Barbara Schock-Werner
Barbara Schock-Werner
Nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame
Nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame
Barbara Schock-Werner: "Die französischen Kollegen möchten wieder einen Holzdachstuhl"
Barbara Schock-Werner: "Die französischen Kollegen möchten wieder einen Holzdachstuhl"
"Eine Orgelrestaurierung ist auch nicht im halben Jahr gemacht", meint Barbara Schock-Werner.
"Eine Orgelrestaurierung ist auch nicht im halben Jahr gemacht", meint Barbara Schock-Werner.
Eine Luftaufnahme der Pariser Kathedrale Notre-Dame zeigt die Brandschäden
Eine Luftaufnahme der Pariser Kathedrale Notre-Dame zeigt die Brandschäden

02.05.2019

Kölner Ex-Dombaumeisterin zum Zustand von Notre-Dame Zerstörung und eine "Wundergeschichte"

Sie soll die deutschen Hilfen beim Aufbau von Notre-Dame koordinieren und war nun zur "Inaugenscheinnahme" in Paris. Trotz großer Zerstörung gab es auch "Wunder", berichtet die ehemalige Kölner Dombaumeisterin, Barbara Schock-Werner.

DOMRADIO.DE: Welches Bild haben Sie in Paris aufgenommen?

Prof. Barbara Schock-Werner (Ehemalige Kölner Dombaumeisterin): Natürlich ein ganz schreckliches Bild. Von außen ist einfach die Silhouette zerstört, weil das Dach fehlt. Erstaunlicherweise ist die Fassade völlig ohne Schaden weggekommen. Ich dachte, es seien mindestens Rauchspuren zu erkennen, aber nichts: Von vorne sieht Notre-Dame völlig heil aus. Von der Seite sieht man, dass das Dach fehlt und die ersten Abstützungen zu erkennen sind. Von innen ist es natürlich ganz schrecklich.

Drei Gewölbeabschnitte sind eingestürzt. In der Mitte ist der Vierungsturm runtergekracht, aber auch im Nordquerhaus musste der Giebel gesichert werden. Das ist bereits passiert. Unten liegen die Schutthaufen aber immer noch. Sie arbeiten mit einem Roboterbagger, weil niemand unter die Gewölbe darf – das ist viel zu gefährlich. Es darf auch niemand auf die Gewölbe, sie sind noch mit den Sicherungsarbeiten beschäftigt. Das wird sicher noch eine Weile dauern.

DOMRADIO.DE: Macron spricht von einem Wiederaufbau in fünf Jahren. Ist das nicht viel zu knapp gerechnet bei so einem komplexen Bauwerk?

Schock-Werner: Es kommt natürlich immer darauf an, wie viel Geld und wie viel Energie man da einsetzt. Das wird sicher jetzt alles möglich gemacht. Es hängt aber noch davon ab, ob die Gewölbe, die noch oben sind, dort auch bleiben. Die sind gar nicht gesichert. Ebenso ist die Frage, welche Art der Rekonstruktion man macht. Die französischen Kollegen möchten aus verschiedenen Gründen eher wieder einen Holzdachstuhl. Das ist natürlich ein riesiges Unternehmen. Andere plädieren für eine moderne Stahlkonstruktion, das würde vermutlich etwas schneller gehen.

Aber jetzt schon eine seriöse Zahl zu sagen, wo die Detailschäden noch gar nicht festgestellt sind, ist eigentlich schwierig. Man kann sicher in etwa fünf Jahren den Innenraum benutzen, wenn man eine Zwischendecke einzieht. Was die Kollegen aus Sicherheitsgründen sowieso wollen. Dann kann man wieder Gottesdienst in Notre-Dame feiern. Ob da schon die Baumaßnahmen abgeschlossen sind, habe ich auch meine Zweifel, aber der Staatspräsident hat immer recht. Warten wir mal ab, wie es geht.

