Franziskus im Heiligtum von Maipu in Chile
Franziskus im Heiligtum von Maipu in Chile
In der Kritik: Bischof Juan Barros
Bischof Juan Barros

13.05.2018

Papst bittet Chiles Bischöfe zum Gespräch über Missbrauchskrise Chilenische Mini-Synode im Vatikan

Es ist ein in der jüngeren Kirchengeschichte einmaliger Vorgang: Der Papst zitiert eine komplette Bischofskonferenz nach Rom, um den Missbrauchsskandal in Chile in einer Mini-Synode aufzuarbeiten.

Zwar hatte Franziskus bei seiner Chile-Reise im Januar bereits um Vergebung für die Fehler der katholischen Kirche im dortigen Missbrauchsskandal gebeten. Anschließend sprach er aber auch von Verleumdungen - etwa gegen den von ihm ernannten Bischof Juan Barros. Doch als ihm sein Sonderermittler, Erzbischof Charles Scicluna, nach Anhörung der Betroffenen in Chile einen 2.300 Seiten langen Bericht vorlegte, war klar: Der Skandal um jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch ist weit schlimmer als gedacht.

In einem Brief an Chiles Bischöfe gestand der Papst Anfang April ein, Fehler gemacht zu haben. Franziskus bat um Vergebung und bestellte die Bischöfe nach Rom. Am Wochenendes nun trafen die insgesamt 33 Bischöfe nach und nach ein, am Ende auch Kardinal Francisco Javier Errazuriz. Zunächst hatte der langjährige Vertraute des Papstes auf die Reise verzichten wollen, weil er vor rund drei Wochen am Rande einer Sitzung des K9-Kardinalsrates mit Franziskus gesprochen habe.

Drei Tage für Gespräche angesetzt

Am Samstag aber bestieg der 84-Jährige doch noch eine Maschine nach Rom. Er habe es sich anders überlegt, zitierte ihn die Zeitung "La Tercera". Der Papst habe ihn angerufen, er solle kommen, hieß es in dem Bericht. Ab Dienstag will Franziskus den 33 Bischöfen zunächst seine Schlussfolgerungen aus Sciclunas Untersuchungsbericht mitteilen und mit ihnen beraten. Dabei an seiner Seite: der kanadische Kurienkardinal Marc Ouellet. Als Leiter der Bischofskongregation wird er die Ergebnisse des Treffens mit umsetzen müssen.

Tagungsort ist der kleine Saal der Synodenaula Paul VI. Es gehe in der Tat um einen "synodalen Prozess", teilte der Vatikan mit. Drei Tage lang will Franziskus mit den Bischöfen beraten und klären, wer in welchem Umfang welche Verantwortung dafür trägt, dass es in Chile so weit kommen konnte. Und wie es in Zukunft besser werden kann: Hilfen für die Opfer, Prävention und neues Vertrauen in die Kirche.

Erst zuhören, dann beraten

Längst geht es nicht mehr nur um Bischof Juan Barros von Osorno. Ihm wird vorgeworfen, in den 1980er Jahren als junger Mann Zeuge von Missbrauchshandlungen durch den heute 87-jährigen verurteilten Priester Fernando Karadima geworden zu sein und dazu geschwiegen zu haben. Auch andere Bischöfe werden beschuldigt. Errazuriz soll nach Aussage von Opfern lange eine Strafverfolgung Karadimas verhindert haben.

Vor zwei Wochen hatte der Papst bereits drei chilenische Missbrauchsopfer empfangen. Mehrere Tage sprachen die Männer mit ihm über sexuellen Missbrauch und den Widerstand, den sie erfuhren, als sie die Wahrheit ans Licht bringen wollten. Zudem legten sie dem Kirchenoberhaupt Reformansätze vor. Offenbar war das der Wunsch des Papstes – ebenso wie die Reihenfolge der Treffen: Erst die Opfer, danach die Bischöfe – erst zuhören, dann beraten.

Nicht im Grübeln steckenbleiben!

Bei Chiles Bischöfen scheinen die Nerven zum Teil blank zu liegen. Einige von ihnen forderten bereits Rücktritte, während der Papst keine Namen nannte, auch nicht mehr den von Barros. Franziskus will keine Sündenböcke, sondern Hirten, die Verantwortung übernehmen.

Wie dies aussehen könnte, das hatte Franziskus bereits im Januar in seiner Rede vor Priestern und Ordensleuten in Santiago de Chile ausgeführt. Darin warnte er vor grundlegenden Fehlern während einer Krise: im Grübeln steckenzubleiben, bloße Ideen zu debattieren anstatt sich mit der konkreten Lage zu befassen, sich auf Gegner einzuschießen statt eigene Fehler zu erkennen.

Zukunft ungewiss

Vom Papst werde es während und nach den Beratungen keine Statements geben, ließ der Vatikan wissen. Ob und was die chilenischen Bischöfe sagen werden, ist ungewiss. Der Papst wird es ihnen überlassen. Als Leiter ihrer Ortskirchen müssen Chiles Bischöfe selbst entscheiden, was in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren am besten ist für das Wohl der Kirche und der Menschen.

Auf die päpstliche Kurie – etwa Bischofskongregation oder Kinderschutzkommission – werden sie zur Unterstützung zurückgreifen können. Die notwendigen Wege werden sie – vom Papst in die Spur gesetzt – selbst gehen müssen.

Roland Juchem
(KNA)

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