US-Schauspieler Danny Glover (M) nimmt an Kundgebung gegen Armut teil
US-Schauspieler Danny Glover (M) nimmt an Kundgebung gegen Armut teil

03.07.2018

Das arme Amerika formiert sich gegen Trump Eine neue Bewegung fordert soziale Gerechtigkeit

50 Jahre nach dem Mord an Martin Luther King knüpft die neue "Poor People's Campaign" da an, wo der Bürgerrechtler nicht mehr weitermachen konnte: Sie versucht, die Armen des Landes zu mobilisieren.

Martin Luther King sprach kurz vor seinem Tod von den "drei Übeln" Rassismus, Armut und Militarismus. Diese ließen sich nur überwinden, wenn es in den USA soziale Gerechtigkeit gebe. Dafür kämpfte King mit der 1968 von der Southern Christian Leadership Conference, kurz auch SCLC ins Leben gerufenen "Poor People's Campaign", PPC.

Und genau darum geht es seinen Erben, die ein halbes Jahrhundert später versuchen, mit ihrer neuen "Arme-Leute-Bewegung" den Traum Kings zu vollenden.

Pfarrers William Barber mobilisierte

Unter Führung des protestantisches Pfarrers William Barber mobilisierte das Bündnis aus Protestanten, Katholiken, Juden, Alten und Jungen, Liberalen und Gewerkschaftern, Schwarzen und Latinos über 40 Tage lang von Alaska bis Alabama Mitglieder und Gleichgesinnte.

Trumps Politik des Sozialabbaus und die "Null-Toleranz"-Praxis gegen illegale Migration hauchten der Bürgerrechtsbewegung neue Energie ein. Der Anführer der neuen "Poor People's Campaign" ist eine Institution in Sachen soziale Gerechtigkeit. Obendrein hat Reverend Barber eine Menge Charisma. Der 1,90-Mann erinnert mit seinen drei Zentnern Körpergewicht und seiner donnernden Stimme an den Soulsänger Barry White.

USA-weit eine Institution

Mit seinen "Moral Mondays", bei denen er anfangs in seinem Heimatstaat North Carolina gegen die Politik zulasten der Armen zu Felde zog, machte er sich landesweit einen Namen. Heute ist Barber USA-weit eine Institution. Die "New York Times" nennt ihn "die Stimme der religiösen Linken". Und zwar eine, die so viel Aufmerksamkeit bekommt wie schon lange kein Vertreter dieses Spektrums mehr.

Und er ist unkonventionell. Barber lud Präsident Trump schriftlich dazu ein, vor seiner Gemeinde über Armut und Gesundheitsversorgung zu sprechen. Erwartungsgemäß fand der Präsident keine Zeit dafür.

Eine große Zahl der Armen

Rückenwind erhält die neue "Arme-Leute-Bewegung" auch durch die harte Politik gegen Migrantenfamilien an der Grenze. Bei der Mobilisierung der landesweiten Demonstrationen gegen die Trennung illegal eingewanderter Familien am vergangenen Wochenende spielte die PPC eine wichtige Rolle. Dass Hunderttausende auf die Straßen gingen, ist auch ihr Verdienst.

Die große Resonanz von Barber und der "Poor People's Campaign" ergibt sich aber vor allem aus der immer noch großen Zahl der Armen in den USA. In den 1960er Jahren lebten laut Statistiken der Volkszählung zwischen 40 und 60 Millionen Amerikaner unter der Armutsgrenze.

18,5 Millionen in "extremer Armut"

Vergangene Woche bescheinigten die Vereinten Nationen den USA fast identische Zahlen für heute. 40 Millionen US-Bürger leben demnach in Armut, 18,5 Millionen in "extremer Armut". Washington reagierte zwar empört und sprach von falschen Zahlen, doch wer viel im Land unterwegs ist, zweifelt an solcher Empörung. Barber und seine rassen-, generations- und religionsübergreifende Bewegung wollen die Politik auf soziale Verantwortung verpflichten.

Die Verweigerung von Gesundheitsleistungen, schlechte Bezahlung, Wohnungsnot und - ein neues Anliegen der Bewegung - die Zerstörung der Umwelt sind die Themen, mit denen sich die Menschen mobilisieren lassen. Die Kirchen sollten "den Schwung der Bewegung verstärken", fordert Kelly Brown Douglas von der "Episcopal Divinity School" in New York.

Unterstützung von Bürgerrechts-Veteranen Jesse Jackson

Die Neuformierung der einstigen King-Bewegung sei nicht weniger als eine Revolution, meint Reverend Barber. Als Nahziel hat er die Zwischenwahlen im November im Visier. Stimme für Stimme will er die Demokratie in Amerika wieder mit Leben füllen. Dabei unterstützt wird Barber von dem Bürgerrechts-Veteranen Jesse Jackson, der neben Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine-Motels stand, als vor 50 Jahren in Memphis die tödlichen Schüsse fielen. "Ich kann wählen. Ich werde wählen. Ich muss wählen," ermunterte er die neuen PPC-Aktivisten in den zurückliegenden Wochen. "Wir haben die Macht, unser Land im November zurückzugewinnen."

Thomas Spang
(KNA)

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