Juan Barros, Bischof von Osorno, bei einer Messe von Papst Franziskus
Juan Barros, Bischof von Osorno, bei einer Messe von Papst Franziskus

12.06.2018

Nach Missbrauchsskandal: Die ersten Bischöfe in Chile müssen gehen Papst zieht Konsequenzen

Auf den Moment haben viele in Chile gewartet: Am Montag gab der Vatikan bekannt, Papst Franziskus habe die Rücktritte von drei Bischöfen angenommen. Es sind die ersten personellen Konsequenzen in dem Skandal um sexuellen Missbrauch.

Der Skandal erschüttert die katholische Kirche in Chile seit Monaten und hat den Papst selbst in die wohl tiefste Glaubwürdigkeitskrise seines Pontifikats geführt. Im Januar, auf seiner Reise nach Chile, hatte er den als Mitwisser beschuldigten Bischof Juan Barros aus Osorno energisch verteidigt. Jetzt gehört Barros zu denen, die ihren Platz räumen müssen.

Der Vatikan erspart den drei Bischöfen, in der Mitteilung des päpstlichen Presseamtes Gründe für ihren Amtsverzicht lesen zu müssen. Bei zweien von ihnen sieht es sogar nach einer regulären Personalie aus: Cristian Cordero, Erzbischof von Puerto Montt, vollendete im Februar sein 75. Lebensjahr, sein Amtsbruder Gonzalo Duarte Garcia de Cortazar im Bistum Valparaiso schon im September 2017. Mit diesem Alter müssen Bistumsleiter nach dem Kirchenrecht ohnehin ihren Amtsverzicht anbieten.

Von langer Hand ungeplant

Das Erzbistum Puerto Montt teilte denn auch mit, Caro Cordero trete aus Altersgründen in den Ruhestand. Dass der Stabwechsel in den drei Bistümern indessen nicht von langer Hand geplant ist, signalisiert der Titel der Neuen: Alle haben den Rang eines Apostolischen Administrators "sede vacante et ad nutum Sanctae Sedis" – will sagen: Verwalter des verwaisten Bischofsstuhls auf Widerruf. Man wollte in Rom offenbar eine rasche Lösung, und sei sie nur provisorisch.

Auf dem Höhepunkt der Krise hatte Franziskus sämtliche Bischöfe Chiles in den Vatikan einbestellt, um sie einer Gewissensprüfung zu unterziehen. Als Ergebnis des Treffens Mitte Mai erklärten 29 von 31 beteiligten aktiven Oberhirten ihre Bereitschaft zum Rücktritt. Ein beispielloser Vorgang. Und knifflig für den Papst.

Eine verdorbene Haltung zur Macht

Er selbst schrieb in einem Brief an Chiles Katholiken von einer "Kultur des Missbrauchs" und einem "System der Vertuschung", das die Kirche durchwucherte – wobei Franziskus die sexuellen Verbrechen an Minderjährigen nur als das schändlichste Symptom eines falschen Klerikalismus und einer verdorbenen Haltung zur Macht sieht. Ein Austausch der kompletten Führungsebene ist da leichter gefordert als bewerkstelligt.

Zur Aufgabe des Papstbotschafters eines Landes gehört es, Namen geeigneter Bischofskandidaten nach Rom zu melden. Der Nuntius in Chile soll, so hörte man, das Frühjahr hindurch eifrig auf Talentsuche gewesen sein. Jene, die es in den drei Diözesen übergangsweise richten sollen, sind zwei Weihbischöfe aus dem Hauptstadt-Erzbistum Santiago und der chilenische Provinzleiter des Mercedarier-Ordens. Letzterer, Ricardo Basilio Morales Galindo, hat noch nicht mal selbst die Bischofsweihe empfangen, soll aber demnächst die Geschäfte des Erzbistums Puerto Montt leiten.

Das wundgekämpfte Bistum

Zum Übergangsleiter des Bistums Valparaiso ernannte der Papst Pedro Mario Ossandon Buljevic (60), Sohn eines Berufsoffiziers und Weihbischof in Santiago. Auf früheren Arbeitsfeldern befasste er sich mit dem Kampf gegen Armut, Menschenrechtsarbeit und Pastoraltheologie auf lateinamerikanischer Ebene. Das wundgekämpfte Bistum Osorno soll der Franziskaner Jorge Enrique Conchua Cayuqueo (60) verarzten.

Franziskus ernannte ihn erst im Juli 2015 zum Weihbischof. Er gilt als bescheiden, besonnen und loyal. Nach dem Abtritt von Barros bleiben noch drei weitere Bischöfe, die aus einem Kreis um den wegen Missbrauchs verurteilten Priesters Fernando Karadima stammen und der Vertuschung beschuldigt werden: Horacio Valenzuela (64) von Talca, Tomislav Koljatic (62) von Linares und der schwerkranke Andres Arteaga (59), Weihbischof in Santiago.

Eine Erleichterung

Aufgrund ihres Alters unauffällig abzulösen wären zwei weitere Bischöfe in Chile: Alejandro Goic (78), der in seinem Bistum Rancagua mit einem mutmaßlichen Missbrauchsnetzwerk zu schaffen hat – und Santiagos Erzbischof Kardinal Ricardo Ezzati (76). Ihm und seinem Vorgänger Kardinal Francisco Errazuriz (84) werfen Missbrauchsopfer systematische Blockierung einer Verfolgung der Täter vor.

Eines der prominentesten chilenischen Opfer, Juan Carlos Cruz, sprach am Montag auf Twitter von einem "neuen Tag" für die Kirche in Chile. "Drei korrupte Bischöfe gehen, und weitere werden folgen". Sein Freund und Leidensgenosse James Hamilton hatte sich vor Wochen mit Blick auf Errazuriz und Ezzati noch deutlicher geäußert: "Wir würden sie gerne alle ins Gefängnis bringen."

(KNA)

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