Somalische Frauen warten auf die Verteilung von Lebensmitteln
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27.07.2017

Prälat Jüsten fordert mehr Engagement für Afrika und den Klimawandel "Damit diese Demokratie stabil bleibt und gestärkt ist"

Das katholische Entwicklungshilfswerk Misereor kritisiert die Afrikapolitik der Bundesregierung. Das Werk fordert mehr Engagement für Afrika. Aber es gibt auch Grund zu Dank, wie Prälat Jüsten im domradio.de-Interview erzählt.

domradio.de: In dem Jahresbericht von Misereor wurde klargestellt, dass es mehr Geld gibt, um sich für die Menschen für Afrika einzusetzen. Das ist doch was Gutes?  

Dr. Prälat Karl Jüsten (Vorsitzender der Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe): Da stehen wir auch nicht hinten an, dem Bundestag und der Bundesregierung zu danken, dass uns diese Mittel zur Verfügung gestellt werden. Immerhin knapp 172 Millionen Euro, die aus verschiedenen Fördertöpfen kommen. Und damit können wir auch sehr viel Gutes tun. Wir Kirchen sind besonders stark in der sogenannten Graswurzel-Arbeit aktiv, das heißt wir sind sehr nah an den Menschen dran, wir sind sehr partnerzentriert. Das heißt, bei uns können nur Anträge bewilligt werden, die von Partnern vor Ort gestellt werden.

Da haben wir natürlich auch Schwerpunkte, etwa in der Bekämpfung des Hungers. Wir setzen uns besonders ein für Rechtsstaatlichkeit, die Bewahrung der Menschenrechte. Im Bildungsbereich sind wir auch sehr stark unterwegs und ein weiteres großes Thema ist die Klimakatastrophe. Das ist dann nicht nur eine Frage, der man sich vor Ort widmen kann. Da müssen wir hier Bewusstseinsarbeit leisten in den westlichen Regionen, insbesondere in den Industrieländern, dass die umdenken. Da sind wir in den vergangenen Jahren auch schon einige Schritte weiter gekommen.  

domradio.de: Auf der anderen Seite gibt es von Misereor auch ordentlich Kritik an der Bundesregierung. Das Hilfswerk bemängelt, dass die Hilfen der Bundesregierung unstrukturiert sind und nicht viel bringen. Was sagen Sie dazu? 

Jüsten: Das ist eine Kritik, die berechtigt ist. Wir fordern von der Bundesregierung eine sogenannte kohärente Entwicklungszusammenarbeit. In der Afrikapolitik zum Beispiel gibt es im Moment drei unterschiedliche Konzepte. Wir fordern, dass die Bundesregierung ein Konzept vorlegt, sodass die Politik aus einem Guss ist. Bundeskanzlerin Merkel hatte das Problem selber erkannt. Sie hatte die Kirchen zu einem Gespräch bezüglich dieser Frage eingeladen und signalisiert, dass sie für eine einheitliche Afrikapolitik eintritt. Das ist auch zwingend erforderlich, denn nur so können wir wirklich wirksam helfen. Was aber auch wichtig ist, dass wir nicht eine Politik machen über die Köpfe der Afrikaner hinweg, sondern - wie der Bundesentwicklungsminister zu Recht gesagt hat - eine Politik mit Afrika zusammen. 

domradio.de: Wenn wir uns das Budget der Bundesregierung anschauen sind es 0,7 Prozent des Jahreshaushaltes, die tatsächlich in die Entwicklungshilfe nach Afrika fließen. Wenn wir uns auf der anderen Seite die Rüstungskosten ansehen, nehmen die einen viel größeren Teil ein. Sind das nicht im gewissen Sinne die falschen Prioritäten für die Bundesregierung? 

