Da hatten sie noch gut Lachen: Kardinal Donald Wuerl (l.) und Papst Franziskus
Da hatten sie noch gut Lachen: Kardinal Donald Wuerl (l.) und Papst Franziskus
Klaus Prömpers
Klaus Prömpers

12.10.2018

Der Rücktritt von Kardinal Wuerl und die Folgen "Schlimmste Spaltung seit der Reformation"

Plötzlich steht die US-Hauptstadt ohne Erzbischof da. Papst Franziskus hat den Amtsverzicht des Washingtoner Erzbischofs Donald Kardinal Wuerl angenommen. Ein Schuldeingeständnis oder der Versuch, ihn aus der Schusslinie zu nehmen?

DOMRADIO.DE: Traditionell gehen Kardinäle erst mit 80 Jahren in den Ruhestand und nicht wie andere Bischöfe mit 75 Jahren. Ist diese Rücktrittsannahme jetzt ein Schuldeingeständnis? Oder will der Vatikan Kardinal Wuerl aus dem Schussfeld nehmen?

Klaus Prömpers (Ehemaliger ZDF-Korrespondent in New York und USA-Experte): Ich glaube, es ist halb ein Schuldeingeständnis seitens des Kardinals, der sein Rücktrittsgesuch am 21. September bereits nach Rom geschickt hat und halb der Versuch, ihn aus dem Schussfeld zu nehmen - aber eben nicht ganz.

Es geht ja im Wesentlichen um die Zeit zwischen 1988 und 2006. In diesem langen Zeitraum war Wuerl damals noch nicht Kardinal, sondern Bischof in Pittsburgh und hat laut einem Gutachten des Generalstaatsanwalts etwa 200 Fälle zu verantworten, wo Priester gedeckt und Dinge vertuscht wurden. Kardinal Wuerl beruft sich dabei immer darauf, er habe ja Psychologen gefragt und sich von diesen beraten lassen, ob man die Priester, die des Missbrauchs verdächtigt wurden, weiterhin anderswo beschäftigen könne. Das ist natürlich eine Argumentation, die wohlfeil ist, aber nicht hundertprozentig überzeugend und stichhaltig.

Deswegen ist es sicher ein halbes Schuldeingeständnis. Allerdings bleibt er als sein eigener Co-Adjutor - bis ein neuer Bischof ernannt ist - im Amt und leitet die Diözese faktisch weiter.

DOMRADIO.DE: Er ist ein hoher katholischer Würdenträger. Welche Folgen wird dieser "halbe" Rücktritt jetzt für die US-Kirche haben? Hat er auch das Zeug zum Befreiungsschlag?

Prömpers: Das glaube ich nicht. Einen Tag bevor die Annahme des Rücktritts durch Papst Franziskus bekannt wurde, hat die im Grunde wöchentlich erscheinende Zeitung "foreign affairs", die  täglich kleine Newsletter herausbringt, eine sehr angesehene Zeitung ist und in der Regel über Außenpolitik informiert, getitelt: Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ist die größte Krise der katholischen Kirche seit der Reformation, also seit über 500 Jahren.

Und das trifft ja zu. Nicht nur auf die USA, wo die Kirche noch viel gespaltener ist, als wir sie in Deutschland an vielen Stellen erleben können, sondern das trifft weltweit zu.

Diese Krise ist eine Krise der Glaubwürdigkeit, mittlerweile nicht mehr nur der Priester, die Missbrauch betrieben haben. Es ist auch eine Krise der Bischöfe, die dies über Jahre und Jahrzehnte gedeckt und vertuscht haben, die Priester dem staatlichen Zugriff entzogen haben und so die gesamte Kirche in ein vollkommen unglaubwürdiges Licht gebracht haben. Was dazu führte, dass viele Gläubige sich fragen: Was können diese Bischöfe eigentlich noch wirklich glaubwürdig sagen?

DOMRADIO.DE: Warum bekommt speziell die US-Kirche die Missbrauchsaufklärung offenkundig nicht in den Griff?

Prömpers: Man hat ja vor etlichen Jahren, schon im Jahr 2002, damit begonnen. In Boston war die erste Welle von Missbrauchsaufklärungsfällen. Es hat ganz viele Geschichten gegeben, wo Missbrauch auch dazu geführt hat, dass Schadensersatzzahlungen geleistet wurden. Jüngster Fall war vor zwei Wochen in Brooklyn: Die Diözese Brooklyn hat an drei Opfer insgesamt 27,2 Millionen Dollar gezahlt.

Das Problem ist, dass immer wieder öffentlich wird, dass die Bischöfe Priester, die Missbrauch betrieben haben, gedeckt haben. Dass sie diese von A nach B oder C versetzt haben, ohne die dortigen neuen Gemeinden darüber zu informieren, wes Geistes Kind dieser Priester gewesen sein könnte oder noch ist. Sie haben in vielen Fällen eben diese Priester auch vor staatlichem Zugriff entzogen, vor strafrechtlichen Ermittlungen.

Das bringt die Glaubwürdigkeitskrise auf ein weiteres Level, das dann von den konservativen Kreisen in den USA ausgenutzt wird, die sagen: Wir müssen zurück vor das Zweite Vatikanische Konzil der 1960er Jahre. Wir müssen wieder zurück zum - wie sie dann sagen - wahren Glauben.

Nicht umsonst war der Brief von Bischof Vigano, dem ehemaligen Botschafter in Washington D.C, der Papst Franziskus als nicht aufklärend fokussierte, in reaktionären katholischen Kreisen in den USA publiziert worden.

Da gibt es eine Spaltung, die sehr, sehr tief geht und sehr schwer zu überwinden ist. Deswegen kommt "foreign affairs", wie ich finde, zu dem richtigen Schluss: Das ist eine schlimme Spaltung. So ähnlich wie die, die zur Reformation führte.

DOMRADIO.DE: Würden Sie sagen, die katholische Kirche genießt in den Vereinigten Staaten überhaupt noch Vertrauen?

Prömpers: In Einzelfällen schon. Es gibt natürlich überzeugende Priester. Wenn wir am Sonntag erleben werden, dass Oscar Romero im Vatikan von Papst Franziskus heiliggesprochen wird, dann wird es auch viele Menschen in den USA positiv beeinflussen.

Aber sie sind natürlich täglich konfrontiert mit den Relikten von Missbrauchsfällen, die immer wieder hochgespült werden, die auch immer wieder neu entdeckt werden.

Das nagt an der Glaubwürdigkeit, insbesondere der Bischöfe, die der Papst eigentlich zu kollegialer Kirchenführung anhalten will. Aber viele verweigern sich dem.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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