US-Bischöfe ziehen sich zu Gebetswoche über Missbrauch zurück

Eine Strafmaßnahme des Papstes?

Mehr als 200 US-Bischöfe haben sich zu einer vom Papst verordneten "geistlichen Klausurwoche" zurückgezogen. In der Vergangenheit waren immer mehr Missbrauchsberichte in den USA ans Licht gekommen. Kann eine Klausurwoche da helfen?

Gebetswoche über Missbrauch / © Bradley Birkholz (KNA)
Gebetswoche über Missbrauch / © Bradley Birkholz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus hatte die US-Bischöfe gebeten, sich für eine Woche zurückzuziehen. Das klingt ein bisschen nach einer Art Bestrafung.

Klaus Prömpers (ehemaliger USA-Korrespondent für das ZDF in Washington): Mir scheint es noch umstritten, ob es wirklich eine Strafmaßnahme gegen die amerikanischen Bischöfe ist. Es ist eher Teil des weltweiten Tauziehens des konservativen Teils der katholischen Kirche und des nicht so konservativen Teils im Bemühen, unter der Regentschaft von Papst Franziskus ein neues Profil zu entwickeln. Das erleben wir ja schon seit längerer Zeit.

Dass sich die Bischöfe in der Nähe von Chicago versammeln, ist in doppelter Weise kein Zufall: Erstens wird der Kardinal von Chicago als derjenige gehandelt, der leitend an den Vorbereitungen zur Bischofssynode vom 21. bis 24. Februar dieses Jahres in Rom arbeitet. Gleichzeitig ist er auch ein profilierter "Anti-Missbrauchs-Kardinal" und hat innerhalb der amerikanischen Bischofskonferenz von 269 Bischöfen ein sehr ausgeprägtes Profil.

Dieses Zusammentreffen, das an diesem Mittwoch begonnen hat und knapp eine Woche dauern soll, dient – so heißt es offiziell – dem Gebet. Auf Facebook und Twitter hat Kardinal Cupich auch um die Gebete der Gläubigen gebeten, damit sie zu Einsichten kommen, wie sie in dieser Causa weiter verfahren sollen.

DOMRADIO.DE: Steckt denn mehr als nur Besinnung und Beten dahinter?

Prömpers: Dahinter steckt offensichtlich, so scheint es mir, ein Konflikt zwischen der Bischofskongregation in Rom und der amerikanischen Bischofskonferenz. Die behauptet, seit Anfang Oktober letzten Jahres habe man immer wieder Vorschläge und Details des geplanten Programms gegen Missbrauch in den USA den römischen Dikasterien zugestellt, aber Rom hätte nicht reagiert. Oder, präziser gesagt: Sie hätten nicht negativ reagiert.

Das hat der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal DiNardo, dieser Tage gesagt, nachdem es der amerikanischen Nachrichtenagentur AP gelungen war, einen Brief des kanadischen Kardinals, Ouellet – er ist Präfekt der Kongregation in Rom – zu veröffentlichen. In dem Brief beschuldigt Ouellet wiederum die Amerikaner, die Sachen zu spät eingereicht zu haben.

Dahinter steckt also für mich wieder so ein bisschen der Konflikt zwischen den Verhinderern und den Bewahrern des ewig Gestrigen und denen, die endlich mal reinen Tisch machen wollen.

DOMRADIO.DE: Die US-Bischöfe haben einen Maßnahmenkatalog gegen Missbrauch entwickelt. Erwartet man, dass dieser Katalog inhaltlich noch einmal überarbeitet wird während der Klausurtagung? Offiziell heißt es "Nein".

Prömpers: Offiziell heißt es: "Es geht nur um Reflexion und auch um Lektionen aus dem Evangelium." Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein Großteil der Bischöfe dort versammelt sein wird, damit man auch darüber beraten kann, ob man hier oder da oder dort noch etwas ändert, und mit welchem Vorschlagskatalog der Vorsitzende der Bischofskonferenz, DiNardo, dann schließlich im Februar nach Rom fliegen wird.

Das wird sicherlich nicht einfach sein, denn schon innerhalb der amerikanischen Bischofskonferenz – ähnlich wie in der Deutschen oder in anderen Bischofskonferenzen – ist ja nicht unumstritten, wie offen man sein will.

Erst wenige Tage vor dem Weihnachtsfest, am 19. Dezember, veröffentlichte der Bundesstaat Illinois erneut einen Untersuchungsbericht des Generalstaatsanwalts über eine Untersuchung in den sechs Diözesen, die in den USA liegen. Darin stellte er fest, dass fünf Namen von Priestern, denen Missbrauch vorgeworfen worden war, von Diözesen bisher nicht genannt wurden. 690 Priester in diesen sechs Diözesen sind verdächtigt, aber nur 185 Namen wurden öffentlich gemacht.

Da gibt es immer noch erhebliche Probleme der katholischen Kirche. Wir erinnern uns an die Veröffentlichung im Sommer letzten Jahres in Pennsylvania mit tausend missbrauchten Jugendlichen, die über Jahrzehnte da aufgelistet worden waren. Ein Aufschrei der Empörung! Seitdem haben aber 15 weitere Bundesstaaten ihre Staatsanwaltschaften darangesetzt, zu untersuchen, was in der katholischen Kirche passiert. Denn offensichtlich schafft die Kirche es selber nicht, offen und ehrlich zu sagen, was und wie man das für die Zukunft verhindern kann.

DOMRADIO.DE: Abgesehen von diesem Maßnahmenkatalog: Haben die US-Bischöfe die Zeit seit November genutzt, um Vertrauen in der amerikanischen Gesellschaft zurückzugewinnen?

Prömpers: Das muss man unterschiedlich beurteilen. Bei einigen ist es zweifellos der Fall; wie beispielsweise beim Erzbischof von Chicago, der immer wieder dafür plädiert, dass die Kirche sich komplett ehrlich machen muss und dass Priester, die gefehlt haben, sich juristisch und weltlich verantworten müssen – und nicht nur von kirchlichen Gremien. Er plädiert dafür, dass es nicht weiter angehen kann, dass man, wie in der Vergangenheit häufig geschehen, Dinge vertuscht oder Priester auf Positionen versetzt, in denen sie scheinbar keine Möglichkeit haben, auf Minderjährige zu stoßen.

Da gibt es sicher etliche Bischöfe in der amerikanischen Bischofskonferenz, wie auch in der Deutschen, die sehr stark dafür eintreten, um klar Schiff zu machen. Aber es gibt sicher auch einige Zauderer. 

Wenn man die gesamte Bischofskonferenz betrachtet, so kam ein Beobachter in Amerika zum Schluss: "Im Grunde müssten etwa 130 Bischöfe zurücktreten, weil sie entweder in der Vergangenheit vertuscht haben oder selber Missbrauch begangen haben oder in Fälle involviert waren." Dieser Streit wird weitergehen und man muss mit Spannung erwarten, was aus diesen Treffen im Februar dieses Jahres in Rom herauskommen wird: Vielleicht ja so etwas wie Leitlinien für eine eindeutige klare Behandlung der Fälle für die Zukunft, einschließlich einer juristisch offenen Behandlung auch staatlicherseits gegenüber Opfern und vor allem gegenüber den Verursachern, den Tätern.

Das Interview führte Moritz Dege.


Klaus Prömpers (privat)
Klaus Prömpers / ( privat )
Quelle:
DR