Gemeinsame Verantwortung für die Welt
Wie sieht die "religiöse Landkarte" Europas aus?

12.03.2018

Neue Datenbank zur religiösen Landkarte Europas Stabile Religionsstrukturen

Wie viele Muslime leben in der Schweiz? Ist Frankreich immer noch so katholisch? Wie sich die religiöse Landschaft in Europa zuletzt verändert hat, verrät eine neue Datenbank der Universität Luzern.

Migration, sozialer Wandel und Globalisierung: Europas Gesellschaften werden immer vielfältiger – und haben damit zu kämpfen. Debatten über die Chancen und Grenzen des Pluralismus polarisieren. Der Streit um den Umgang mit Muslimen und dem Islam erhitzt die Gemüter.

Verlässliche Daten über Religionszugehörigkeit

In manchen europäischen Ländern fühlt sich ein erheblicher Teil der Bürger bedroht von wachsender ethnischer und religiöser Vielfalt – populistische Parteien sind auf dem Vormarsch.

Doch während auch die Religion neue politische Bedeutung gewinnt, gibt es erstaunlich wenige verlässliche Daten über die Religionszugehörigkeit in Europa. Wissenschaftler der Universität Luzern wollen das ändern.

Sie haben jetzt eine neue Datenbank freigeschaltet, die aussagekräftige Informationen zur Religionszugehörigkeit der letzten beiden Jahrzehnte in rund 50 Ländern Europas für alle Interessenten frei zugänglich macht.

Mehrheit aller Staaten haben traditionelle Religionszugehörigkeit

"Erstmalig gibt es jetzt vergleichbare Daten in hoher Auflösung zu allen Ländern Europas", sagt Antonius Liedhegener, aus Westfalen stammender Leiter des vom Schweizer Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts und Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern. In mehrjähriger Arbeit haben die Wissenschaftler Daten aus verschiedenen Quellen zusammengetragen.

Entgegen dem Empfinden vieler Europäer sind die meisten Länder Europas erstaunlich stabil in ihrer Religionsstruktur, fasst Liedhegener die Trends zusammen. In rund 70 Prozent aller Staaten herrscht die traditionelle Religionszugehörigkeit auch heute noch vor – jeweils mehr als 60 Prozent zählen zur historisch vorherrschenden Religionsgemeinschaft.

Entstanden sind diese "Grundschichten" durch die Trennung der orthodoxen und der westlichen Kirche im 11. Jahrhundert und in Folge der Reformation im 16. Jahrhundert. In der Türkei, Bosnien-Herzegowina, Albanien und dem Kosovo stellen die Muslime seit der osmanischen Herrschaft die größte Bevölkerungsgruppe.

Säkularisierung verändert Landkarte

Doch "die langen Schatten der älteren Religionsgeschichte Europas schwinden stetig", analysiert Liedhegener. Die im 20. Jahrhundert einsetzende Säkularisierung verändert die Landkarte. Ost und West driften auseinander: In der Tendenz steht eine Pluralisierung der Religionszugehörigkeiten im Westen einer Homogenisierung großer Länder im Osten gegenüber.

Die fortschreitende Säkularisierung ist vor allem im Westen Europas nicht nur ein Schlagwort, sondern Realität. In Ländern wie Tschechien, Estland, Großbritannien und Frankreich sowie abgeschwächt in Deutschland, den Niederlanden, Ungarn und Lettland bilden inzwischen die Nichtreligiösen die größte Bevölkerungsgruppe.

In weiteren Ländern geht die Entwicklung klar in Richtung einer wachsenden Pluralität. Dies ist in allen protestantischen Ländern des Nordens sowie auch etwa in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Moldawien und Spanien der Fall.

Kirche behält wichtige Stellung

Trotz aller Tendenzen zur Säkularisierung hat die katholische Kirche noch immer eine wichtige Stellung – vor allem in Süd- und Osteuropa, aber auch in der Schweiz und Österreich. Die Protestanten hingegen spielen einzig in Skandinavien eine dominierende Rolle. Gründe dafür gibt es mehrere.

"In Ländern wie Polen oder Italien gibt es noch immer eine starke Verbindung zwischen der nationalen Identität und dem katholischen Glauben", sagt Liedhegener. Auf protestantischer Ebene gibt es solche Beispiele kaum noch.

Das habe auch damit zu tun, dass die protestantischen Regionen früh industrialisiert und urbanisiert wurden – was wiederum die frühe "Entkirchlichung" förderte.

Zahl der Muslime bei fünf Prozent

Ein Gegentrend zu mehr religiöser Einheitlichkeit zeigt sich in manchen Ländern Osteuropas: Von 2000 auf 2010 sind etwa die orthodoxen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine oder das katholische Polen religionsstrukturell einheitlicher geworden.

In Russland etwa stützen sich Präsident Putin und seine Regierung stark auf die orthodoxe Kirche. Das sorgt für einen Trend weg vom Status "keine Religion" zur Orthodoxie.

Und die Muslime? Nach Einschätzung Liedhegeners ist die jüngste Zuwanderung statistisch gesehen von untergeordneter Bedeutung. Ihr Anteil beträgt in Westeuropa rund fünf Prozent, in der EU rund drei Prozent.

Christoph Arens

(KNA)

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