Der bisherige Amtsinhaber Notker Wolf legt das Amt nach 16 Jahren nieder.
Benediktiner Notker Wolf

23.06.2017

Neues Buch des Ordensmanns plädiert für weltoffenes Deutschland Benediktiner Notker Wolf wider die "German Angst"

Mit seinem Buch "Schluss mit der Angst" liefert der Benediktiner Notker Wolf ein Plädoyer für ein weltoffenes Deutschland ab. Im Interview führt er aus, wie man das Grundvertrauen ins Leben nicht verliert.

KNA: Haben auch Sie bisweilen Angst?

Notker Wolf (ehem. Spitze des Benediktinerordens): Natürlich. Gerade im Alter wird man in manchen Dingen unsicherer. Sei es beim Treppengehen oder jüngst bei meiner Reise in die USA, als ich fürchtete, den Anschlussflug nicht zu bekommen. Aber diesen Ängsten muss man sich stellen und den inneren Schweinehund überwinden. Mit einem Stück Selbstbewusstsein schafft man es schon.

KNA: Der Begriff der "German Angst" macht seit längerem die Runde.

Wolf: Haben die Deutschen tatsächlich mehr Angst als andere Nationen?

KNA: Die Italiener sind auf alle Fälle lockerer. Auch wenn vieles nicht klappt, nehmen sie es nicht so bitterernst. Die Deutschen sind darauf getrimmt, alles muss gut und perfekt sein. Aber was, wenn es nicht funktioniert? Manchmal habe ich den Eindruck, wir wollen lauter Schulkinder sein, brav und anständig, um gut beurteilt zu werden.

Wolf: Wenn etwas nicht klappt, erwarten wir gleich die Hilfe vom Staat oder von der Kirche, anstatt dass wir Eigenverantwortung wahrnehmen.

KNA: Die Flüchtlingsproblematik, der islamistische Terror, Weltmächte, die nicht mehr verlässlich sind, da kann einem doch bange werden?

Wolf: Ach nein. Wir müssen veränderungsbereit sein und davor haben wir Angst. Wir haben uns in der Stube schön eingerichtet und meinen, alles muss ewig so weiter gehen. Die Wirklichkeit ist rau. Und die Terroranschläge, so bedauerlich das ist, gehören dazu. Im Mittelalter war es auch nicht einfach, etwa nach Santiago de Compostela zu pilgern. Was die Leute für Gefahren zu überstehen hatten, da ist das heute nichts. Wir haben einen Sicherheitswahn, als ob wir glauben, auf dieser Erde das ewige Leben zu haben.

KNA: Mit den Ängsten der Menschen lässt sich politisch spielen...

Wolf: Wer wie Pegida oder die AfD glaubt, man könne sich total absichern, auch etwa in Bezug auf Einbrüche, irrt. Es hilft nicht, Mauern aufzubauen und sich in einer Wagenburg abzuschotten. Das hat in Südafrika ebenfalls nicht funktioniert. Vielmehr gilt es, die nötigen Vorkehrungen zu treffen durch die Polizei oder durch Regelungen. Ob aber die totale Überwachung unserer Plätze durch Kameras viel hilft? Er wird sicher mehr an Aufklärung möglich sein, aber ich möchte als Bürger nicht von früh bis spät beobachtet werden.

KNA: Gibt es nicht auch berechtigte Ängste der Bevölkerung?

Wolf: Durchaus. Aber schon vor 50 Jahren, als ich studierte, trauten sich Frauen abends nicht mehr in München durch den Englischen Garten zu gehen. Und da gab es noch nicht die Flüchtlinge. Die Guten und die Bösen gibt es überall, übrigens ein Spruch der Italiener. Wir sind einfach gefährdet und müssen in Maßen Vorkehrungen treffen.

KNA: Eine große Sorge ist die Integration der Flüchtlinge. Wie denken Sie darüber?

Wolf: Man muss die Sache halt anpacken. Dazu gehört ein Stück Ordnungspolitik, meinetwegen eine gewisse Obergrenze, obwohl ich die nicht zahlenmäßig festlegen würde. Wir können nicht die ganze Welt retten. Das Schlimme ist der Menschenhandel übers Mittelmeer. Man müsste einfach diese Bänder abschneiden. Damit wäre schon eine Quelle versiegt, auch zum Wohl der Flüchtlinge. Integration ist letztlich ein sehr langer Prozess der Gewöhnung an unsere Kultur.

KNA: Was kann man tun?

Wolf: Die Flüchtlinge müssen gefordert werden. Das erste wäre die Sprache zu lernen. Auch unser Grundgesetz muss beachtet werden, denn das drückt unsere Kultur und den Alltag aus. Das betrifft die Begrüßung, die Behandlung in Krankenhäusern. Eine muslimische Frau muss sich von einem Mann behandeln lassen, und genauso ein Mann von einer Ärztin. Da dürfen wir nicht nachgeben. Wenn die Leute das nicht akzeptieren, dann sollen sie das Land wieder verlassen. Es braucht aber auch die Begleiter, die den Leuten das erklären, um es zu verstehen.

KNA: Sind Sie ein unverbesserlicher Optimist?

Wolf: Ich bin ein gläubiger Mensch und Jesus hat gesagt: "Ich bin bei euch bis ans Ende der Tage." Das ist für mich der letzte Grund meiner Hoffnung und meines Optimismus. Er wird uns schon den rechten Weg weisen, aber es liegt auch an uns. Denn er hat nicht gesagt, dass es bequem wird, wir müssen uns anstrengen. Natürlich werden die Flüchtlinge unsere Gesellschaft beeinflussen, wir werden kosmopolitischer denken müssen. Wir haben eine globale Verantwortung.

KNA: Auch der heilige Benedikt setzt mit seiner Regel auf Ordnung.

Wolf: Ja, aber es ist eine Regel und kein Gesetzbuch. Regeln kennen Ausnahmen. Benedikt überwacht nicht alles, hat aber Kontrollen eingebaut. So hat er einst in den Klöstern nachschauen lassen, ob in den Betten Messer versteckt sind. Da herrschen ja heute im Vergleich zu früher paradiesische Verhältnisse. Wir brauchen Regeln, aber nicht Gesetze, die alles festlegen, denn sonst leben wir in einem Käfig.

KNA: Die Säkularisierung kann Ihrer Ansicht nach mit ein Grund sein, dass die Ängste in Deutschland zugenommen haben. Wie könnten auch Nichtchristen zu "Mutbürgern" werden?

Wolf: Die Nachkriegsjahre mit der überwundenen Not haben gezeigt, dass wir zu vielem fähig sind. Auch die Ölkrise in den 1970er Jahren mit autofreien Sonntagen hat die Bevölkerung überstanden. Wir dürfen ein gesundes Selbstbewusstsein haben, auch wenn wir nicht an Gott glauben. Aber ich würde sagen: Schaut mal, der Glaube befreit die Menschen zu einer Hoffnung, befreit sie von der Angst. Papst Franziskus bringt das deutlich zum Ausdruck, indem er aufruft, die frohe, freimachende Botschaft zu verkünden. Und das wäre die Aufgabe der Christen.

Das Gespräch führte Barbara Just.

(KNA)

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