Mindaugas Sabonis, Militärkaplan in Vilnius und Postulator der Seligsprechung.
Mindaugas Sabonis, Militärkaplan in Vilnius und Postulator der Seligsprechung.
Gediminas-Denkmal vor dem roten Himmel bei Sonnenuntergang auf dem Kathedralplatz von Vilnius.
Gediminas-Denkmal vor dem roten Himmel bei Sonnenuntergang auf dem Kathedralplatz von Vilnius.
Flyer machen auf die Seligsprechung von Teofilius Matulionis aufmerksam.
Flyer machen auf die Seligsprechung von Teofilius Matulionis aufmerksam.

25.06.2017

In Litauen wird erstmals ein Märtyrer selig gesprochen Starker Kämpfer für den Glauben

Am Sonntag wird in Vilnius Teofilius Matulionis seliggesprochen. Der Märtyrer-Bischof gilt als Symbolfigur des litauischen Widerstandes gegen das Sowjetregime.

"Man hat [es] uns nicht erlaubt", telegrafierte Johannes Paul II. 1984 nach Litauen. Nicht einmal einen vatikanischen Gesandten wollte das kirchenfeindliche Sowjetregime in Moskau in die damalige Sowjetrepublik lassen. Anlass für die anvisierte Papstreise war damals der 500. Todestag des litauischen Nationalheiligen Kasimir. Es wäre eine Sensation gewesen: Während die Welt mitten im Kalten Krieg den Atem anhält, fliegt der Papst in die Sowjetunion. 

Wenn am 25. Juni mit Kardinal Angelo Amato ein hoher Vatikanvertreter an die Neris kommt, dann wird er vom heutigen litauischen Staat mit offenen Armen empfangen. Seine Reise in den südlichsten baltischen Staat ist aber verbunden mit der vergangenen kirchenfeindlichen Sowjetepoche. Der Kurienkardinal wird mit Teofilius Matulionis einen Geistlichen seligsprechen, der die litauische Kirche in der frühen Sowjetzeit geprägt hat und als erster litauischer Märtyrer gilt.

Anders als im Westen Europas, war im Baltikum schon im Winter 1944/45 der Zweite Weltkrieg vorbei. Doch von einer "Befreiung" durch die Rote Armee spricht kaum jemand dort, vielmehr von einer zweiten Okkupation. Schon im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939 musste Litauen nicht nur das Memelland an das Dritte Reich abtreten, sondern auch einen von Moskau erzwungenen "Beistandspakt" unterzeichnen. 1940 marschierten Stalins Truppen dann ein und brachten Deportationen und weitere Unterdrückungsmechanismen mit.

Stalinistische Unterdrückungsmaschinerie

Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion nahm die Wehrmacht die drei baltischen Staaten ein - bis die Rote Armee die Gebiete zurückeroberte. Die stalinistische Unterdrückungsmaschinerie setzte fort, was sie vor dem Krieg nicht zu Ende bringen konnte:

Verstaatlichung, Repressionen und Massendeportationen. Von Anfang an stand dabei die katholische Kirche auf der Zielscheibe der Machthaber. Gotteshäuser wurden geschlossen und zu Lagern degradiert, die Menschen in ihrer Glaubensausübung behindert und Priester in sibirische Lager geschickt. Lange Zeit blieben auch Bischofssitze vakant. Das einzige Priesterseminar in Kaunas hatte eine jährliche Quotenregelung und wurde zusätzlich infiltriert.

In jener Zeit wirkte Teofilius Matulionis. 1873 im damals zaristischen Litauen geboren, trat er in Sankt Petersburg ins Seminar ein. Nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 und der Unabhängigkeit Litauens 1918 kehrte er nicht wie andere Geistliche in seine Heimat zurück, sondern blieb in der bolschewistischen Sowjetunion, wo er 1923 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Papst Pius XI. ernannte ihn nach seiner Entlassung zum Weihbischof in Minsk-Mahiljou. Die Machthaber reagierten 1929 mit der Verhängung einer zehnjährigen Haftstrafe im Gulag auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer, später in anderen Lagern und Gefängnissen.

1933 jedoch kam es zu einem Gefangenenaustausch, und Matulionis kehrte körperlich geschwächt nach Litauen zurück. 1943 wurde er Bischof des kleinen Bistums Kaisiadorys, doch schon drei Jahre später verhafteten die Sowjets ihn erneut - diesmal auf litauischem Staatsgebiet - und verbannten ihn für zehn Jahre aus dem Land. 1962 verstarb er im Hausarrest.

Schon zu Lebzeiten wurde er von den Gläubigen seines Bistums als Märtyrer gefeiert, erklärt Mindaugas Sabonis. "Matulionis ist ein Symbol für die Kirche in Litauen." Sabonis ist Postulator im Seligsprechungsverfahren und hat dem Vatikan Archivmaterial über das Leben des künftigen Seligen geliefert. Er glaubt, dass mit dessen Seligsprechung der Beitrag der litauischen Kirche zur Bewahrung der nationalen und kulturellen Identität unterstrichen wird. "Matulionis steht stellvertretend für einen festen Glauben und einen ungebrochenen Widerstand."

"Schweigende Kirche"

Denn zugleich gab es auch die "Schweigende Kirche", also jene Geistlichen, die mit dem Sicherheitsapparat kollaborierten. "Jemand musste die Gottesdienste halten und die Sakramente spenden. Wenn alle Priester nach Sibirien deportiert worden wären, wer hätte die Pastoral übernommen?", lautet die Argumentation der Kleriker, die Sabonis in Archiven fand. "Ich weiß nicht, wie ich damals als Priester gehandelt hätte", fragte er sich heute. 

Gänzlich aufgearbeitet ist die Problematik der Kleriker-Kollaboration mit dem Sowjetsystem nicht, ebenso wie die Verstrickung der Litauer in den Holocaust lange Zeit als Tabu galt. "Die meisten Priester haben nach der Wende weitergearbeitet, im Stillen", sagt Sabonis.

"Die sowjetische Zeit hat der Kirche viel Schaden zugefügt", konstatiert auch Sigitas Tamkevicius, emeritierter Erzbischof von Kaunas, und meint auch jene Spaltung innerhalb der Geistlichkeit, die sich mit einer neuen Priestergeneration verwische.

Als junger Geistlicher war Tamkevicius einer der Herausgeber der "Chronik der Litauischen Katholischen Kirche". Die größte litauische Untergrundzeitschrift dokumentierte seit 1972 auch in deutscher Sprache die Kirchenverfolgung in Litauen. Sie gilt noch heute als Symbol des katholischen Widerstandes gegen das Regime, ebenso wie Tamkevicius selbst, der selbst fünf Jahre im Gulag verbrachte.

Verbittert ist er dennoch nicht: "Die Verfolgungserfahrungen haben auch den Glauben gestärkt", lautet sein Credo.

Wieviel von dem Glauben verblieben ist, diese Frage stellt sich auch der Geistliche Sabonis. Zwar gehören noch heute statistisch 86 Prozent der Litauer der katholischen Kirche an, "wenn man aber sagt, ich bin katholisch, dann ist das auch anstrengend", sagt Sabonis, der auch Militärkaplan ist. Es scheint, dass Litauen mehr als 25 Jahre nach der Unabhängigkeit mit der EU-Mitgliedschaft und dem Euro nicht nur politisch und wirtschaftlich im Westen angekommen ist. Auch was die religiöse Situation angeht, nähert sich Litauen dem Westen an.

Denn längst lichten sich die Kirchenbänke auch im Baltikum.

 

Markus Nowak
(KNA)

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