mehr an die Erschütterung und Zerstörung die der 6. April 2009 brachte. Andererseits ragen noch zahlreiche Kräne in den blauen Himmel. Viele Häuser werden durch Metall- und Holzbalken gestützt, manche Geschäftsräume sind verstaubt, so lange stehen sie schon leer.

Restauriert und repariert

Einige sagen, 70 Prozent der Leute in der Stadt seien Bauarbeiter und Restauratoren. Fast überall wird geklopft und gehämmert, verputzt, gestützt, restauriert und repariert. Manche Straßenzüge wirken dennoch wie Teile einer Geisterstadt. Trümmer, über die Gras gewachsen ist, bedeckt von Staub.

Ähnliches gilt für die Kathedrale S. Massimo e S. Giorgio in L'Aquila. Der äußere Blick auf die Hauptfassade trügt: Der Wiederaufbau hat hier, in der Hauptkirche des Erzbistums, noch nicht begonnen. Das Innere sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Jenseits der Fassade stürzte das Gebäude in sich zusammen. Meterhohe Metallgerüste stützen das Wenige, das stehenblieb.

"Noch gibt es keine Ausschreibung"

Seit zwei Jahren tut sich jedoch etwas beim daneben liegenden Erzbischöflichen Palais. Betonmischer röhren, es riecht nach Mörtel, Zement und frischem Putz. Die Firma Iannini ist im Einsatz. Die Kosten des Wiederaufbaus hier werden auf 35 Millionen beziffert, getragen vom Staat. Dass es bei der Kathedrale nicht vorangeht, liegt laut Davide Iannini an der italienischen Bürokratie. Für ihn als Einheimischen sei es ein Hohn, dass viele andere Kirchen inzwischen aufgebaut wurden, nicht jedoch "die Kirche der Aquilaner".

"Öffentliche Ausschreibungen laufen in Italien im Schneckentempo. Bis heute läuft keines der bereits erarbeiteten Projekte, noch ist kein Vergabeverfahren eröffnet, noch gibt es keine Ausschreibung", sagt Iannini mit Blick auf die Ruine der Kathedrale. Etwas besser lief es für die romanisch-frühgotische Kirche Santa Maria di Collemaggio in L'Aquila. Sie wurde im Dezember 2017 wiedereröffnet und dient seitdem als Ersatz für die Kathedrale.

Noch nicht bereit zum Wiederbezug

Bekannt ist sie auch, da sie das Grab von Papst Coelestin V. (1294) beherbergt. Er war der letzte Papst, der vor Benedikt XVI. (2005-2013) freiwillig zurücktrat. Kurz nach dem Erdbeben von 2009 hatte Benedikt XVI. die Kirche besucht und dort das Pallium, das er zum Amtsantritt empfangen hatte, am Reliquienschrein Coelestins V. niedergelegt.

Collemaggio sei eine würdige Übergangslösung, heißt es aus der Pressestelle der Erzdiözese L'Aquila. Wann die eigentliche Kathedrale wieder offen sein wird, weiß keiner. Auch mit Blick auf den möglichen Wiederbezug des Erzbischöflichen Palais äußert sich Pressesprecher Claudio Tracanna vorsichtig. Die Arbeiten der Baufirma sollten zwar bis Ende 2020 beendet sein, man wisse jedoch nie, ob es nicht noch Probleme gebe.

An einigen Orten geht es schneller voran, an anderen schleppend. Diese Erfahrung hat auch die Familie von Anwältin Russo gemacht. Die Wohnung der Mutter ist noch nicht bereit zum Wiederbezug. Wie viele Menschen gar nicht mehr zurückkommen wollen, sei schwer einzuschätzen: "L'Aquila wird bald wieder die schönste Stadt der Welt sein, aber viele Leute sind müde", meint Russo.

Stefanie Stahlhofen
(KNA)

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