Ein echter Vertreter aus dem Morgenland im Hintergrund: Kardinal Baselios Cleemis
Ein echter Vertreter aus dem Morgenland im Hintergrund: Kardinal Baselios Cleemis
Die beiden Kardinäle Cleemis und Woelki verbindet eine enge Freundschaft
Die beiden Kardinäle Cleemis und Woelki verbindet eine enge Freundschaft
An der Seite von Kardinal Woelki steht der Gast aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, Kardinal Cleemis
An der Seite von Kardinal Woelki steht der Gast aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, Kardinal Cleemis
Beim letzten Besuch:  Großerzbischof Mar Cleemis der Syro-Malankaren (rechts) und Weihbischof Mgr. Christodass begrüßen Kardinal Woelki
Großerzbischof Mar Cleemis der Syro-Malankaren (rechts) und Weihbischof Mgr. Christodass begrüßen Kardinal Woelki am Flughafen Trivandrum

11.01.2019

Indischer Großerzbischof resümiert Besuch im Erzbistum Köln "Indiens Freiheit und Offenheit stehen auf dem Spiel"

Seit in Indien die Hindu-Nationalisten an der Macht sind, mehren sich Übergriffe auf Andersgläubige. Bei einem Besuch in Köln zeigte sich Großerzbischof Baselios Cleemis Thottunkal besorgt über die Lage der Christen im Land.

Der indische Kardinal und Großerzbischof Baselios Cleemis Thottunkal hat den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki besucht. Cleemis ist das Oberhaupt der syro-malankarische Kirche, die katholische Ostkirche der indischen Thomaschristen, die mit den Katholiken uniert ist und den Papst als Kirchenoberhaupt anerkennt. Sie zählt rund eine halbe Million Gläubige.

DOMRADIO.DE: Christen machen in Indien nur rund zwei Prozent der Bevölkerung aus, 80 Prozent sind Hindus. Die Gewalt radikaler Hindugruppen gegen Andersgläubige hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Wie beurteilen Sie die Lage der Christen in Indien?

Baselios Cleemis Thottunkal (Großerzbischof von Trivandrum): Unser indischer Subkontinent hat eine uralte Tradition der Vielfalt: Einheit in Vielfalt und Vielfalt in Einheit. Nicht nur in religiöser, sondern auch in ethnischer und kultureller Hinsicht. Es ist Teil unserer Kultur, dass bei uns jeder mit Würde und Respekt behandelt wird.

Als wir von Großbritannien 1947 unabhängig wurden, bekam Indien eine Verfassung, die uns als föderale Republik definiert, in der für alle Religionsfreiheit gilt. Das ist wichtig für uns, denn unser Christentum hat eine 2000-jährige Tradition, die mit dem Apostel Thomas begann. 

Wir haben immer in Würde und Freiheit gelebt, deshalb sind wir angesichts der aktuellen Entwicklungen in Sorge. Wir wissen, dass die Gewalt nur von einer kleinen radikalen Minderheit ausgeht, die anders denkt und die Religion und Politik miteinander verbinden will. Aber Indien ist ein säkularer Staat, Religion darf für die Regierung keine Rolle spielen, ausschlaggebend ist die Verfassung. Und der Anteil der Menschen, die finden, dass unsere Verfassung geändert werden müsse, ist sehr gering.

DOMRADIO.DE: Seit die hindu-nationalistische BJP ("Indische Volkspartei") an der Macht ist, mehren sich die Übergriffe radikaler Hindus auf Mitglieder anderer Religionen. Sie wollen Indien zu einem hinduistischen Staat erklären. Im ganzen Land werden immer wieder Kirchen und Moscheen in Brand gesetzt, Christen und Muslime gewalttätig angegriffen. Gibt es solche Übergriffe auch im Erzbistum Trivandrum?

Baselios Cleemis: Zum Glück kam es bei uns noch nicht zu vielen Vorfällen, aber unsere Gläubigen bekommen das natürlich mit und machen sich Sorgen. Meiner Meinung nach müsste es die Pflicht der Politiker sein, sich hier klar zu positionieren, diese Gewalt zu verurteilen und mit Nachdruck den Pluralismus unseres Landes zu verteidigen. Ich bin überzeugt, dass unsere Verfassung und unsere Demokratie stark genug sind. Und ich muss auch ganz deutlich sagen: unsere hinduistischen Brüder und Schwestern sind mehrheitlich sehr offen, unsere Beziehungen untereinander sind sehr gut und sie haben großes Verständnis für unsere Lage.

