Unterschiedliches Tempo bei Missbrauchsaufarbeitung weltweit?

Nur ein naheliegender Gedanke

Auf dem Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan war immer wieder die Rede von kontinental unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Trifft das zu? Ein Blick auf die Arbeit der Kirche außerhalb Europas zu diesem Thema.

Entwicklungshilfe im Kongo / © Jonas Gerding (dpa)
Entwicklungshilfe im Kongo / © Jonas Gerding ( dpa )

DOMRADIO.DE: Die Reaktionen auf den Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan fallen überaus gemischt aus. Wie sehen Sie das bei Misereor?

Markus Büker (Referent für sozialethische und theologische Grundsatzfragen beim Katholischen Werk für Entwicklungszusammenarbeit Misereor): Wir nehmen die Mehrdeutigkeit dieses Gipfels wahr. Neben den positiven Aspekten, die zu sehen sind, gibt es durchaus Enttäuschung.

Was können wir Positives sagen? Die Partner Misereors, die schon lange an diesen Themen dran sind, werden durch diesen Gipfel bestärkt. Missbrauch ist völlig unakzeptabel und muss geahndet und verhindert werden. Von rund 1.800 Misereor-Partnern sind ungefähr 700 kirchliche Partner. Davon gibt es nicht wenige, die an den Fragen dran sind und in Situationen arbeiten, in denen es um Kinderschutz und die Rolle von Frauen in schwierigsten Umständen in Afrika, Asien und Lateinamerika geht. Das ist die Bestärkung.

Gelungen ist durch diesen Gipfel auch, dass ansprechbar geworden ist, dass in der Kirche dieses Problem existiert. Es gibt Priester, Bischöfe und Ordensleute, die sich bisher durchaus geweigert haben, das anzuerkennen. Sie sagen, das gibt es bei uns nicht, das gehört nicht zu unserer Kultur. Über diese Konferenz im Vatikan ist das ansprechbar und besprechbar geworden, es ist aus dem Tabu herausgeholt worden. Es kann nicht länger als ein Thema des säkularisierten Europa abgetan werden.

Es hat uns aber gefehlt, dass noch mehr Konsequenzen deutlich werden. Ein Mentalitätswandel ist wichtig, aber er muss sich auch konkret in neuen Strukturen und Maßnahmen ausdrücken. Hier sehen wir einen Schwachpunkt. Welche Kontrollmechanismen soll es geben? Wie wird überprüft, dass Priester, Bischöfe oder Ausbildner auch ihre Verantwortung wahrnehmen? Was nicht geleistet wurde und auch nicht Ziel war, ist, nach den theologischen Ursachen zu schauen. Es geht ja um theologisch legitimierte Strukturen von Macht, die diesen Missbrauch ermöglicht haben. Das Menschenbild und die Moral müssen neu gedacht werden.

DOMRADIO.DE: Misereor befasst sich schon seit vielen Jahren mit dem Phänomen sexualisierter Gewalt – vor allem auch in Kriegszusammenhängen. Wie sieht es denn in kirchlichen Zusammenhängen aus?

Büker: In kirchlichen Zusammenhängen ist es auch zunehmend ein Thema, wenn auch auf einem anfänglichen Niveau. Durch die lange Erfahrung der Arbeit zu Gewalt in Kriegen, in Dörfern und Städten oder in komplizierten Familiensituationen haben kirchliche und nichtkirchliche Partner Erfahrung mit dem Thema. Sie bringen diesen Blick auch zunehmend auf die Kirche ein.

Die Jesuiten im Kongo haben zum Beispiel eine Schulung innerhalb der Kirche durchgeführt, um Bewusstsein zu schaffen, wie in der Kirche sexualisierter Machtmissbrauch stattgefunden hat, beziehungsweise bis heute stattfindet. Die Kirche in Malawi ist dabei, die Rolle von Frauen neu zu denken. Sie erforschen und überlegen, was sie tun können, um zu anderen Strukturen zu kommen.

DOMRADIO.DE: Stellt sich für Sie nicht auch immer wieder die Frage, mit was für kirchlichen Partnerorganisationen man in diesem Bereich zusammenarbeitet? Wer ist vertrauenswürdig?

Büker: Die kirchlichen Kommissionen für Gerechtigkeit und Frieden sind in Bistümern, auf Pfarrei- oder Stadtebene meist die Ansprechpartner für diese Fragestellungen. Das sind die, die an den Fragen von Gewalt in ihrem Umfeld dran sind. Das sind Angestellte, Rechtsanwälte, Psychologinnen oder Sozialarbeiter.

In diesen Strukturen gibt es eine Vertrautheit mit den Fragestellungen, die bringen das jetzt auf die diözesane Ebene ein. Dann gibt es Stadtteil- und Gesundheitsorganisationen der Kirche. In den kirchlichen Schulen gehört das dazu. Nicht zuletzt auch in den speziellen Arbeitsfeldern, bei Ernährungsfragen oder Frauenfragen gehört auch der Umgang mit Kindern da hinein.

DOMRADIO.DE: Auf dem Gipfel war immer wieder die Rede von unterschiedlichen Geschwindigkeiten beim Umgang mit dieser sexualisierten Gewalt – in Kirchenkreisen zwischen den vermeintlich aufgeklärten westlichen Staaten und den vermeintlich rückständigen Ländern in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Trifft das die Wirklichkeit?

Büker: Das ist der Gedanke, der vielfach an erster Stelle steht und vielleicht nahe liegt. Aber das Problem ist ein Problem, das sich sowohl im Norden, im sogenannten "globalen Norden", als auch im "globalen Süden" stellt. Es ist eben nicht nur ein Problem der anderen, sondern, wie wir es jetzt leidvoll die letzten 100 Jahre lernen mussten, auch unser eigenes Problem hier.

Wenn Misereor die Missbrauchsfälle zum Thema macht und Prävention einfordert, stoßen wir durchaus auf den Vorwurf, dass wir jetzt mit einer neuen kolonialen Geste der Besserwisser kommen – in Afrika Asien oder Lateinamerika. Doch aufgrund der Geschichte sollten wir eher ein bisschen zurückhaltend sein, als Besserwisser aufzutreten. Das ist die eine Seite.

Dem können wir jetzt mit dem Missbrauchsgipfel entgegentreten. Die Kirche ist an allen Orten vielfältig und vielstimmig: in Amerika, Asien und Lateinamerika, genauso wie in Europa. Und es gab und gibt in diesen Ländern auf den anderen Kontinenten, auch andere Gruppen – Laien, Priester, Männer wie Frauen, – die die Machtstrukturen in der Kirche schon hinterfragt haben. Sie fordern eine gleichberechtigte Teilhabe in der Kirche, einen Zugang der Frauen – eben die Gleichberechtigung der Frauen.

Diese Gruppen und Personen sind häufig in Verruf gebracht worden. Das sollte nun hoffentlich mit diesem Missbrauchsgipfel vorbei sein und wenn es nicht vorbei ist, dann muss zumindest ein Prozess beginnen, in dem diese Menschen mit ihrer kritischen Sicht auf die Kirche anerkannt werden. Gesehen wird, dass sie einen produktiven Beitrag leisten. Misereor hat den Vorteil, dass es gerade mit Partnern arbeitet, die in diesem kritischen Umfeld tätig sind, die in ihrem Dorf und in ihrer Stadt etwas verändern wollen. Das ist die Chance.

Das Interview führte Hilde Regeniter.


Quelle:
DR