Jedenfalls wird sehr sorgfältig gearbeitet in Notre-Dame. Nur als Beispiel: Zwei der Pfeiler im Innenraum sind so hitzegeschädigt, dass der Stein bröselig ist. Das ist schon durch Korsetts gestützt, der Nordgiebel ist abgehängt. Die Orgel ist zwar Gott sei Dank davon gekommen, die ist nicht zerstört, aber so verstaubt, dass man sie restaurieren muss. Eine Orgelrestaurierung ist auch nicht im halben Jahr gemacht.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie jetzt mit den Verantwortlichen vor Ort besprochen?

Schock-Werner: Hauptsächlich darüber, wie sie sozusagen vorgehen wollen und wo die Schäden sind. Es gibt typische kirchliche Wundergeschichten. Ich dachte, die riesige Hitze hätte die mittelalterlichen Fenster zerstört, nur in den beiden Querhausrosen. In der Westrose waren noch mittelalterliche Scheiben drin. Die scheinen nach der jetzigen Aussage die Hitze überlebt zu haben.

Eigentlich noch schöner finde ich die Geschichte: Direkt unter dem Vierungspfeiler, also direkt unter dem Brandherd, stand eine Madonna von 1330 und genau daneben ist alles runtergekracht. Sie ist völlig unbeschädigt. Jetzt ist sie aus der Kirche genommen worden, aber sie ist völlig heil geblieben. Das ist schon eine Wundergeschichte.

DOMRADIO.DE: Sie waren 15 Jahre Dombaumeisterin am Kölner Dom, was bringt Ihnen das Wissen vom Kölner Dom jetzt für Paris. Inwieweit können Sie dort unterstützen?

Schock-Werner: Die französischen Kollegen sind natürlich auch Fachleute. Ich sehe eher meine Aufgabe darin, die deutschen Hilfsangebote zu koordinieren. Wir versuchen gerade eine Kontaktstelle herzustellen, mit der ich korrespondieren kann und die es den französischen Kollegen möglich macht, dort mal zu fragen. Die vielen deutschen Hilfsangebote müssen insofern sortiert werden, weil es eine Fülle ist, aus der man aussieben muss. Da kann man nicht alles nach Frankreich weiterschicken.

Denn bevor man dort beispielsweise Steinmetze braucht, wird das eben noch eine ganze Weile dauern. Die Universität Bamberg hat zum Beispiel die Querhäuser aufgenommen und gescannt. Da liegen Daten vor und die habe ich angeboten. Das heißt, wir haben die genauen räumlichen Scandaten vor dem Brand und jetzt kann man vergleichen, was sich verändert hat. So etwas ist im Moment zunächst sinnvoll.

DOMRADIO.DE: Über eine Milliarde Spenden gab es schon in den ersten Tagen nach dem Brand. Das wurde von vielen Seiten kritisiert. Warum wird mehr für ein Gebäude, als zum Beispiel für Sri Lanka gespendet?

Schock-Werner: Die Leute spenden immer für das, was ihnen am Herzen liegt. Diese brennende Kirche war natürlich schon ein Schreckenssignal. Das ist europäische Kultur und das ist doch etwas, was vielen Leuten wirklich ans Herz geht, wenn solche wichtigen Kulturdenkmäler stark beschädigt werden.

Sri Lanka oder auch Kinder in Afrika sind den meisten Menschen eher ferner. Obwohl man natürlich auch sagen muss, in Deutschland wird für Sozialprojekte oder Katastrophenprojekte doch sehr viel Geld gespendet. Dass es Mode- und Kosmetikkonzerne in Frankreich gibt, die auf einen Schlag 200 Millionen stiften können, ist außerhalb der normalen Vorstellungswelt. Das stiften diese Unternehmen natürlich auch nicht für Mosambik, um das einmal zu sagen. Da ist die französische Nationalehre die Motivation.

Wenn der eine Konzern gestiftet hat, müssen die beiden Konkurrenzkonzerne sich natürlich auch daran halten. Das war ganz klar. Es kommen ja alle drei Großspenden aus der gleichen Branche, da kann keiner zurückstehen. Ich würde es eher positiv sehen. Wer kann schon 200 Millionen auf einmal spenden? Das finde ich schon sehr erstaunlich. 

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  •  
  • 14.09.
Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast: