Kardinal George Pell
Kardinal George Pell

29.06.2017

Australischer Kurienkardinal will Missbrauchsvorwürfe ausräumen Kardinal mit Pokerface - George Pell nimmt Auszeit

Kardinal George Pell hat als Leiter des vatikanischen Wirtschaftssekretariats einen verantwortungsvollen Posten - der nun ruht. Wegen Missbrauchsermittlungen gegen ihn will Pell zur Klärung nach Australien reisen.

Schwer zu sagen, welche Gedanken George Pell gerade durch den Kopf gehen. Professionell verliest der 76-Jährige bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz im Vatikan sein Statement zu den Missbrauchsermittlungen gegen ihn. Mit fester Stimme versichert er seine "Unschuld", die Anschuldigungen bezeichnet er als "falsch". Allein den Gedanken des sexuellen Missbrauchs verabscheue er. Er dankt dem Papst, dass er ihm eine Auszeit gewährt, um die Vorwürfe vor Ort in Australien auszuräumen.

Kameras klicken, Pell zeigt Pokerface. So gefasst, wie der Australier den vatikanischen Pressesaal betreten hat, verlässt er ihn auch wieder.

Akutes Herzleiden

Schon im Frühjahr 2016 stellte er sich bei einer nächtlichen Videoschalte in einem römischen Hotel der staatlichen Kommission zur Untersuchung des Umgangs von Institutionen mit Missbrauchsfällen in Sydney. Er erklärte dem australischen Untersuchungsausschuss, er sei als Weihbischof in Melbourne "hintergangen" und nur unvollständig informiert worden. Auch damals wirkte er gefasst, wenngleich es schien, als zehre die Befragung an seinen Kräften. Wegen eines akuten Herzleidens konnte er auf Anraten seiner Ärzte nicht vor Ort zur Anhörung erscheinen.

Nun soll Pell vor vielen Jahren gar selber Jungen missbraucht haben. In Rücksprache mit seinen Ärzten und Anwälten will er diesmal die Reise antreten. "Gerichtsverfahren geben mir die Möglichkeit, meinen Namen reinzuwaschen und dann nach Rom zurückzukehren und meine Arbeit fortzusetzen", sagt er zum Schluss seines kurzen Statements.

Zurück zum Anfang

Damit kehrt er an den Ort zurück, an dem er seine Laufbahn als Kirchenmann begann: Geboren in einfachen Verhältnissen in Ballarat, absolvierte er eine kirchliche Schulausbildung und trat schließlich ins Priesterseminar ein. Pell empfing die Priesterweihe als 25-Jähriger im fernen Rom, durch Kurienkardinal Gregoire-Pierre Agagianian.

Am 21. Mai 1987 wurde er in der Kathedrale von Melbourne zum Bischof geweiht. Die Zeremonie vollzog der amtierende Erzbischof Sir Thomas Francis Little. Er hatte Pell gefördert, begleitet - und zum Schluss womöglich wie ein Fluch verfolgt, nachdem sich immer deutlicher offenbarte, das Little im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs manches versäumt hatte.

Der konservative Aufräumer

Pell erwarb sich das Image eines konservativen Aufräumers. Papst Franziskus berief ihn 2013 in den Kardinalsrat zur Kurienreform, im Februar 2014 machte er ihn zum Leiter des neugegründeten vatikanischen Wirtschaftssekretariats. Damit ist der forsche Australier einer der machtvollsten Mitarbeiter des Papstes. In einem Statement zur Auszeit im Wirtschaftssekretariat Pells betont der Vatikan, wie sehr man seine Arbeit dort schätze.

Den rührigen jungen Geistlicher berief Erzbischof Little 1985 zum Rektor des Priesterkollegs Corpus Christi - eine klassische Stufe für Priester, die zu Höherem berufen sind. Tatsächlich kam zwei Jahre später die Ernennung zum Weihbischof. Als Wappenspruch wählte Pell "Nolite temere" (Fürchtet euch nicht) - das richtige Motto für einen passionierten Australian-Football-Spieler.

Der Schatten der Vergangenheit

1996 wurde er Erzbischof von Melbourne, 2001 dann Erzbischof von Sydney, 2003 Kardinal. Hier, in der Hauptstadt des australischen Libertinismus, meldete er sich immer wieder mit kernigen Statements zu Homosexualität, Bioethik oder Umwelt zu Wort. Ins weltkirchliche Rampenlicht trat er als Gastgeber des Weltjugendtags 2008.

Doch es lag auch schon ein Schatten auf seiner Vergangenheit. Denis Hart (75), sein Nachfolger als Erzbischof von Melbourne, hatte im Mai 2013 als erster hochrangiger Kirchenvertreter vor einem staatlichen Missbrauchsausschuss auszusagen. "Geheimniskrämerei und Vertuschung" habe es gegeben, sagte Hart. Und auch Pell erklärte vor dem Ausschuss, sein ehemaliger Dienstherr habe in mindestens einem Fall sexuellen Missbrauch von Minderjährigen vertuscht. Bis 1996 war Pell als Weihbischof die rechte Hand von Little.

Nach Einschätzung Harts bei einer Befragung Ende 2015 muss Pell einen "angemessenen Grad an Kenntnis" von den Vorgängen gehabt und diese auch gegenüber dem Erzbischof thematisiert haben. Zugleich hielt er Pell zugute, dass dieser das Aufklärungsprogramm "Melbourne Response" ins Leben rief. Andere, wie Pells früherer Weihbischof Geoffrey Robinson, kritisieren, dass Pell damit eine einheitliche Reaktion der australischen Bischöfe unterlaufen habe.

Stefanie Stahlhofen und Burkhard Jürgens
(KNA)

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