Christen im Irak
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Christenverfolgung im Irak
Kinder im Irak
Kinder im Irak auf der Flucht

07.12.2018

Die Lage der Christen im Irak nach dem Sieg über den IS "Viele fröhliche aber auch traurige Gesichter"

Vor knapp einem Jahr verkündete die irakische Regierung den vollständigen Sieg über die Dschihadisten. Wie geht es nun den Christen dort? Das Erzbistum Köln hat sich mit Vertretern der Partnerorganisation "Mission East" ein Bild gemacht.

DOMRADIO.DE: Im Dezember vor einem Jahr erklärte die irakische Regierung den Sieg über den IS. "Mission East" ist seit 2014 dort und jetzt mit dem Erzbistum Köln vor Ort gewesen. Herr Hartzner, was machen Sie genau?

Kim Hartzner (Mission East-Mitbegründer und Geschäftsführer): Nach der sogenannten Befreiung waren wir die ersten in der Stadt, um Nothilfe zu leisten. Unsere Leute sind an die Kriegsfront gegangen, um den Leuten zu helfen. Sie haben mir erzählt, wie Eltern durch den Kugelregen gerannt sind, um Hilfe für Kinder zu suchen. Da sind Leute durch einen Fluss geschwommen, um Nahrungsmittel, Küchengeräte und Decken zu besorgen. Deshalb das war wirklich Nothilfe in äußerstem Maße.

DOMRADIO.DE: Seit dem Sieg über den IS sind Sie immer noch vor Ort. Diese Nothilfe, die Sie gerade beschrieben haben, ist glücklicherweise nicht mehr nötig. Warum sind Sie aber immer noch dort?

Hartzner: Jetzt helfen wir den Leuten, wieder nach Hause zurückzukehren. Wir wollen ihnen dabei helfen, sich eine Zukunft aufzubauen. Sehr viele Leute haben die Hoffnung verloren. Es gibt eine sehr hohe Arbeitslosigkeit. In Mossul zum Beispiel sind 80 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Da muss man eingreifen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht denn der Wiederaufbau im Moment aus? Wie viele Leute können vielleicht schon wieder ordentlich wohnen?

Hartzner: Vor dem Krieg lebten in Mossul um die zwei Millionen Leute. Dreiviertel der Menschen sind zurück. Aber es fehlt oft die Basis für ein Leben. Fast eine halbe Million Kinder können nicht in die Schule. Daher haben wir Kinderzentren eingerichtet, wo wir ihnen den Umgang mit dem Computer, Englisch und Arabisch lernen. Die kehren zurück, weil die Regierung sie zur Rückkehr zwingen möchte. Dabei haben viele Angst. Besonders die religiöse Minderheiten. Die Jesiden und die Christen haben die Sorge, dass der IS immer noch lebendig ist und sich im westlichen Teil des Landes stärkt.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, die Jesiden und Christen haben Angst, dass der IS zurückkehrt. Zuletzt kam auch die Nachricht, dass der IS immer noch da ist. Wie muss man sich das vorstellen?

Hartzner: Der IS ist in der Fläche besiegt worden. Das heißt, bei meiner letzten Reise vor zwei Jahren, gab es wirklich eine Grenze. Da gab es den freien Irak und den durch den IS besetzten Irak. Das gibt es nicht mehr. Das gesamte Gebiet ist wieder Irak.

Aber es gibt natürlich versteckte Zellen vom IS. Die machen nach wie vor Probleme durch Anschläge. Diese Unsicherheit gibt es nach wie vor. Wenn man Flüchtlinge - insbesondere die Jesiden - fragt, was sie brauchen, um zurückzukehren, dann antworten sie: Sicherheit. Die ist aber nach wie vor nicht gewährleistet. Das ist der Grund, warum sie immer noch in ihren Zelten leben.

DOMRADIO.DE: Es gibt natürlich viele Projekte, die den Menschen eine Zukunft im Nordirak ermöglichen wollen. Sie vom Erzbistum Köln, Herr Ammann, haben sich einige Projekte angeguckt, wo genau waren Sie denn unterwegs?

Nadim Ammann (Referatsleiter Weltkirche des Erzbistums Köln im Nordirak): Wir waren vor allen Dingen im Norden des Iraks unterwegs - also im kurdischen Gebiet. Ich wollte mir unbedingt die Ninive-Ebene, das Traditionsgebiet der Christen, anschauen. Ich wollte mir ein Bild davon verschaffen, wie die Christen zurückkehren. Wir waren am Fuß des Sindschar-Gebirges. Dort lebten die Jesiden schon lange vor dem Krieg. Wir wollten sehen, welche Möglichkeiten die Jesiden haben, zurückzukommen.

DOMRADIO.DE: Und wie sieht es da aus?

Ammann: Ganz unterschiedlich. In der Ninive-Ebene hatte ich zunächst den Eindruck, dass das Leben zurück ist. Die Städte pulsieren. Die Leute sitzen draußen in Restaurants. Es waren viele junge Menschen unterwegs.

Nur schaut man sich die Häuser an, dann sieht man auch viele leerstehende Gebäude. Sie sind noch nicht wieder bewohnt, sind ausgebrannt und noch immer zerstört. Daran sieht man, dass noch lange nicht alle Bewohner zurück sind - nicht einmal die Hälfte.

DOMRADIO.DE: Möchten Sie denn zurück?

Ammann: Das Hauptproblem ist die Erwerbstätigkeit. Die Menschen, die einen Betrieb haben, einen Kiosk betreiben oder ein Restaurant betreiben, die einem Handwerk nachgehen können, die irgendwie über die Runden kommen, die wohnen meist wieder bei sich daheim. Für die Menschen, die keine Arbeit haben und auch keine Perspektive für ihre Kinder sehen, ist es sehr schwer. Das sieht man auch in den Gesichtern. Ich habe sehr fröhliche Gesichter gesehen, aber auch sehr traurige.

DOMRADIO.DE: Jetzt unterstützt das Erzbistum Köln die Arbeit von "Mission East". Warum?

Ammann: Als Erzbistum haben wir keine Leute vor Ort. Wir haben keine eigenes Büro. Wir sind immer auf Partner vor Ort angewiesen. "Mission East" ist so ein Partner. Sie haben Personal vor Ort und eine große Erfahrung in diversen Ländern. Meine Reise hat mir einen Einblick in die Arbeit von "Mission East" ermöglicht. Das ist eine Arbeit, die sich auf die Bedürftigen konzentriert - in dem Fall vor allen Dingen auf die Christen und Jesiden. Wir planen für das kommende Jahr gemeinsam, den Menschen zu helfen, wieder Arbeit zu finden.

Ganz konkret aber haben wir jetzt für dieses Jahr noch Hilfe bei Winter-Utensilien geplant. Noch immer ist es nämlich so, dass die Leute nicht ausreichend Geld haben, um sich etwa Decken und Kerosin für den Winter zu kaufen. Der Winter ist im Irak sehr kalt. Das haben wir selber auch erleben können, weil es gerade anfing, kalt zu werden. Das ist notwendig und da haben wir gerade in unserer letzten Projekt-Bewilligung Mittel für "Mission East" bereitgestellt.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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