Jüsten: Zunächst einmal sind wir froh, dass wir dieses 0,7-Prozent-Ziel jetzt erreichen. Gleichwohl kritisieren wir natürlich Rüstungsausgaben, weil Rüstungsausgaben aus unserer Perspektive in der Regel nicht dazu beitragen, dass die Welt sicherer und friedlicher wird und damit die Entwicklung vorangetrieben wird. Von daher werden sie uns nicht auf der Seite derjenigen finden, die den Aufruf der Rüstungsausgaben fördern oder gutheißen. Gleichwohl müssen natürlich auch die westlichen Welten dazu beitragen, dass in Konfliktregionen Stabilisierung eintritt. Das geht leider nicht immer ohne Militäreinsätze und dafür muss auch die Bundeswehr gerüstet sein. 

domradio.de: Jetzt sitzen Sie als Leiter des katholischen Büros in Berlin quasi direkt an der Schnittstelle zwischen Kirche und Regierung. Gibt es etwas, das die katholische Kirche mehr tun kann, um da mehr Gleichgewicht zu bringen?

Jüsten: Man kann immer mehr machen. Zunächst haben wir aber die großen Werke, die schon sehr viel tun: Misereor, Adveniat, Renovabis, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus sind die Diözesen auch sehr stark engagiert. Der Verband der Diözesen in Deutschland, das ist der Zusammenschluss aller deutschen Bischofskonferenzen, hat auch einen eigenen Haushaltstitel. Die Werke fordern, dass dieser Haushaltstitel künftig prozentual an das Kirchensteueraufkommen angeschlossen wird. Einige Bischöfe halten diese Idee für gut. Gleichzeit gibt es aber im Moment auch Anstrengungen im Verband zu Einsparungen. Wie man das jetzt alles zusammenbringt, weiß ich noch nicht. Aber dass die Kirchen grundsätzlich ihr Engagement im Weltkirchenbereich verstärken, das ist wichtig. 

domradio.de: Ein weiteres Thema ist der Klimawandel, das betrifft auch Afrika stark. Man kann es als eine der großen Herausforderungen der kommenden Generationen bezeichnen. Papst Franziskus hat es ja auch als großes Topthema gesetzt. Welche Rolle spielt dieses Thema für die Regierung?

Jüsten: Die Enzyklika "Laudato si" wirkt. Es ist wahrscheinlich eines der bedeutendsten Dokumente in diesem Kontext. Die Kanzlerin ist ja extra zum Papst gefahren und hat ihm die Aufwartung gemacht vor dem G20-Gipfel, um sich mit ihm über diese Fragen zu besprechen. Man kann davon ausgehen, dass er diese Dinge, die da in "Laudato si" stehen auch gesagt hat. Er hat die Enzyklika auch an Präsident Trump gegeben und dort ist sie sicher nicht so wohlwollend aufgenommen worden wie bei der Bundeskanzlerin. Wir bleiben an dem Thema dran. Auch bedeutend ist, dass er den Erzbischof von Papua Neuguinea zum Kardinal erhoben hat. Das ist ein deutliches Signal, dass die Welt in diese Region schauen muss und dass er möchte, dass wir auch als Kirche uns solidarischer zeigen mit den Kirchen in diesen Regionen. 

domradio.de: Wir sind mitten im Bundestagswahlkampf. Gibt es irgendwas, was Sie den Wählern empfehlen können? Wie sie ihre Entscheidung treffen sollen im September? 

Jüsten: Zunächst einmal finde ich es auch gut, wenn die Wähler die Fragen der Entwicklungszusammenarbeit bei Ihrer Wahlentscheidung berücksichtigen, daraufhin auch die Wahlprogramme durchgehen und entsprechend ihr Kreuzchen machen. Das Zweite ist, dass es natürlich noch viele andere Themen gibt, die es zu berücksichtigen gibt. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass die Bürger und Bürgerinnen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Viele Länder dieser Erde wären glücklich, wenn sie in einem solchen Rechtsstaat leben könnten, wie wir das hier in Deutschland tun. Die Demokratie ist stabil und wir müssen alles dazu beitragen, damit diese Demokratie stabil bleibt und gestärkt ist. Das zeigt man am Besten, indem der Bürger sich engagiert. Das kann er alle vier Jahre bei der Wahl.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch. 

(dr)

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