Blick auf Jerusalem
Blick auf Jerusalem
Pater Nikodemus Schnabel
Pater Nikodemus Schnabel
Benediktinerabtei in Jerusalem
Die Dormitio-Abtei auf dem Jerusalemer Zionsberg

28.05.2019

Pater Nikodemus Schnabel über den Nahen Osten "Religionen werden mir zu oft instrumentalisiert"

Seit 16 Jahren lebt und arbeitet Pater Nikodemus Schnabel in der Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem. Im Interview blickt er auf den Krisenherd im Nahen Osten und erklärt, warum ihm das Umfeld seiner Wahlheimat immer rätselhafter vorkommt.

KNA: Die USA erhöhen den Druck auf den Iran, der Irak ist ein Staat in Trümmern, in Syrien findet der Bürgerkrieg kein Ende, dazu gewaltsame Zusammenstöße zwischen Israelis und Palästinensern und Massenproteste gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Erleben wir gerade, wie das Pulverfass Naher Osten explodiert?

Pater Nikodemus: Es wird immer schwieriger, die Welt zu verstehen - und der Nahe Osten kommt mir, obwohl ich nun seit Jahren dort lebe, immer rätselhafter vor. Beispiel Syrien: Wer sind die Guten, wer die Bösen, wer wird vom wem unterstützt, wer paktiert mit wem? Das alles ist immer schwerer zu durchdringen. Ich spüre zugleich, wie die Sehnsucht der Menschen nach Frieden wächst. Und weiß aber auch, dass es keine einfachen Lösungen gibt.

KNA: Das gilt wohl ganz besonders für Jerusalem, wo Sie leben und arbeiten.

Pater Nikodemus: Jerusalem ist für mich wie ein Gesamtkunstwerk, ein zartes Spinngewebe, über Jahrtausende gewachsen. Alle, die nach schnellen und einfachen Lösungen im Nahostkonflikt rufen, können am Beispiel Jerusalems sehen: Wenn man an einem Faden zieht, zieht man am ganzen Gewebe und richtet schnell großen Schaden an. Nötig sind stattdessen jede Menge Fingerspitzengefühl und - Liebe.

KNA: Was heißt das bezogen auf die Menschen, die dort leben?

Pater Nikodemus: Auch die Menschen gehören zu diesem Gesamtkunstwerk, haben eine Fülle von Identitäten. Nehmen wir eine griechisch-katholische Palästinenserin, die in Nazareth lebt, eine junge aufgeklärte Frau.

KNA: Das klingt jetzt etwas konstruiert.

Pater Nikodemus: Aber genau so eine Frau kenne ich persönlich. Die ist also einerseits Palästinenserin, das ist ihre Nationalität. Sie ist aber auch Israelin, wie ein Blick in ihren Pass beweist. Zudem ist sie West-Christin, weil sie zur katholischen Weltkirche gehört, aber auch Ost-Christin weil sie als Melkitin nach byzantinischem Ritus feiert. Und sie ist Frau in einer Machogesellschaft.

KNA: Wie wirkt sich das im Alltag aus?

Pater Nikodemus: Diese Frau wird sich je nach Situation unterschiedlich positionieren. Sie würde sich beispielsweise niemals freiwillig zur israelischen Armee melden, weil sie diese - wie viele Palästinenser - als Besatzer erlebt. Sie wird sich aber selbstverständlich an israelischen akademischen Austauschprojekten beteiligen, weil sie sich als weltoffene Israelin und Akademikerin versteht. Dass sie den Führerschein macht, steht für sie außer Frage.

Da wird sie sagen: "Ich lasse mir doch von keinem Mann vorschreiben, was ich mache!" Urlaub wird sie zu Weihnachten nehmen und da zwei Wochen Tabouleh schnippeln und die Verwandten beköstigen, also den sehr traditionellen Rollenerwartungen entsprechen.

KNA: Die daraus resultierenden Spannungen können einen aber auch in den Wahnsinn treiben...

Pater Nikodemus: Ich beobachte vor allem drei Varianten, wie Menschen damit umgehen: Es macht sie aggressiv, das nehmen wir wahr, wenn es wieder zu Gewaltausbrüchen im Heiligen Land kommt. Andere werden depressiv, resignieren. Auch das sehen wir. Der dritte Weg, den ich leider immer öfter beobachte, vor allem bei Ausländern, die sich im Heiligen Land engagieren: Man wird zynisch.

KNA: Alle drei Varianten klingen wenig verheißungsvoll.

Pater Nikodemus: Wenn man nicht in diese drei Sackgassen geraten will, die einen kaputt machen, dann geht es nur über ein beständig liebendes Ringen um das komplizierte Heilige Land und um seine faszinierenden Bewohner. Auf meine Beziehung zu Jerusalem angesprochen, sage ich gerne: "Ich werde diese Stadt wohl nie ganz verstehen, aber ich kann versuchen sie zu lieben."

KNA: Können Religionen als Mittler in Nahost fungieren?

Pater Nikodemus: Das Wort Mittler finde ich schwierig, weil das schon so einen politischen Zungenschlag hat. Religionen werden mir im Nahen Osten zu oft instrumentalisiert. Gern heißt es dann: "Wir kommen politisch nicht mehr weiter - Religionen übernehmt ihr!" Da muss man dagegenhalten und antworten: "Liebe Politik, da habt ihr die Religionen hineingezogen." Wenn es im Nahen Osten um den Zugang zu Wasser oder um Grenzziehungen geht, wird gern behauptet: "Das ist von Gott gegebenes Land." Genau das ist aber Teil der Misere: Politische Fragen werden religiös überhöht und damit einer sachlichen Debatte entzogen. Politische Fragen sind aber bitteschön politisch zu lösen. Man sollte nicht ständig mit Gott um die Ecke kommen.

KNA: Also fallen Religionen als Konfliktlöser weg?

Pater Nikodemus: Ich glaube, Religion kann etwas anderes. Religion kann eine fruchtbare und konstruktive Rolle spielen, indem sie die Herzen und das Denken der Menschen verändert. Wer religiös ist, lernt mit Widersprüchen und Ambiguitäten umzugehen - ganz egal, ob er nun die Bibel liest, den Koran studiert oder den Talmud. Staunend steht der Beter vor Gott, staunend vor dem Leben und auch vor dem Leid. Religion kann im Gesunden davor bewahren, die Welt zu schubladisieren und stattdessen die Fähigkeit schenken, Brücken zu bauen.

Das Interview führte Joachim Heinz.

(KNA)

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