Polizisten in Caracas feuern Tränengas in Richtung protestierender Demonstranten
Polizisten in Caracas feuern Tränengas in Richtung protestierender Demonstranten

21.04.2017

Pfarrer Pferdehirt aus Caracas zur Lage in Venezuela "Die Situation ist fatal"

Lebensmittel- und Medikamentenknappheit, Tote bei Demonstrationen - die Lage in Venezuela droht zu eskalieren. "Die Demokratie muss wiederhergestellt werden", sagt Lars Pferdehirt, Pfarrer in Caracas. Ansonsten gerate die Situation außer Kontrolle.

domradio.de: Wie ist es Ihnen denn in den letzten Wochen ergangen, wie ist die aktuelle Lage?

Lars Pferderhirt (evangelischer Pfarrer in der deutschen Gemeinde in Venezuelas Hauptstadt Caracas): Die Situation war an sich schon angespannt, aber was in den letzten zwei/drei Tagen hier passiert ist, war wirklich hoch kritisch - so, dass man kaum sein Haus verlassen konnte. Unsere Kirche ist ganz in der Nähe eines prominenten Platzes und dort gibt es immer Demonstrationen. Das war gerade am Mittwoch hochkritisch. Man hörte schon ganz früh am Mittag die Schüsse und man bekam mit, dass Tränengas-Bomben geworfen wurden. Also, es war eine ganz extreme Situation am Mittwoch. Gestern war es so, dass die Stadt im Grunde auch gesperrt war und der ganze Verkehr kollabiert ist. Es gibt massive Militärpräsenz. Die Situation hier ist wirklich alles andere als normal.

domradio.de: Vermeiden Sie es denn, rauszugehen, wenn es möglich ist? 

Pferdehirt: Es ist überhaupt nicht ratsam, hier in Venezuela und in der Stadt Caracas große Menschenansammlungen aufzusuchen, weil es eben immer wieder zu Übergriffen kommen kann. Und von politscher Seite wird nicht wirklich deeskaliert. Gerade am Mittwoch und Donnerstag war von einem "Plan Zamora" die Rede (Anm. d. Red.: Venezuelas Präsident Nicolas Maduro hatte am Dienstag mitgeteilt, er habe den "Plan Zamora" aktiviert, der den Sicherheitskräften Sondervollmachten bei der Bekämpfung "feindlicher Kräfte" verleiht). Mit diesem Plan wurde das massive Vorgehen gegen Demonstrierende gerechtfertigt - dass Wasserwerfer eingesetzt wurden, dass es viele, viele hunderte Verletzte gab und auch Tote. Also, man hat hier wenig Vertrauen in die öffentliche Ordnung. Dementsprechend ist es gefährlich, das Haus zu verlassen. 

domradio.de: In Venezuela herrscht eine Inflation von über 700 Prozent, Lebensmittel sind knapp. Wie schwierig ist es denn, den ganz normalen Alltag unter diesen Bedingungen zu gestalten?

Pferdehirt: Die Mehrheit der Venezolaner muss ihre ganze Zeit und Energie darauf verwenden zu überleben und ihren Lebensalltag zu bestreiten. Denn mit einem normalen Einkommen können sie im Grunde genommen keine normalen Produkte kaufen. Es gibt hin und wieder Grundnahrungsmittel, die zu einem festgesetzten Preis verkauft werden - dafür müssen die Menschen dann Schlange stehen.

Wenn sie also hören: "In dieser Drogerie gibt es heute Windeln für Säuglinge", dann stellt sich alles dort an, von der Oma bis zum Kleinkind. Und dann wird gewartet und gehofft, dass man zu bezahlbaren Preisen etwas ergattern kann.

Ganz fatal ist die Situation im Gesundheitsbereich. Ich habe mit einem Onkologen gesprochen, der sagt: "In unserer öffentlichen Klinik können wir nicht mehr operieren, weil die Klimaanlage nicht funktioniert und wir keine Ersatzteile bekommen." Und wenn sie dann Krebskranke haben und eine Warteliste von über 100 Personen... die Menschen werden sterben. Also, die Situation ist fatal. 

domradio.de: Die Gewalt in Venezuela macht auch vor der Kirche nicht halt: Es gab Mordaufrufe gegen Priester, Angriffe auf einen Kardinal. Warum steht die Kirche plötzlich auch im Fadenkreuz?

Pferdehirt: Insbesondere die katholische Kirche hat ja eine große Verantwortung und nimmt diese Verantwortung auch wahr. Gerade der Nuntius des Vatikans hat ja hier in der Stadt immer wieder zu Dialogen aufgerufen. Die katholische Kirche versucht eben zu deeskalieren, und das ist politisch nicht immer genehm. Aber es ist wichtig, dass die katholische Kirche hier präsent ist und zum Dialog und zur Deeskalierung aufruft. 

domradio.de: Macht es Ihnen persönlich Angst, dass die Kirche im Fadenkreuz steht?

Pferdehirt. Die evangelische Kirche und auch die historischen Kirchen sind hier eine ganz kleine Minderheit. Da habe ich keine große Sorge, hier in einen Fokus zu geraten. Nichtsdestotrotz haben wir aber auch Möglichkeiten, eben gerade, weil wir Kontakte nach Europa und auch zu anderen Gemeinden in Lateinamerika haben. So können wir auf kleiner Basis etwas tun: Medikamente sammeln, Nahrungsmittel für Waisen ins Land bringen. Aber das ist alles "low profile". Das merkt eigentlich kaum jemand. Deshalb habe ich keine große Sorge, dass Repressalien drohen.

domradio.de: Der Papst hatte bereits zu Jahresbeginn versucht, in Venezuela zu vermitteln, was ihm nicht gelungen ist. Kann überhaupt noch irgendjemand die Lage beruhigen oder steuert Venezuela auf einen Bürgerkrieg zu? 

Pferdehirt: Ich habe die Hoffnung, dass es gelingt, dass die Menschen doch noch Vertrauen in die demokratischen Strukturen bekommen - dass sie wählen dürfen und dass die Wahlen frei und unabhängig sein werden. Wenn dieses Vertrauen nicht hergestellt werden kann, befürchte ich in der Tat eine Eskalation, die man nicht mehr kontrollieren kann.

Es sind ja bereits Wahlen verschoben worden: Eigentlich hätte es im vergangenen Jahr 22 Gouverneurswahlen geben sollen, dieses Jahr Bürgermeisterwahlen, nächstes Jahr die Präsidentschaftswahl. Ich denke, hier muss jetzt deutlich werden, dass es diese Wahlen geben wird und das die Demokratie hergestellt wird. Wird das nicht möglich, dann sehe ich in der Tat große Probleme.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

(DR)

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