Junge mit kolumbianischer Flagge
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Papst Franziskus mit Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos
Papst Franziskus mit Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos

20.03.2017

Papst reist nach Kolumbien Sehnsucht nach Frieden

Im vergangenen Jahr wurde in Kolumbien der seit mehr als 50 Jahren andauernde Bürgerkrieg beendet. Doch bedeutet das auch Frieden für die Menschen? Experten sehen das Land noch auf einem längeren Weg dorthin.

Kolumbien ist aus dem Häuschen, denn Papst Franziskus hat seinen Besuch angekündigt: Vom 6. bis zum 10. September 2017 wird er nach Kolumbien reisen, das bestätigte Anfang März der Vatikan und Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos jubelte: "Den Papst ganze vier Tage hier bei uns zu haben, zu wissen, dass er ausschließlich nach Kolumbien reist und uns Mut machen will, ist ein Privileg, das uns mit großer Dankbarkeit erfüllt!".

Auch das Motto steht bereits fest: "Demos el primer paso" - zu Deutsch: "Tun wir den ersten Schritt." Papst Franziskus hatte stets versprochen, Kolumbien zu besuchen, wenn es zu einem Friedensschluss kommt. Kolumbiens Bischöfe begrüßen die Ankündigung. Franziskus sei ein "Missionar der Versöhnung": "Seine Anwesenheit wird uns dabei helfen, wieder zu entdecken, dass wir als Nation einig untereinander leben und uns mit neuen Augen sehen können, voller Hoffnung und Barmherzigkeit", hieß es in einer Erklärung.

Zwischen Frieden und Gewalt

Kolumbiens Präsident Manuel Santos und die linksgerichteten FARC-Rebellen hatten sich Ende 2016 nach langen Verhandlungen auf einen Friedensvertrag geeinigt, der unter anderem die Entwaffnung, eine teilweise Amnestie und die Reintegration der ehemaligen FARC-Kämpfer in die Gesellschaft vorsieht. Dafür hatte Santos 2016 den Friedensnobelpreis erhalten.

Doch Gewalt gehört nach wie vor zur Realität des Landes, immer noch wird gemordet, vertrieben und entführt: Am 19. Februar 2017 explodierte in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá eine Bombe nahe eines Polizeipostens, die einen Polizisten tötete und zahlreiche Menschen verletzte. Und auch das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte UNHCR beklagt einen Anstieg der Gewalt, in 2016 habe es über 380 Angriffe allein auf Menschenrechtler gegeben, heißt es in seinem jüngsten Bericht zur Menschenrechtslage in Kolumbien.

Kritik am Friedensprozess

Verwunderlich sei das nicht, sagt Monika Lauer Perez, Kolumbien-Referentin des katholischen Lateinamerikahilfswerkes Adveniat. "Die Kampfhandlungen zwischen der FARC und der Regierung sind drastisch zurückgegangen, aber in den Territorien, aus denen sich die FARC zurückzieht, entsteht ein Machtvakuum. Der Staat war jahrzehntelang in vielen Regionen nicht präsent, dort kämpfen jetzt andere bewaffnete Akteure wie die ELN, paramilitärische Gruppen, kriminelle Banden und Drogenkartelle um die Vorherrschaft." Seit Februar 2017 verhandelt die Regierung auch mit der zweitgrößten Guerillagruppe des Landes, der ELN.

Doch nicht alle begrüßen den Prozess. Ein erster Friedensvertrag scheiterte am 2. Oktober 2016 in einem Referendum. Mit einer knappen Mehrheit setzten die sich Kritiker durch, die dem Präsidenten eine zu große Nachsichtigkeit gegenüber der FARC und Straflosigkeit für schwere Verbrechen vorwarfen. Ein nachgebessertes Abkommen wurde am 30. November schließlich vom Parlament angenommen.

Phase des "Post-Konflikts"

Auch wenn das Entsetzen über die Ablehnung durch das Referendum zunächst groß gewesen sei, habe dies doch dazu geführt, dass der neue Vertrag in über 500 Punkten verändert worden sei, sagt Lauer Perez. Die Strafen für die Guerillakämpfer sollen nun härter ausfallen. Zudem wird das Vermögen der FARC für die Entschädigung der Opfer herangezogen.

Auch Kardinal Rubén Dario Salazar Gómez begrüßt das neue Abkommen. Er ist Vorsitzender des lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM und Erzbischof von Bogotá. Im Gespräch mit domradio.de sagte er: "Es ist kein perfekter Vertrag, aber unter den Umständen ist er ziemlich zufriedenstellend. Wichtig ist jetzt die Phase des "Post-Konflikts": Es geht darum, dass die Mitglieder der Guerilla zurück ins zivile Leben finden. Und dass im Land soziale und wirtschaftliche Reformen durchgeführt werden, damit ein dauerhafter Frieden geschaffen werden kann."

Wurzeln des Konfliktes nicht beseitigt

Ursprünglich hatte sich der Konflikt in den 1960er Jahren an der sozialen Ungleichheit, der Armut und der ungerechten Landverteilung in Kolumbien entzündet. Die ersten Kampfgruppen der FARC ("Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, dt.: "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" bestanden vor allem aus Bauern und ruralen Schullehrern, die im Kampf gegen Großgrundbesitzer und die Regierung zu den Waffen griffen.

Bis heute habe sich allerdings an diesen Gründen nichts geändert, sagt Monika Lauer Perez. Immer noch sei das soziale Gefälle zwischen Arm und Reich groß, Kolumbien ist weltweit eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit. Über 40 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. "Das war auch ein Grund, warum man sich an den Verhandlungstisch gesetzt hat", erläutert die Expertin, "weil man gesehen hat, dass man mit Gewalt keine Reformen erreicht. Es muss eine politische Lösung her!"

Weiter Weg zur Versöhnung

Auch bis zur Versöhnung ist es noch ein weiter Weg. 260.000 Menschen wurden in diesem Bürgerkrieg bislang getötet, sieben Millionen Menschen vertrieben. "Es gibt fast keine Familie, die nicht in irgendeiner Form betroffen wäre, die Opfer zu beklagen hätte", sagt Lauer Perez von Adveniat. Das Hilfswerk unterstützt zahlreiche Initiativen in Kolumbien, friedenspädagogische Maßnahmen und die nationale Versöhnungskommission. Doch ein wahrer Frieden, so ihre Prognose, werde in Kolumbien noch Jahrzehnte brauchen.

Auch Kardinal Rubén Dario Salazar Gómez glaubt: "Einen Friedensvertrag zu unterschreiben ist das eine. Frieden in der Gesellschaft zu schaffen, ist das andere. Dafür müssen die Gründe für die Gewalt angegangen werden, die soziale Ungleichheit. Und es muss eine Versöhnung geben. Und das ist schwierig, denn es erfordert, dass Opfer den Tätern verzeihen und das kann nur jeder individuell entscheiden. Wir als Kirche setzen uns natürlich für das Verzeihen und die Versöhnung ein. Wir sagen aber auch: Es muss Entschädigungen geben, Opfer müssen entschädigt werden für über 50 Jahre Leid!"

Ina Rottscheidt
(dr)

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