Missbrauchsskandal: Ist die katholische Kirche noch zu retten?

"Der katholische Patient braucht einen Chirurgen"

Viele haben den Eindruck, dass die katholische Kirche den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch verloren hat. Es sei an der Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme, meint der Jesuit und USA-Kenner Godehard Brüntrup. Ein Gastkommentar.

 (DR)

Die Kirche benutzt für sich selbst oft die Metapher des Leibes, sieht sich als einen lebendigen Organismus mit vielen Gliedern. Es scheint, dass dieser Organismus unheilbar krank ist und bisher auf keinen Therapieversuch reagiert hat. Der "katholische Patient" ist ein hoffnungsloser Fall. Dieser bedrückende Gedanke könnte sich im Kampf gegen sexualisierte Gewalt durch Kleriker allerdings als eine tückische Versuchung erweisen. Er erstickt jede Hoffnung und hinterlässt nur lähmende Beklemmung.

Resignation ist aber eine denkbar ungeeignete Haltung, wenn man ein Problem lösen will. Deshalb ist es angebracht genau nachzuforschen, ob dieser Eindruck wahr ist, ob also wirklich alles unverändert schlecht ist. Nicht um etwas zu beschönigen, das niemals relativiert oder kleingeredet werden darf. Es geht vielmehr um die Frage, ob überhaupt Hoffnung besteht oder ob Verzweiflung und Resignation in der Tat die angemessene Reaktion sind.

Auf dem richtigen Weg?

Kann man in dem nüchternen Zahlenwerk der wissenschaftlichen Untersuchungen kleine Zeichen der Hoffnung entdecken? Vor allem, dass der Trend in die richtige Richtung geht? Ein Blick in die umfangreichen Texte offenbart in der Tat einige Hinweise: Eine staatliche Untersuchung in Australien ergab im vergangenen Jahr, dass bei sexuellen Übergriffen durch Priester neun von zehn Tätern vor 1950 geboren wurden. Die größte Gruppe der Täter ist in den 1930er Jahren zur Welt gekommen. Gegen Priester, die jünger als 48 Jahre sind, wurden kaum noch Vorwürfe erhoben.

Natürlich ist die Zahl der Priesterberufungen gesunken. Aber das reicht nicht aus, um diesen starken Trend zu erklären. Zum Teil mag das daran liegen, dass Betroffene sich erst spät melden. Die Forschungen zeigen aber auch, dass sich Betroffene nicht generell erst nach Jahrzehnten melden, sondern sich vor allem dann melden, wenn das Thema öffentlich thematisiert wird und eine Atmosphäre entsteht, in der man ihnen endlich glaubt. Sie melden sich also verstärkt seit 2003, auch über aktuelle Fälle. Von daher ist die Annahme gerechtfertigt, dass sich die Lage in Australien bereits deutlich gebessert hat.

Ein ähnliches Ergebnis ergab sich auch schon vor etwa 14 Jahren. Damals untersuchten Kriminologen den kirchlichen Missbrauch in den USA. In der unabhängigen Studie zeigte sich, dass Priester, die um 1970 herum geweiht und in den 1940er Jahren geboren wurden, in besonderer Weise als Täter hervorgetreten waren. Bei jüngeren Priestern fällt die Kurve dann steil ab. Gegen Priester, die in den 1990er Jahren geweiht wurden, gab es immer noch Anklagen, aber deren prozentualer Anteil am Jahrgang sank dann auf ein Zehntel der früheren Werte und ging schlussendlich fast auf null.

Neues aus Pennsylvania?

Wie steht es nun um die aktuelle Untersuchung in Pennsylvania, in der die Behörden mehr als 300 namentlich genannte katholische Kleriker beschuldigen, sich des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen schuldig gemacht zu haben? Sind das nicht neue, dramatische Fälle? Zunächst ist hervorzuheben, dass es sich zumeist nicht um neue Fälle handelt. Fast alle wurden schon in der Studie von 2004 erfasst. Nur zwei Fälle lagen nach 2003.

Auch in dieser sehr gründlichen Studie in einem einzigen Bundesstaat der USA zeigte sich, dass bei weitem der größte Teil der Täter aus den Geburtsjahrgängen 1935 bis 1955 stammt. Danach sinkt die Kurve rasch ab und erreicht beim Geburtsjahrgang 1975 praktisch den Nullpunkt. Bei den Weihejahrgängen zeigt sich ein ähnliches Bild. Hier liegt der Höhepunkt etwa bei 1975 und sinkt dann zügig und anhaltend ab. Also kann man auch in den USA mit guten Argumenten von einem deutlichen Rückgang sexualisierter Gewalt durch Priester in den letzten Jahrzehnten sprechen.

