Einsamer Strand
Einsamer Strand

06.06.2017

In Mauritius leben die Religionen friedlich zusammen Paradiesisches Miteinander

Wovon viele Menschen gerade in der heutigen krisengeschüttelten Zeit träumen - auf Mauritius scheint es zu klappen. Hier leben Anhänger verschiedener Religionen und Glaubensrichtungen friedlich zusammen.

Kurz vor der Wandlung ertönt durchdringend die Stimme des Muezzin. Father Goupille hält inne am Altar, in der katholischen Kirche von Grand Baie ist außer dem Gebetsaufruf für die Muslime nur noch das Sirren der Deckenventilatoren und das Auslaufen der Wellen am nahen Strand zu hören. Als nach einer Weile der Gebetsgesang von der gegenüberliegenden Moschee endet, fährt der Priester mit der Samstagabendmesse fort: "So, nun sind wir wieder dran!"

Mauritius, das wegen seiner türkisblauen Lagunen und den langen Sandstränden gerne als paradiesischer Ort gepriesen wird, hat in ganz anderer Hinsicht diese Bezeichnung verdient: Denn hier leben die Anhänger aller Weltreligionen friedlich nebeneinander. Und dies durchgehend seit dem 19. Jahrhundert, als die Insel zwar bereits seit mehr als 200 Jahren von Europäern kolonialisiert war, aber unter englischer Herrschaft mehr und mehr andere Völker anzog - vor allem Inder, Araber und Chinesen. Sie alle brachten ihre Sprachen und Gewohnheiten, ihre Kultur und eben ihren Glauben mit.

Zusammen auf engem Raum

Das problemlose Miteinander funktioniert auch im Touristen-Zeitalter auf begrenztem Raum - Mauritius ist flächenmäßig kleiner als das Saarland, hat aber mit 1,3 Millionen Einwohnern und nochmal so vielen jährlich einfliegenden Urlaubern eine Menge Menschen zu verkraften.

Eine Insel der Seligen also im Indischen Ozean - inmitten einer Welt voll religiösen Terrors? "Wir hatten nur zwei Mal in unserer Geschichte Auseinandersetzungen: einmal 1968, als Mauritius Republik wurde und es einen heftigen Konflikt zwischen Muslimen und Christen gab. Und 1999, als afrikanische Katholiken auf Hindus losgingen. Dass es nicht im Krieg endete, lag am Eingreifen unseres Bischofs", berichtet Father Philipp Goupille, der über 20 Jahre lang die rechte Hand von Kardinal Jean Margeot war.

Seit 15 Jahren vertritt der franko-mauritianische Priester die Interessen der knapp 100.000 Katholiken im "Conseil des religions", dem Rat der Religionen. Das aus insgesamt 18 verschiedenen Glaubensrichtungen bestehende Gremium sorgt nicht nur untereinander für mehr Verständigung und Frieden. Es geht auch gemeinsam gegen Fälle von Diskriminierung und gegen Drogenmissbrauch vor. "Wir befassen uns also weniger mit theologischen als mit ganz konkreten, weltlichen Fragen", so Father Goupille. In ihren Bemühungen werden sie von der UN unterstützt und gehören außerdem der internationalen Gruppe Peace of Africa an.

Rechtzeitig miteinander reden

Der "Conseil des religions" ist auf Mauritius hoch geschätzt und wohl eine tragende Säule für das friedliche Auskommen: "Wir reden, bevor die Probleme eskalieren", betont Aslam Ganowree, Leiter des muslimischen Rates von Riambel. Die Treffen spiegeln für ihn aber nur die offizielle Seite einer nahezu konfliktfreien Situation:

"Welche Hautfarbe jemand hat oder welche Religion... das spielt bei uns keine Rolle. Schauen Sie, ich bin Muslim und meine Frau Katholikin."

Unter Priestern und Gläubigen ist es Usus, sich gegenseitig zu religiösen Festen einzuladen und sogar darauf zu achten, dass bei niemandem die Verbindung zu Gott abreißt. "Unser Chauffeur war Hindu, und er war auch so gekleidet. Am Sonntag, wenn meine Eltern nicht für aufstehen wollten, bestand er darauf, mich zur Kirche zu fahren und kam auch mit rein", erzählt Sarah White, die in der Kolonialzeit auf Mauritius aufwuchs - in einem großem Kolonialhaus und mit 20 Angestellten, die alle aus verschiedenen Kulturkreisen stammten.

Toleranz im Umgang

In einer auf Toleranz ausgerichteten Erziehung von klein auf sieht Tamilen-Missionar Siven Nagapen vor allem den Grund für den respektvollen Umgang unter den Mauritianern: "Schon in den Büchern an unseren Grundschulen wird die Schönheit und Besonderheit eines jeden religiösen Festes erklärt. Und das geht so weiter bis zur Universität, wo der Conseil des religions den Studenten Kurse anbietet zur Vertiefung ihres theologischen Wissens."

Bereits in den 1970er Jahren wurde festgelegt, dass jede Glaubensgemeinschaft einen eigenen Feiertag beanspruchen darf, auf den Geldscheinen repräsentiert sein soll und in den Ortschaften Tempel, Kirchen und Moscheen an derselben Straße und möglichst nahe beieinander zu liegen haben. "Wir verfügen über eine gute Regierung und eine starke Wirtschaft. Das politische System sieht vor, dass die großen Parteien breit aufgestellt und die ethnischen Gruppen alle vertreten sind," erklärt der Australier Owen Griffith, der die rund 100 Juden auf der Insel vertritt.

Aber vielleicht kommt die wahre Unterstützung für den dauerhaften Frieden von ganz woanders. Oberhalb der Hauptstadt Port Louis überschaut eine riesige Statue der Muttergottes die Geschicke des Landes. Sie trägt den Namen Reine-de-la-Paix - "Friedenskönigin".

Esther von Krosigk
(KNA)

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