Andrew Craig Brunson während er ein Gefängnis außerhalb von Izmir verlässt
Andrew Craig Brunson während er ein Gefängnis außerhalb von Izmir verlässt

02.08.2018

USA verhängen Sanktionen gegen Türkei wegen Pastor Brunson Vergeltung gegen Erdogans Minister

Trump macht Ernst und ordnet Vergeltungsmaßnahmen gegen die Türkei an. Es geht um den Umgang mit US-Pastor Andrew Brunson, den die Regierung Erdogan für einen Spion hält. Die USA verlangen seine Freilassung.

Die US-Regierung hat am Mittwoch Sanktionen verhängt gegen den türkischen Justizminister Abdulhamit Gül und dessen Kollegen im Innenressort, Süleyman Soylu. Wie das Weiße Haus bestätigte, kommen die beiden Regierungsmitglieder nicht mehr an ihre Vermögen in den USA heran. Sie sollen eine maßgebliche Rolle bei der Inhaftierung von US-Pastor Andrew Brunson gespielt haben. Die Türkei drohte umgehend mit Gegenmaßnahmen.

Trump hatte die Vergeltungsmaßnahmen via Twitter angekündigt. Dass der Präsident gegen einen NATO-Alliierten zum Sanktionsschwert greift, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Denn der Fall Brunson bewegt seine religiöse Klientel wie kaum ein anderes Thema.

"Großer christlicher Familienvater und wunderbarer Mensch"

Weil es sich um einen inhaftierten US-Geistlichen in einem muslimischen Land handelt, empfinden Trumps christlich-konservative Unterstützer dies umso mehr als Affront. Brunson ist presbyterianischer Pfarrer und betreute bis zu seiner Festnahme die "Auferstehungs"-Gemeinde bei Izmir. Brunson sei ein "großer christlicher Familienvater und wunderbarer Mensch", twitterte Trump vergangene Woche. Er werde schon viel zu lange "als Geisel" festgehalten.

Das sehen die türkischen Behörden anders. Sie werfen dem Vater dreier Kinder vor, ein Spion zu sein und den Putsch gegen Erdogan 2016 unterstützt zu haben. Am schwersten wiegt der Vorwurf, ein Anhänger des Staatsfeinds Nummer eins zu sein, des in Ungnade gefallenen ehemaligen Erdogan-Verbündeten Fethullah Gülen. In der Summe könnten die Vorwürfe Brunson 35 Jahre Haft einbringen.

PKK und Gülen

Der Geistliche stammt aus North Carolina und lebt seit 23 Jahren mit seiner Familie an der türkischen Ägäisküste. Im Herbst 2016, einige Monate nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Erdogan, geriet er ins Visier der türkischen Justiz. Sie bezichtigte ihn, am vereitelten Sturz der Regierung mit beteiligt gewesen zu sein, und verhafteten den Pastor. Im März 2017 folgte die Anklage.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Brunson auch, Kontakte zu terroristischen Organisationen zu haben. Konkret soll er die kurdische Arbeiterpartei PKK und die Gülen-Bewegung unterstützt haben. Letztere macht die Regierung für den Putschversuch verantwortlich.

"Totale Schande"

Präsident Trump hatte dem Fall Brunson schon einige Tweets gewidmet. Am 18. Juni nannte er die Inhaftierung des Pastors eine "totale Schande". Letzte Woche dann kam seine Sanktionsankündigung, die auch sein Vize Mike Pence bekräftigte. In Washington wird Brunson als religiös Verfolgter gesehen, der wegen seines Glaubens im Gefängnis landete.

Die türkischen Reaktionen auf die Sanktionsdrohungen fielen erwartungsgemäß aus. "Niemand diktiert der Türkei irgendetwas", twitterte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu. Sein Sprecher Hamy Aksoy hielt den USA vor, die Allianz der beiden Nato-Staaten zu ignorieren. Trump riskiere, einen wichtigen Partner zu verlieren, hatte Erdogan im Vorfeld der Sanktionen in einem Zeitungsinterview gewarnt.

Pastor gegen Pastor

Die Geschichte hinter der Geschichte ist diplomatisch noch pikanter. Brunson gilt in den USA als türkisches Faustpfand für die Auslieferung des islamischen Predigers Gülen, der seit 1999 im Exil im ländlichen Pennsylvenia lebt. Für Erdogan ist er ein Putschist. Seine Wortmeldungen legen den Verdacht nahe, dass er den Pfarrer benutzen will, um die Überstellung Gülens zu erzwingen.

Die Komplexität der Brunson-Gülen Geschichte wird dadurch verstärkt, dass Trump Israels Premier Netanjahu laut CNN-Informationen um Hilfe gebeten hatte. Die Umwandlung von Brunsons Gefängnis-Unterbringung in Hausarrest soll Netanjahu mit der Überstellung einer 27-jährigen Türkin erwirkt haben, die in Israel wegen Verdachts auf Unterstützung der Hamas einsitzt.

Erdogan schlug im vergangenen Herbst während einer Fernsehansprache auch dem amerikanischen Präsidenten einen Deal vor. "Du hast auch einen Pastor (Gülen). Gib uns den zurück, dann werden wir dir deinen (Brunson) zurückgeben." Trump ließ sich nicht drauf ein.

Bernd Tenhage
(KNA)

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