Schlaglicht auf die Gegenwart

Wie sieht es nun in der Gegenwart aus? In den letzten Jahren gab es durchschnittlich sieben neue Verdachtsfälle bei Priestern in den gesamten USA, also in allen 50 Bundesstaaten zusammen. Das sind immer noch schreckliche sieben, die die Kirche vom angestrebten Ziel entfernt ist. Aber im Vergleich zu früher ist die Zahl sehr niedrig. Wenn man nur die letzten beiden Jahre betrachtet, dann liegt der Anteil der betroffenen Priester bei 0,005 Prozent. Immer noch zu viele, denn alles andere als die Null-Quote ist unakzeptabel.

Aber: Eine vollkommene Null-Quote kann bisher keine große Organisation vorweisen. Allein im schon erwähnten Bundesstaat Pennsylvania verloren im Jahr 2017 nicht weniger als 42 Lehrer an größtenteils staatlichen Schulen ihre Lehrbefugnis wegen sexueller Übergriffe auf Schüler und Schülerinnen. Allein im Regierungsbezirk Los Angeles saßen 2015 nicht weniger als 65 Lehrkräfte aus staatlichen Schulen wegen sexueller Übergriffe im sogenannten "Lehrergefängnis".

Die "Gefangenen" dürfen während der regulären Arbeitszeit bestimmte Räume nicht verlassen, damit sie keinerlei Kontakt mit Schülern und Schülerinnen mehr haben. Man sollte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Natürlich gibt es viel mehr Lehrer und Lehrerinnen als Priester. Aber diese Zahlen zeigen doch, dass die Null-Quote ein nur mit größter Anstrengung erreichbares Ziel ist. Rückschläge wird es wohl immer geben.

Zu früh für eine genaue Prognose

Wie geht es also dem katholischen Patienten? Was ist seine Prognose, seine Aussicht auf Heilung? Das ist schwer zu sagen, weil für viele Glieder dieses Leibes, wie zum Beispiel Osteuropa oder auch Afrika noch die Untersuchungsergebnisse fehlen. Auf der anderen Seite kann man sagen, dass sich in den Bereichen, die wissenschaftlich genau untersucht wurden, in jüngerer Zeit eine deutliche Besserung abzeichnet.

Ist der Patient also über den Berg? Noch lange nicht! Ist der Patient aber ohne jede Hoffnung auf Besserung erkrankt? Das – so zeigen die Daten – ist nicht der Fall. Und das war ja die Ausgangsfrage: Besteht Anlass zur Resignation? Die Antwort ist nach meiner Ansicht: Nein, es besteht kein Anlass zur Resignation. Es gibt klare und belastbare Zeichen der Hoffnung.

Diesen Einschätzung soll alles andere als beschwichtigen oder kleinreden. Ganz im Gegenteil. Sie soll zum beherzten Handeln ermutigen. Dass der Weg zur Genesung kein leichter wird, braucht nicht betont zu werden. Er verlangt innere Umkehr der Einzelnen und einschneidende strukturelle Reformen. Der katholische Patient braucht eher einen Chirurgen als ein paar Pillen.

Kann der Papst diese Rolle übernehmen? Sicher nicht allein. Es ist nämlich offenbar geworden, dass er in der Vergangenheit – wie seine Vorgänger – das Problem unterschätzt hat. Die jüngste Zeit zeigt allerdings, dass es auch bei ihm Zeichen der Umkehr und der Einsicht in vergangene Fehler gibt. Die Bedeutung seines ganzen Pontifikates könnte daran hängen, ob dieser Einsicht nun auch wirkungsvolle Taten folgen.

Information

Unser Gastautor, der Jesuit Prof. Godehard Brüntrup SJ, ist Vizepräsident der Hochschule für Philosophie München. Für das Wintersemester 2013/14 nahm Brüntrup einen Ruf als James Collins Visiting Professor in Philosophy der Saint Louis University an. Seitdem verbringt er regelmäßig den August/September als Extracurricular Professor an der St. Louis University.


Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ (HfPH)
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ / ( HfPH )
Quelle:
DR