DOMRADIO.DE: Häufen sich die Übergriffe? Oder sind das einzelne Taten, die für große Aufmerksamkeit sorgen?

Baselios Cleemis: Indien ist ein großes Land mit vielen unterschiedlichen Voraussetzungen, Bedingungen und Bevölkerungsstrukturen. Ich kann nicht sagen, dass es sich bei diesen Übergriffen um ein landesweites Phänomen handelt. Aber die Angst herrscht mittlerweile überall und das sollten die Politiker zur Kenntnis nehmen. Und sie sollten garantieren, dass jeder Bürger unter dem Schutz der Verfassung steht und jede Religion respektiert und geachtet wird. Das ist es, was wir jetzt brauchen. Und das ist nicht die Forderung einer religiösen Minderheit, sondern geht alle Bürger an. Denn die Freiheit und die Offenheit Indiens stehen auf dem Spiel.

DOMRADIO.DE: Sehen Sie die Religionsfreiheit in Gefahr?

Baselios Cleemis: Es gibt Kräfte, die die Religionsfreiheit abschaffen wollen. Was uns wirklich Sorgen macht, sind die neuen Ideologien. Das sind Fragen von Nationalismus und Indisch-Sein. Wir wollen, dass Indien, das zu den ältesten Kulturen zählt, weltweit ein Modell für gesellschaftliches Zusammenleben bleibt: Einheit in Vielfalt und die Freiheit von Meinung und Religionen. Und dafür braucht es gemeinsame Anstrengungen und ein verantwortungsvolles Vorgehen, das die wirklich drängenden Probleme im Land, wie etwa die extreme Armut, angeht.

Extremismus muss in allen Regionen der Welt gestoppt und verurteilt werden, denn er schränkt das Leben der Mehrheitsgesellschaften ein. Den Extremismus und das fanatische Gedankengut in seine Schranken zu verweisen, ist die Aufgabe aller Inder, seien sie nun Hindus, Christen, Muslime, Anhänger anderer Religionen oder auch Atheisten. Wir müssen an einer Gesellschaft arbeiten, in dem jeder seinen Platz findet.

DOMRADIO.DE: Es gibt eine jahrzehntealte Freundschaft zwischen Ihrem Erzbistum Trivandrum und dem Erzbistum Köln. Wie kam es dazu?

Baselios Cleemis: Während des Zweiten Vatikanischen Konzils war der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings meinem Vorgänger Erzbischof Benedict Mar Gregorios begegnet. Das war der Beginn der Freundschaft zwischen den beiden Bistümern, die seitdem gehalten hat und durch viele Projekte und gegenseitige Besuche gepflegt wurde. Wir haben viel Hilfe erfahren, beispielsweise beim Bau von Kirchen und Pfarrzentren und beim Aufbau des Priesterseminars. Heute arbeiten sogar einige unserer Priester und Ordensleute hier in Köln.

DOMRADIO.DE: Was ist der Grund Ihres Besuches?

Baselios Cleemis: Kardinal Woelki war im Juli 2018 in unserem Bistum als Ehrengast zu Besuch, anlässlich des 65. Todestages unseres Kirchengründers Mar Ivanios. Er hat damals die Predigt in der Kathedrale gehalten und gemeinsam mit rund 4.000 Pilgern den Gottesdienst gefeiert. Damals hat er mich nach Köln eingeladen, deswegen bin ich hier und durfte mit ihm den Gottesdienst am Dreikönigstag im Dom zelebrieren.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet Ihnen diese deutsch-indische Freundschaft?

Baselios Cleemis: Köln hat eine alte christliche Tradition. Und auch wenn die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, habe ich doch beobachtet, dass es hier einen starken und authentischen Glauben gibt.

Das Erzbistum Köln unterstützt über 500 Diözesen in 100 Ländern weltweit. Für uns war es immer wichtig zu wissen, dass wir hier so einen starken Partner in Europa haben, der uns bei der Entwicklung unserer Gemeinden unterstützt. Das hat Köln schon in vielfacher Weise bewiesen. Und eine noch größere Ehre sind die gegenseitigen Besuche: Dass Kardinal Woelki zu uns gereist ist und dass ich jetzt hier sein darf, ist für uns ein Segen, für den wir sehr dankbar sind.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

(DR)

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