Vom Katholischsein in der schwedischen Diaspora.
Vom Katholischsein in der schwedischen Diaspora.

15.02.2018

Warum die nordischen Bischöfe bis heute Deutsch sprechen Katholisches Leben in Skandinavien

Sieben katholische Bistümer gibt es in ganz Nordeuropa. Herausforderung und Chance zugleich. Was die Katholiken in Deutschland davon lernen können, erklärt die Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz im Interview.

DOMRADIO.DE: Die Zahl der Katholiken im Norden liegt zwischen 0,2 und drei Prozent. Wie unterscheidet sich das in den einzelnen Ländern?

Sr. Anna Mirijam Kaschner cps (Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz): Die höchste Zahl gibt es in Island, mit drei Prozent. Die wenigsten Katholiken gibt es in Finnland. In Zahlen ist das alles natürlich sehr ungriffig. Finnland ist ungefähr so groß wie Deutschland. In Deutschland gibt es über 10.000 Seelsorge-Einheiten und Gemeinden. In Finnland gibt es sieben. Man stelle sich vor, in Deutschland gäbe es sieben katholische Gemeinden. Das bedeutet viele Reisen für die Menschen, das bedeutet auch Einsamkeit. Sonntags zum Gottesdienst – das geht nicht jede Woche. Das gibt’s vielleicht einmal im Monat, vielleicht gepaart mit einem Familienausflug.

DOMRADIO.DE: Dabei wächst die Kirche durch die Einwanderer und Flüchtlinge.

Sr. Anna Mirijam: Richtig. Sehr stark, insbesondere in Schweden und in Norwegen. Ich habe das selbst in Oslo erlebt. Wenn Sie dort sonntags in die Kirche gehen, haben Sie dort zehn Messen am Tag. Von morgens um acht bis abends um acht wird jede Stunde eine Messe gefeiert. Das ist sehr, sehr beeindruckend. Die Kirche ist proppenvoll. Die Menschen stehen draußen vor der Tür, feiern auf den Stufen vor der Kirche noch mit. Bei der Wandlung knien die Leute draußen vor der Kirche. Das sind beeindruckende Bilder.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das denn gesellschaftlich? Wir diskutieren über Flüchtlinge und AfD. Norwegen und Schweden sind da ja in einer ähnlichen Situation. Bringt das dort auch Konflikte mit sich?

Sr. Anna Mirijam: Ja und Nein. Die katholische Kirche an sich ist generell gewohnt, international zu sein. Es gibt keine norwegische katholische Kirche, die Kirche in unseren Ländern baut sich zusammen aus Einwanderern. In der letzten Zeit, wo so viele Flüchtlinge nach Europa, gerade auch nach Schweden, gekommen sind, ist die Angst auch etwas gewachsen. Wird uns das zu viel? Wird uns das über den Kopf wachsen? Malmö war zum Beispiel viel in der Presse, weil dort die Kriminalitätsrate sehr angestiegen ist. Was sagt die Kirche dazu? Die Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters wurde dazu einmal gefragt, und hat gesagt. "Ach. Unser Land ist groß." Das trifft die Haltung der nordischen Leute ganz gut. "Wir haben doch alles. Wir sind in keiner Notsituation. Die Leute können kommen, aber bitte doch geordnet." Deswegen haben Dänemark und Schweden auch zwischenzeitlich die Grenzen geschlossen, um die Ströme etwas zu kanalisieren.

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus sagt, er wolle mehr an die Ränder gehen. Bekommen dadurch auch Regionen wie Skandinavien innerkirchlich mehr Bedeutung? Vergangenes Jahr wurde der Bischof von Stockholm, Anders Arborelius, zum ersten Kardinal aus dem Norden überhaupt ernannt. Was ändert sich dadurch für die Christen im Norden?

Sr. Anna Mirijam: Wir sind sicherlich mehr in das kirchliche Bewusstsein gerückt. Sowohl durch den Besuch des Papstes in Lund, zur Eröffnung des Lutherjahres, getoppt aber noch tatsächlich durch die Ernennung von Kardinal Arborelius. Damit hat, glaube ich, niemand in unseren Ländern gerechnet. Das war eine große, große Überraschung. Er selber hat es auch nicht gewusst vorher. Er war gerade auf einer Firmreise irgendwo in Schweden unterwegs, als die Nachricht kam. Er hat es wohl zuerst auch nicht geglaubt. Viele Menschen haben ihn direkt darauf angesprochen und ihn beglückwünscht, hat er mir erzählt. In der großen Bescheidenheit, die er hat, hat er geantwortet mit: "Ich weiß gar nicht, ob ich dafür geeignet bin." Die Leute haben gesagt. "Wir beten für dich". Das trifft auch gut die typische Haltung der Katholiken in unseren Ländern. Sehr spirituell, sehr an den Fundamenten des Glaubens. Für die katholische Kirche insgesamt kann ich sagen: Wir sind stärker in das Bewusstsein der Weltkirche gerückt. Gerade weil wir sonst immer sehr an den Rändern lagen.

DOMRADIO.DE: Heißt, Sie können auch die Anliegen der nordischen Kirche besser voranbringen?

