Gedenken an die Opfer der Anschläge in Sri Lanka
Gedenken an die Opfer der Anschläge in Sri Lanka

23.04.2019

Misereor-Länderreferentin zu Anschlägen in Sri Lanka "Bisher waren Christen noch nie das Ziel"

Bislang galten Christen in Sri Lanka als Vermittler im Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen. Nach den Anschlägen sind die Christen im Land tief verunsichert, erklärt Misereor-Länderreferentin Kesuma Saddak im Interview.

DOMRADIO.DE: Was sind Ihre Informationen über die schlimmen Anschläge im Land?

Kesuma Saddak (Misereor, Länderreferentin Sri Lanka): Die Menschen stehen erst einmal unter Schock, insbesondere natürlich die Christen. Überall im Land ist der Notstand ausgerufen. Es existiert außerdem eine landesweite Ausgangssperre von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens, die bisher nicht aufgehoben worden ist. Alle katholischen Schulen sind bis zum 29. Mai geschlossen. Man merkt daran, dass die Menschen wirklich sehr verunsichert sind.

DOMRADIO.DE: Welche Dimension haben die Attentate vom Ostersonntag?

Saddak: Eine sehr große Dimension: Alle Religionsführer haben sich jetzt erst einmal zu Wort gemeldet. Buddhistische, katholische, protestantische, hinduistische und muslimische Geistliche haben alle ihre Gemeinschaften zu Ruhe und Ordnung aufgerufen. Aber ich habe schon von einem Partner von uns gehört, dass es schon zu Konflikten in einigen Bereichen gekommen ist. Es ist schon sehr unruhig und sehr angespannt. Bisher waren die Christen auf Sri Lanka noch nie das Ziel. Letztes Jahr gab es Ausschreitungen gegen Muslime. Aber die Christen haben zuvor noch nie solche gewalttätigen Angriffe erfahren müssen.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielen die Christen in Sri Lanka?

Saddak: Eigentlich für die Versöhnung, die es immer noch nicht gibt, nachdem der Bürgerkrieg am 9. Mai 2009 beendet worden ist. Im Mittelpunkt des Konflikts standen die ethnischen Konflikte zwischen Tamilen und der großen Mehrheit der Singhalesen. Da in den Reihen der Christen eigentlich beide ethnische Gruppen vorhanden sind, hatten sie bisher eine wichtige Rolle in der Versöhnung gespielt, da sie versucht haben, beide Gruppen wieder zusammenzubringen.

DOMRADIO.DE: Sie haben beschrieben, dass eine gewisse Unruhe im Land herrscht. Sie haben auch gerade gesagt: Seit zehn Jahren ist der Bürgerkrieg beendet. Befürchten Sie, dass durch diese Anschläge neue Gewalt ausbrechen kann?

Saddak: Auf jeden Fall, zumal die Regierung an sich nicht sehr stabil ist. Es kam letzten Oktober zu einem Zerwürfnis zwischen den zwei wichtigsten Männern, dem Premierminister und dem Präsidenten. Der Präsident hat den Premierminister in Abwesenheit abgesetzt und den ehemaligen Präsidenten als Premierminister eingesetzt. Dies wurde dann von dem höchsten Gericht widerrufen, die haben gesagt, das sei gegen die Verfassung. Und deswegen müsse sozusagen der Status quo wiederhergestellt werden. Das heißt, der ehemalige Premierminister wurde wieder eingesetzt. Aber die beiden reden nicht miteinander. Und das ist natürlich einfach schlecht für das Land, für ganz Sri Lanka. Was verstörend ist: Es scheint so, es ist wohl bewiesen, dass die Polizei wahrscheinlich vom indischen Geheimdienst Anfang April schon Hinweise bekommen hat, dass Angriffe auf christliche Kirchen befürchtet wurden. Das war ein internes Papier, das schon einige Stellen erreicht hat, aber eben nicht die wichtigen. Das ist einfach ein Indiz, dass die Regierung nicht funktioniert.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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