Bauern in einem Dorf in Zentral-Punjab, Pakistan
Bauern in einem Dorf in Zentral-Punjab, Pakistan
Der seines Amtes enthobene pakistanische Premier Minister Nawaz Sharif während einer Kundgebung in Lahore
Der seines Amtes enthobene pakistanische Premier Minister Nawaz Sharif während einer Kundgebung in Lahore

14.08.2017

Pakistan - vor 70 Jahren geboren aus einem Religionskonflikt Geburtstag im Chaos: Hardliner feiern, Minderheiten fliehen

Pakistan entstand, weil extremistische Hindus und Muslime nicht zusammenleben wollten. Wer in der Islamischen Republik heute nicht zur Mehrheit gehört, wird ausgegrenzt, muss Drecksarbeiten machen oder verlässt das Land.

Von der Vision des Gründervaters ist nichts übrig geblieben. Mohammed Ali Jinnah träumte von einem islamischen Land, in dem auch Menschen anderer Religionen ihren Glauben frei leben können.

Doch heute ist das vom Terrorismus geplagte Pakistan fest in der Hand islamischer Hardliner. Der Teilung von Britisch Indien in das islamische Pakistan und das mehrheitlich hinduistische Indien folgte ein Massenexodus. Hindus aus Pakistan flüchteten nach Indien, Muslime aus Indien nach Pakistan. Die Gewalt damals kostete fast eine halbe Million Menschen das Leben.

Irfahn Masih starb erst vor kurzem. Der 30 Jahre alte pakistanische Christ wurde am 1. Juni 2017 getötet, weil er ein Chuhra war, einer derjenigen, die in Lahore, Karachi, Islamabad und den anderen Städten Pakistans die stinkenden Abwasserkanäle und Kloaken reinigen.

"Chuhra" Synonym für "Christen"

"Chuhra" ist in Pakistan aber auch ein Synonym für "Christen". Irfahn Masih hatte bei seiner Arbeit in den Kloaken des Städtchens Umarkot giftige Gase eingeatmet. Im städtischen Krankenhaus verweigerten die muslimischen Ärzte dem jungen Chuhra die Behandlung - weil Ramadan war und fromme Muslime sich im Fastenmonat durch den Kontakt mit "Unreinen" besudeln.

Kanalreiniger, Müllsammler, Straßenkehrer - diese Arbeiten sind für Christen und andere religiöse Minderheiten in Pakistan wie Hindus, Sikhs und gar islamische Minderheiten wie Schiiten und Ahmadis "reserviert". Stadtverwaltungen betonen in Ausschreibungen offen, dass sich für solche Jobs "nur Nichtmuslime" bewerben können.

Laut dem christlichen Informationsdienst World Watch Monitor sind in Pakistan 80 Prozent aller Müllmänner und Kloakenarbeiter Nichtmuslime. Das sei eine direkte Folge der Teilung von Britisch Indien vor 70 Jahren in das islamische Pakistan und das hinduistische Indien.

Bis zur Teilung: Drecksarbeiten für die Minderheitsreligionen

Bis zur Teilung verrichteten die hinduistischen Dalit, die Unberührbaren, diese Arbeiten. Nach dem Massenexodus der Hindus nach Indien mussten im mehrheitlich islamischen Pakistan Angehörige von Minderheitsreligionen die Drecksarbeiten übernehmen. Die radikale Islamisierung hat Pakistan Zia ul Haq zu verdanken. Der General putschte sich im Jahr 1978 an die Macht. In der Folge gewannen Hardliner die Oberhand.

Immer wieder erschüttern blutige Anschläge auf religiöse Minderheiten, aber auch auf moderate muslimische Politiker das Land.

Von den rund 10,5 Millionen pakistanischen Christen sind 68 Prozent arbeitslos, 67 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze und nur vier Prozent haben eine Schulbildung. Christen wird vorsätzlich Bildung verweigert. Im Gespräch mit der Asiatischen Menschenrechtskommission AHRC erinnert sich Salamat Akhtar, Vorsitzende der All Pakistan Christian League, an eine Unterhaltung mit einem ehemaligen Bildungsminister. "Wenn alle Christen gebildet wären, bliebe niemand übrig um die Straßen zu kehren und den Müll zu sammeln", habe der Politiker ihm gesagt. Er wusste nicht, dass er in dem Moment einen Christen vor sich hatte.

"Angst vor Blutvergießen"

Zum 70. Unabhängigkeitstag befindet sich Pakistan einmal mehr im politischen Chaos. In Folge eines Korruptionsskandals war Ende Juli dieses Jahres Premierminister Nawaz Sharif vom Obersten Gericht seines Amtes enthoben worden. Mit den politischen Spannungen steigen die religiösen. "Wir haben Angst vor Blutvergießen vor der für das nächste Jahr angesetzten Parlamentswahl", sagt der Katholik Samson Salamat, Vorsitzender der interreligiösen "Bewegung für Toleranz" in Lahore. Christen, die es sich finanziell leisten können, fliehen aus Pakistan. So wie die Mittelstandsfamilie von Akhtar Saleem aus Lahore, die vor vier Jahren in Bangkok Zuflucht gefunden hat.

"Radikale Muslime haben uns vorgeworfen, Spione der USA zu sein", erzählt der 67 Jahre Anglikaner mit dem grauen Schnurrbart bei einem Frühstück in einer Kirchengemeinde in Bangkok. "Sie sagten: 'Die Amerikaner sind Christen und ihr seid Christen. Also werdet ihr von den USA bezahlt, um den Islam zu zerstören.' Dann stellten sie uns ein Ultimatum: 'Wenn ihr leben wollt, dann müsst ihr Muslime werden. Wenn nicht, bringen wir euch um. Ihr habt 24 Stunden.'" Für die Familie gibt es kein Zurück. Saleem weiß: "Es gibt keine Sicherheit für Christen in Pakistan."

Von Michael Lenz

(KNA)

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