Sr. Anna Mirijam: Genau. Gerade Kardinal Arborelius ist im Moment sehr oft zu Interviews eingeladen. Vergangenes Jahr wurde er zum "Schweden des Jahres" ernannt. Eine Ehrung, die die katholische Kirche noch mal mehr in das Zentrum der Medienöffentlichkeit gerückt hat.

DOMRADIO.DE: Verändert sich dadurch auch der Stellenwert der Kirche in der Gesellschaft?

Sr. Anna Mirijam: Da müssen wir unterscheiden. Die evangelische Kirche, die lange Staatskirche war, hat das Problem, dass viele Christen reine "Taufscheinchristen" sind. Die evangelischen Kirchen sind nicht gut gefüllt, die Kirche ringt dort eher darum, ihre Mitglieder zu halten. Die katholische Kirche dagegen ist tatsächlich am Wachsen. Wir haben Gottesdienstbesuche von 25 Prozent der Katholiken, was schon wirklich gut ist. Die katholische Kirche dringt nun etwas mehr in die Medienöffentlichkeit. Das habe ich aber auch schon unter Papst Benedikt XVI. so mitbekommen. Die Papstwahl 2005 wurde vom Petersplatz live übertragen von unseren nordischen Medien. Das war einmalig, sowas hat es vorher noch nie gegeben. Von daher richtet sich der Fokus schon ein wenig mehr auf die katholische Kirche als Mitspieler in diesem religiösen Umfeld.

DOMRADIO.DE: Die deutsche Sprache spielt dabei für die Kirche im Norden auch eine große Rolle. Sie sind deutsche Ordensschwester, aber lange Zeit war Deutsch wohl auch offizielle Konferenzsprache der Bischöfe?

Sr. Anna Mirijam: Das ist sie tatsächlich immer noch. Wenn wir uns zu unseren Konferenzen treffen, reden wir auf Deutsch miteinander. Die Protokolle werden auf Deutsch geschrieben, die Pressemitteilungen auf Deutsch rausgegeben …

DOMRADIO.DE: "Schönen Guten Morgen, möchten Sie einen Kaffee haben?"

Sr. Anna Mirijam: Genau so. (lacht) Das hat damit zu tun, dass viele Bischöfe im Laufe der Geschichte aus Deutschland kamen, um den Dienst in den nordischen Ländern zu versehen. Oder, wie der Bischof von Oslo aus Kloster Neuburg, der war Augustiner Chorherr. Der war lange in Österreich, spricht also nicht Deutsch, sondern Österreichisch. Das hat mich auch am Anfang etwas überrascht. Oder: Der Bischof von Kopenhagen hat am Germanicum in Rom studiert. Von daher sprechen alle fließend Deutsch.

DOMRADIO.DE: Ist das denn alles aus Zufall? Ist es so, dass Deutsch in der Theologie eine so wichtige Sprache ist, dass die Theologen im Norden auf Deutsch veröffentlicht haben. Sonst gäbe es einen zu kleinen Kreis an Leuten, der die Texte lesen könnte.

Sr. Anna Mirijam: Das hat natürlich auch großen Einfluss gehabt. Wir sehen, dass der Norden die gesamte Pastoral, die gesamte Theologie an Deutschland angelehnt hat. Wir sind so wenige Katholiken, dass wir einfach nicht die Ressourcen haben, Texte zu übersetzen. Der Einfluss aus Deutschland ist tatsächlich sehr, sehr groß.

DOMRADIO.DE: Was kann eine deutsche Kirche, die auch mehr und mehr in Richtung Diaspora geht, von der Kirche im Norden lernen?

Sr. Anna Mirijam: Was ich festgestellt habe, als ich nach Dänemark gekommen bin, ist eine große Gelassenheit. Wir können Kirche sein, auch ohne die Institutionen, ohne das Geld, ohne Schulen, Krankenhäuser oder sonst was. Wir sind im Norden eine arme Kirche in reichen Ländern. Wir haben ökonomisch große Probleme, uns durchzuschlagen. Deswegen sind wir auch leider nach wie vor auf Spendengelder aus Deutschland angewiesen. Das Bonifatiuswerk und auch die Ansgarwerke machen eine sehr gute Arbeit für uns. Auf der anderen Seite haben aber auch die Laien eine tragende Funktion in unseren Gemeinden. Das ist vielleicht etwas, das ich mir auch noch mehr für die deutsche Kirche wünschen würde. Die Eigenverantwortung der Laien. Das nicht immer gesagt wird: "Die da oben müssen, und warum machen Sie nicht?" Die Bischöfe werden beschimpft: Ihr macht nicht genug. Aber die einzelnen Gläubigen in den Gemeinden, die müssten ein bisschen mehr Eigeninitiative ergreifen. Da ist die Diaspora-Situation in unseren Ländern hervorragend geeignet. Die Menschen, die bei uns zum Gottesdienst kommen, sind wirklich überzeugt von ihrem Glauben. Die nehmen auch mehrere Stunden Autofahrt auf sich, und das machen nur überzeugte Christen. 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Im ersten Teil des Interviews spricht Schwester Anna Mirijam über ihren bewegten Lebensweg, der sie von Westfalen über Simbabwe nach Dänemark geführt hat, und darüber wie sie als Frau in einer kirchlichen Führungsposition aufgenommen wird. 

(DR)

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