Frau in Burkina Faso
Frau in Burkina Faso
Klaus Krämer
Klaus Krämer

01.10.2017

missio-Präsident zum Start des Weltmissionsmonats "An der Seite der Benachteiligten"

Mit einem Gottesdienst in Stuttgart ist am Sonntag die missio-Aktion zum Monat der Weltmission eröffnet worden. Im Interview spricht missio-Präsident Klaus Krämer über die Hintergründe und die pastorale und soziale Arbeit in Ländern wie Burkina Faso.

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Herr Krämer, der Sonntag der Weltmission 2017 steht unter dem biblischen Leitwort "Du führst mich hinaus ins Weite". Welche Botschaft verbirgt sich dahinter?

Klaus Krämer (missio-Präsident): Es drückt das aus, was Menschen erleben, wenn sie auf Gott setzen und die Solidarität ihrer Mitmenschen erfahren. In objektiv schwierigen und manchmal bedrückenden Situationen sind so vielfältige Freiheitserfahrungen möglich. Davon wollen wir und unsere Partner aus Burkina Faso beim Weltmissionssonntag berichten.

KNA: Haben Sie deshalb Burkina Faso als Beispielland gewählt?

Krämer: Ja, auch deshalb. Die Kirche in Burkina Faso ist eine dynamische Ortskirche. Sie steht in einem wirklich armen Land an der Seite der Benachteiligten. Durch ihre pastorale und soziale Arbeit hält sie die Gesellschaft über alle Grenzen der Religionen, Ethnien und sozialen Schichten hinweg zusammen. Gleichzeitig prägen starke Frauen die Arbeit der Kirche in diesem westafrikanischen Land.

KNA: Können Sie das näher erläutern?

Krämer: Wie in den meisten Ländern Afrikas tragen auch in Burkina Faso die Frauen die Hauptlast bei der Bewältigung des Alltags. Gleichzeitig haben sie schlechtere Bildungschancen als Männer und sind immer wieder Opfer von Gewalt, die durch unhinterfragte Traditionen gerechtfertigt wird. Dieses Thema ist einer der Schwerpunkte des Weltmissionssonntages in diesem Jahr.

KNA: Was macht denn den Frauen in Burkina Faso das Leben so schwer?

Krämer: Ein Beispiel: Jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren wird in Burkina Faso zwangsverheiratet, manchmal schon mit zwölf Jahren. Für diese Mädchen bleibt der Schulbesuch oft nur ein unerfüllbarer Traum.

Ohne Schule aber haben sie keine Chance, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Weit verbreitet ist in Burkina Faso auch die Genitalverstümmelung, die die Frauen oft aufs schwerste traumatisiert. Schließlich nimmt die Zahl der Frauen zu, die in archaischer Weise der "Hexerei" beschuldigt und aus ihren Gemeinschaften verstoßen werden. Diesen Frauen hilft die Kirche in Burkina Faso.

KNA: Und wie ganz konkret?

Krämer: Um beim Phänomen Kinderehe zu bleiben: Immer öfter fliehen Mädchen, die zwangsverheiratet werden sollen. Dann nehmen sie Ordensfrauen oder katholische Familien auf, die als Katechisten in der Seelsorge mithelfen. Die Kinder werden psychologisch begleitet, können zur Schule gehen und später ein Handwerk oder einen anderen Beruf erlernen. Viele dieser Mädchen machen eine Erfahrung von Freiheit, die sie so vorher nicht kannten.

KNA: Haben Sie noch andere Beispiele?

Krämer: Anfang des Jahres besuchte ich mehrere missio-Partner in Burkina Faso. Eine Ordensfrau betreut Frauen, die der "Hexerei" beschuldigt und aus ihrer Dorfgemeinschaft ausgestoßen wurden. Das Schicksal dieser Frauen hat mich zutiefst erschüttert. Auf der anderen Seite war ich sehr beeindruckt, wie Schwester Hortencia durch ihre Zuwendung den Frauen ein neues Selbstwertgefühl vermitteln konnte. Sie schenkt ihnen ein Stück neue Heimat. Ein letztes

Beispiel: In illegalen Goldminen schuften tagsüber junge Frauen mit ihren Familien für den Traum vom schnellen Geld und prostituieren sich nachts. Junge Priester wie Abbe Marcellin und Abbe Charlemagne kümmern sich um diese Familien. Einige Frauen verkaufen jetzt Essen und Getränke an die Minenarbeiter, so dass sie sich nicht mehr prostituieren müssen. Solche Projekte fördern wir.

KNA: Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Angesichts der Migrationsdebatte in Deutschland beteuert die Politik immer wieder, dass sie die Fluchtursachen in Afrika bekämpfen möchte. Merkt man davon etwas in Burkina Faso?

Krämer: Burkina Faso hat es trotz der Armut, der zum Teil problematischen Versorgungslage inmitten der Sahelzone und eines gescheiterten Militärputsches 2015 geschafft, ein politisch relativ stabiles Land zu bleiben. Daran hat die katholische Kirche einen bedeutenden Anteil. Sie gilt wegen ihrer pastoral-sozialen Arbeit über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg als eine Art moralisches Vorbild und vermittelt in vielen Konflikten. Deshalb ist es sicherlich kein Zufall, dass 2016 aus Burkina Faso lediglich rund 2.500 Menschen geflohen sind.

Aus meiner Sicht entscheidet vor allem die politische Stabilität eines Landes, ob Menschen fliehen oder nicht. Darum sollte die westliche Politik in Afrika vor allem die Kräfte stärken, die für diese politische Stabilität sorgen. In Burkina Faso sind das auch die Vertreter der Religionen. Deshalb unterstützen wir von missio ja auch in ganz Afrika interreligiöse Initiativen, die die Zivilgesellschaft zusammenführen und nicht polarisieren.

KNA: Aber gerade Mitte August sind rund 20 Menschen bei einem islamistischen Anschlag in der Hauptstadt Burkina Fasos gestorben. Ist das kein Widerspruch zu Ihren Ausführungen?

Krämer: In Burkina Faso leben Christen und Muslime traditionell friedlich miteinander. Oft gehören die Angehörigen einer Familie unterschiedlichen Religionen an. Unsere Partner berichten uns, dass der Terror vor allem von außen in das Land hineingetragen wird. Bei dem Anschlag im August kamen die Terroristen vermutlich aus Mali.

Allerdings haben ganz offenkundig in jüngster Zeit die Versuche ausländischer Islamisten zugenommen, junge Muslime in Burkina Faso zu radikalisieren. Vor diesem Hintergrund hat die Förderung des interreligiösen Dialogs eine große Bedeutung. Nur wenn das Vertrauen zwischen den Religionen erhalten bleibt, kann sich die Gesellschaft vor diesen Radikalisierungsversuchen schützen.

Das Gespräch führte Gottfried Bohl.

(KNA)

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