Misstrauensvotum in Südafrika
Misstrauensvotum in Südafrika

08.08.2017

Kichenvertreter stellen sich gegen Südafrikas Präsidenten "Zuma ist nur die Spitze des Eisberges"

Zusammen mit Gewerkschaften haben Kirchenvertreter in Südafrika dazu aufgerufen, an Demonstrationen gegen Staatspräsident Zuma teilzunehmen. Südafrika-Expertin und Pastorin Heike Spiegelberg erklärt die Rolle der Kirche dabei.

domradio.de: Kommt es in Südafrika häufiger vor, dass sich Kirchenvertreter, wie in diesen Tagen, in die Politik einmischen?

Heike Spiegelberg (Pastorin und Südafrika-Expertin im Zentrum für Mission und Ökumene der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland): Es gibt eine lange Tradition. Während der Zeit der Apartheit war der südafrikanische Kirchenrat, der sich jetzt wieder äußert, sehr aktiv involviert. Er war der Auffassung, seine Stimme erheben zu müssen. Damals war es "normalen" Menschen nicht möglich - und zum Teil auch verborten -, sich politisch in einer bestimmten Richtung gegen die Apartheit zu engagieren. Die Kirche sah sich als die Stimme derer, die unterdrückt sind und die selber keine politische Stimme haben. Sie hat quasi stellvertretend ein politisches Mandat übernommen.

In politischer Hinsicht ist jedoch nach der Demokratisierung ab 1994 eine sehr ruhige Zeit eingetreten. Die Kirchen haben sich dann wieder auf ihr eigenes kirchliches Leben  zurückbesonnen. Im Moment konstituiert sich der südafrikanische Kirchenrat neu. Demnach ist er jetzt zu der Auffassung gekommen, dass die Zeit wieder da ist, in der das christliche Zeugnis in der Politik wieder hörbar werden sollte.

domradio.de: Der Aufruf ist sehr klar. Er lautet zum Beispiel: "Geht zum Parlament und überzeugt die öffentlichen Vertreter, das Richtige zu tun und Südafrika vor der Situation zu retten, in der es sich befindet". Dieser Aufruf kommt von Methodisten, genauso wie vom anglikanischen Erzbischof. Gibt es in Südafrika eine starke Ökumene, die in solchen Fragen zusammenhält?

Spiegelberg: Ja, aber es gibt nicht nur eine Ökumene. Es gibt auch eine große Gemeinschaft der religiösen Führer, der "religious leaders", die eine wichtige Rolle spielen. Das ist kein verfasstes Gremium, aber dennoch gibt es eine starke Tradition, dass man sich auch über christliche Grenzen hinweg - mit Vertreten der jüdischen Gemeinschaft, der muslimischen Gemeinschaft  oder anderer Religionen - zusammen tut und dann auch zusammen äußert.

Zwischen den großen Kirchen in Südafrika gibt es eine starke Zusammenarbeit. Es darf jedoch nicht ungeachtet bleiben, dass es auf der anderen Seite eine Spaltung in der südafrikanischen Kirchenszene gibt. Die sogenannten "mainline churches" - die Kirchen, die durch Missionierung von Außen im 19. Jahrhundert oder davor entstanden sind - äußeren sich meist politisch und sind im südafrikanischen Kirchenrat zusammengeschlossen. 

Einige Kirchen, besonders die, die erst in den letzten 20 Jahren entstanden sind, lassen sich jedoch zu keiner einheitlichen Bewegung zuordnen. Diese Kirchen, die vielleicht als charismatische Kirchen oder neue Kirchen bezeichnet werden können, richten das Evangelium sehr individualisiert aus. Dabei geht es viel um Geld und Wohlstand. Sie schließen sich der politisch orientierten kirchlichen Auffassung nicht an.

domradio.de: Präsident Zuma hat im April fünf Minister entlassen und 20 Kabinettspositionen neu besetzt. Ihm werden Korruption und Klüngelei mit Geschäftspartnern vorgeworfen. Ist Zuma für Südafrika ein großes Problem?

Spiegelberg: Ich denke, dass Präsident Zuma nur die Spitze eines Eisberges ist. Unter denen, die an der Macht sind - überwiegend Politiker, die im African National Congress (ANC) sitzen und Leute, die ihnen nah stehen - gibt es so etwas wie den Versuch, den Staat zu übernehmen. Sie wollen die Ressourcen des Staates unter sich aufteilen. Dass Machteliten für sich den alleinigen Zugang zu Ressourcen eines Landes beanspruchen, geschieht auch in Südamerika und in einigen asiatischen Staaten. In Südafrika sehen wir gerade sehr gut, wie es dazu kommen kann.

Im Moment herrscht eine Situation vor, in der tatsächlich die Gefahr besteht, dass die Demokratie von einer "Machtclique" übernommen werden kann. Zuma ist der Haupthandlanger dieser Gruppierung. Wenn er zurücktreten müsste, wäre das ein Signal, dass diese Gruppierung nicht ungehindert durchkommt, sondern dass es Kräfte gibt, die sich ihm in den Weg stellen.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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