Noch gibt es Lebensmittel in Venezuelas Supermärkten - diese seien jedoch zu teuer für die Venezolaner, so Adveniat
Noch gibt es Lebensmittel in Venezuelas Supermärkten - diese seien jedoch zu teuer für die Venezolaner, so Adveniat
Reiner Wilhelm, Mexiko-Referent bei Adveniat
Adveniat-Länderreferent Reiner Wilhelm
Delegation aus Venezuela im Vatikan
Delegation aus Venezuela im Vatikan

12.02.2019

Hilfswerk Adveniat zur Situation in Venezuela "Die Menschen sind unheimlich solidarisch"

In Venezuela verschärft sich die Lage. Die Menschen kämpfen ums Überleben – und doch helfen sie einander, berichtet Adveniat. Ein Interview über Solidarität, den Schmuggel von Medikamenten und die Bedeutung des Steinmeier-Besuchs.

Im kolumbianischen Cartagena bezeichnete Steinmeier Venezuela als "Land am Abgrund" und forderte freie Wahlen. Unterdessen geht der Machtkampf zwischen dem Autokraten Maduro und Parlamentspräsident Guaidó weiter. Beide beanspruchen für sich das Präsidentenamt, und während längst auch Deutschland Guaidó als legitimen Kandidaten anerkannt hat, leiden die Menschen im Land, weil Maduro Hilfsgüterlieferungen blockiert. 

DOMRADIO.DE: ​Maduro will sein Volk aushungern, indem er Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen aus dem Ausland blockiert. Die Kirche indes hat ihre eigenen Kanäle, oder?

Reiner Wilhelm (Venezuela-Referent beim katholischen Hilfswerk Adveniat​): Maduro möchte das Volk nicht aushungern. Das macht er nicht. Er sagt: Es gibt überhaupt keine humanitäre Krise! Aber die Situation ist natürlich eine ganz andere...

Was macht die Kirche? Die Kirche ist sehr solidarisch. Sie hilft dabei, dass sich die Menschen organisieren. Man kocht zusammen. Wer kann, bringt etwas mit. Es gibt die sogenannten solidarischen Suppen. Medikamente sind kaum noch zu finden. Doch es gibt Menschen, die Medikamente zur Verfügung stellen, wenn ihre Verwandten gestorben sind. Die Menschen sind unheimlich solidarisch. 

Reisende bringen Taschen mit Medikamenten mit. Und auch wir versuchen zu helfen. Es gibt tatsächlich die Möglichkeit, aus Europa und aus den USA Medikamente auf dem Postweg zu schicken. Das kommt an! Aber es ist sehr teuer. Wir haben auch andere Kanäle und Kontakte und können über sie Medikamente und andere Dinge des täglichen Lebens schmuggeln.

DOMRADIO.DE: ​Was wissen Sie denn über ihre Projektpartner, wie groß ist die Not der Menschen aktuell?

Wilhelm: Ich hatte gerade noch einen Projektpartner hier. Wir haben uns vor einer halben Stunde verabschiedet. Er hat innerhalb der letzten Jahre gut 20 Kilo verloren, das ist etwa die Größenordnung, die die Menschen in Venezuela während der letzten drei Jahre durchschnittlich verloren haben.

Es ist nicht so, dass man nichts mehr kaufen kann. Man kann noch einiges kaufen. Das Problem sind die hohen Preise. Die Menschen verdienen gerade einmal fünf, sechs, sieben Euro - das reicht für 30 Eier und ein halbes Kilo Fleisch. 

Dann gibt kaum noch Transportmittel, weil es schwierig ist, an Ersatzteile zu kommen. Strom ist rationiert. Wenn es keinen Strom gibt, gibt es kein Wasser. Das heißt, viele Menschen leiden unter Hautkrankheiten. Die Not ist absolut da. Und wenn jetzt das Embargo der USA zu wirken beginnt, wird auch das Benzin knapp. Das heißt, auch da werden die Armen weiter leiden.

DOMRADIO.DE: ​Adveniat ist nicht für Nothilfe zuständig. Im Moment haben sie in Venezuela aber ihre Strategie geändert?

Wilhelm: Es ist keine Strategieänderung an sich. Wenn jemand Hunger hat und um sein Überleben kämpft, kann man nicht sagen: Wir machen jetzt Pastoralarbeit. Die Not kann niemanden gleichgültig lassen. Wir haben alleine im letzten Jahr 150.000 Euro an Spenden geschickt, zum Kauf von Lebensmitteln, um Suppenküchen zu unterstützen. Damit die Menschen wenigstens eine Mahlzeit am Tag haben. Und wie gesagt: Wir können nicht einfach tatenlos zusehen.

DOMRADIO.DE: ​Bundespräsident Steinmeier ist gerade in Venezuelas Nachbarland Kolumbien. Dorthin haben sich fast eine Million Venezolaner geflüchtet. Was wissen Sie denn über die Situation der Flüchtlinge dort?

Wilhelm: Die Situation ist prekär. Man kann es sich vorstellen, wenn viele Menschen in einem Schwung über die Grenze kommen - es sind täglich zwischen 5.000 und 7.000 Menschen, die aus Venezuela in die Nachbarländer fliehen und dort, vor allem in Kolumbien, bleiben. Das ist natürlich für die Menschen vor Ort nicht einfach. Es gibt eine starke Solidarität, aber die Menschen versuchen, auch selber irgendwie an Geld zu kommen, etwas zu arbeiten, wobei sie schlechter bezahlt werden. Ein großes Problem ist die Prostitution, ein weiteres ganz großes Problem, über das aber niemand spricht, ist Aids. 

DOMRADIO.DE: Das Leiden der Menschen in Venezuela ist kaum zu fassen, aber Maduro hat noch immer das mächtige Militär hinter sich. Was müsste denn passieren, damit positive Bewegung in die festgefahrene Situation kommt?

Wilhelm: Dynamik ist eigentlich genug drin. Das ist natürlich Kaffeesatzleserei. Alle haben ihre eigenen Interessen, sowohl Maduro wie auch die Militärs oder die Opposition - nicht zu vergessen die USA, Russland und China, die sind ja auch Teil dieser Situation.

Ich glaube, die Lösung muss aus Venezuela, von den Venezolanern, kommen. Da hat Guaido einen Aufschlag gemacht, indem er gesagt hat: Allen Militärs, die sich auf unsere Seite schlagen und nicht gegen Menschenrechte verstoßen haben, werden nicht verurteilt. Die Lösung könnte sein, dass er eine Übergangsregierung bildet, in der alle beteiligt sind - sowohl diejenigen, die jetzt an der Regierung sind, als auch die Zivilgesellschaft und die Opposition. Und ich glaube, da muss es einfach hingehen.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, es bringt etwas, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier von Kolumbien aus freie Wahlen für Venezuela fordert?

Wilhelm: Ich denke, im ersten Blick wird die Resonanz gering sein, aber was ganz, ganz wichtig ist: Steinmeier wendet den Blick auf Venezuela - und das ist es, was das Land zurzeit am meisten braucht. Es braucht Aufmerksamkeit. Maduro muss sehen, dass er nicht einfach machen kann, was er will und dass das Volk leidet. Es ist wichtig, den Fokus auf die Probleme in diesem Land zu richten und es ist gut, dass ein Bundespräsident das tut.

Das Interview führte Dagmar Peters. 

(DR)

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