Präsidentin Michelle Bachelet empfängt Franziskus am La Moneda-Palast
Als Präsidentin empfängt Michelle Bachelet Franziskus am La Moneda-Palast

11.08.2018

Michelle Bachelet wird neue UN-Menschenrechtskommissarin Sozialistin – Ärztin – Präsidentin – Folteropfer

Ein Bild für die Geschichtsbücher, als Chiles Militär 2002 vor Michelle Bachelet salutierte: eine Frau als Verteidigungsministerin; Folteropfer Pinochets. Nun wird die Sozialistin UN-Kommissarin für Menschenrechte.

Chiles frühere Präsidentin Michelle Bachelet wird neue UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. Die UN-Vollversammlung bestätigte ihre Nominierung am Freitag in New York. Die 66-jährige Bachelet wird zum 1. September Nachfolgerin des Jordaniers Zeid Ra'ad Al Hussein (54), der seit 2014 amtiert. Er hat sich unter anderem als scharfer Kritiker von US-Präsident Donald Trump profiliert. Die USA traten im Juni aus dem UN-Menschenrechtsrat aus.

Auch die Sozialistin Bachelet hat keine Angst vor großen Namen. Zweimal war sie selbst Chiles Präsidentin, von 2006 bis 2010 sowie von 2014 bis Anfang 2018. Von 2010 bis 2013 leitete sie die neu gegründete UN-Organisation UN Women, die sich für Gleichstellung und Frauenrechte weltweit einsetzt – im Rang einer UN-Untergeneralsekretärin.

Folteropfer der Pinochet-Diktatur

Es waren Bilder für die Geschichtsbücher, als das chilenische Militär im Januar 2002 vor Veronica Michelle Bachelet salutierte: eine Frau als Verteidigungsministerin – eine Sozialistin noch dazu, ein Folteropfer der Pinochet-Diktatur (1973-1990). 2006 wurde Bachelet gar als erste Frau Staatsoberhaupt und Regierungschefin ihres Landes.

Schon als Studentin war die im September 1951 geborene Tochter von General Alberto Bachelet politisch aktiv. Ihr Vater, der loyal zum sozialistischen Präsidenten Salvador Allende stand, wurde nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 inhaftiert und starb an den Folgen von Folter im Gefängnis. Während ihres Medizinstudiums wurde Michelle Mitglied der Sozialistischen Partei und demonstrierte auf den Straßen Santiagos.

"Aber nicht so schlimm wie viele andere"

Sie versteckte untergetauchte Regimegegner und arbeitete selbst im Untergrund. Im Januar 1975 wurden sie und ihre Mutter verhaftet. Sie landeten in der "Villa Grimaldi", etwas abseits im Osten der Hauptstadt Santiago, nahe am Flughafen gelegen.

"Villa Grimaldi", das war das vielleicht berüchtigtste Folterzentrum des Landes. Hier wurde experimentell, wissenschaftlich, ja mathematisch gefoltert. Auch Bachelet musste hier leiden – "aber nicht so schlimm wie viele andere", wie sie zumindest selbst erklärt. So gut es ging, versorgte die damals 24 Jahre alte Medizinstudentin ihre gequälten Mithäftlinge.

Nach der Entlassung floh sie mit der Mutter über Australien in die DDR, wo damals viele chilenische Sozialisten Aufnahme fanden; sie studierte an der Berliner Humboldt-Universität weiter. "Wir wurden als Gäste in der DDR empfangen. Das Land war extrem solidarisch mit uns", erinnerte sie sich – und dankte später Margot Honecker, die ihrerseits nach 1989/90 Aufnahme in Chile fand.

Grundlinien gesellschaftliche Solidarität

Bachelet selbst kehrte 1979 nach Chile zurück und beendete 1983 ihr Medizinstudium. Sie übernahm verschiedene Posten in der öffentlichen Verwaltung und wurde 2000 unter Präsident Ricardo Lagos zunächst Gesundheits-, später Verteidigungsministerin.

Als Präsidentin zog Bachelet in der durch und durch marktliberalen Volkswirtschaft Chiles zumindest einige gesetzliche Grundlinien gesellschaftlicher Solidarität ein, ohne jedoch grundlegend am neoliberalen Comment des Landes rühren zu können. Mehr Arbeitsschutz, Zwangseinrichtung von Gewerkschaften und kostenlose Hochschulbildung für alle versprach sie. Doch die Umsetzung zerbrach vielfach an den harten Widerständen.

"Ärztin geworden, um Leben zu retten"

Bachelets Popularität geht auch auf ihren Sinn für einfache, aber wirksame Gesten sowie ihre menschliche Bodenhaftung zurück; die Fähigkeit, auch mal Wissenslücken einzugestehen und mit biografischen Brüchen offensiv umzugehen. Als frühere Kinderärztin lehnt die Sozialistin Abtreibung und aktive Sterbehilfe ab. Sie sei "Ärztin geworden, um Leben zu retten", betont Bachelet im politischen Diskurs.

Die Atheistin und Mutter, die ihre drei Kinder allein erzogen hat, wird selten als arrogant und meist als authentisch wahrgenommen. Vor allem aber als furchtlos und kämpferisch. Das wird ihr auch in ihrem neuen Amt durchaus nützlich sein.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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