Blick auf den Papstpalast in Avignon
Blick auf den Papstpalast in Avignon

14.09.2016

In der Revolution verlor der Papst sein Land an Frankreich Alles aus in Avignon

Ein Blick in die Geschichte: Nichts dauert länger als ein Provisorium. Diese Binsenweisheit galt auch für die päpstlichen Ländereien im Südosten Frankreichs. Vor 225 Jahren schnitt die Revolution einen kuriosen Zopf aus dem Mittelalter ab.

Geschichtsschreibung vollzieht sich oft auch im Kleinen. Im Revolutionsjahr 1791 schrieben die Vertreter von 25 Gemeinden der Grafschaft Venaissin in Avignon eine merkwürdige Geschichte. In einem der ersten Akte des Selbstbestimmungsrechts der Völker sprach sich ihre Versammlung im Schatten des mächtigen Papstpalastes für eine Loslösung vom Kirchenstaat und für einen Beitritt der päpstlichen Territorien an der Rhone zum revolutionären Frankreich aus. Dem wurde am 14. September, vor 225 Jahren, mit der förmlichen Annexion durch die Französische Nationalversammlung entsprochen. Die päpstlichen Territorien an der Rhone waren nicht mehr.

Ein neues französisches Departement sollte als Verwaltungseinheit an die Stelle des Papstwappens treten: Vaucluse. Über Jahrhunderte waren die Territorien im Südosten des heutigen Frankreich ein Annex des Kirchenstaates gewesen: die Stadt Avignon selbst, die Grafschaft Venaissin und die späteren nördlichen Zukäufe bei Orange, die sogenannte Enclave des Papes.

Päpste residierten in Avignon

Im 14. Jahrhundert hatten die Päpste, in dieser Zeit selbst Franzosen und starkem politischen Druck der französischen Krone ausgesetzt, in dem zuvor unbedeutenden Städtchen Avignon residiert und es zur größten Baustelle Europas gemacht. Dem steilen Aufstieg folgte ein tiefer Fall. Nach 1433 residieren über dreieinhalb Jahrhunderte im verfallenden Papstpalast nur noch römische Legaten.

Es war kein schlechtes Leben unter dem Krummstab. Die Bewohner der päpstlichen Territorien genossen relative Steuerfreiheit. Gerade die "Papstjuden" hatten mehr Schutz und Entwicklungsmöglichkeiten als ihre Religionsgenossen im benachbarten Frankreich. Und im Streit um das französische Verbot des Jesuitenordens 1764 boten die Päpste den Ordensmitgliedern Zuflucht im Venaissin.

Zwar übten Frankreichs Könige immer wieder massiven Druck auf den ungeliebten Nachbarn aus, so etwa Ludwig XIV. 1687/88 mit einer Belagerung der Grafschaft. Dauerhaften Zugriff bekamen sie jedoch nicht. Erst 1791, als die Monarchie selbst schon auf dem Weg zum Schafott stand, fielen dem revolutionären Frankreich die Gebiete des Papstes wie überreife Früchte in den Schoß.

Missernten hatten die Landbevölkerung auch hier in Existenznöte gebracht; Hunger griff um sich. Der Funke aus Paris sprang über und entzündete im August 1789 die Lunte der Unzufriedenheit. Bürgerwehren bildeten sich. Der letzte Vizelegat in Avignon, Philippe Casoni, lenkte ein und signalisierte Bereitschaft, sogenannte Beschwerdehefte der Bevölkerung entgegenzunehmen. In Carpentras, der Hauptstadt des Venaissin, sagte der dortige Verwalter den Aufständischen sofortige Steuernachlässe zu. Einige Wortführer forderten bereits einen Anschluss an Frankreich.

Stürmung des Papstpalastes

Und die Stimmung radikalisierte sich: Im Februar 1790 stürmten Tausende Untertanen den Papstpalast und erzwangen die Freilassung von Gefangenen. Im Juni wurden mehrere Adlige wegen "Verrats" gehenkt. Der Vizelegat floh nach Carpentras; der Papstpalast wurde zum Gefängnis für die "Feinde der Revolution".

Mitte September goss ein Artikel im "Courrier d'Avignon" zusätzlich Öl ins Feuer. Darin hieß es, Papst Pius VI. sähe Frankreich als "abtrünnig" an, wenn der König die revolutionäre Zivilverfassung des Klerus anerkennte. Der Gemeinderat von Avignon konfiszierte das kirchliche Tafelsilber zur Unterstützung der Armen. Im Januar 1791 konstituierte sich eine "Armee von Avignon" gegen die "Papisten" - und am 7. Februar erklären die Gemeindevertreter der Region ihren Beitrittswunsch zu Frankreich.

Und obwohl Pius VI. die Enteignung unter Druck Napoleons im Vertrag von Tolentino anerkannte, fand sich der Heilige Stuhl noch lange nicht mit dem Verlust ab. Noch 1814 protestierte sein Nachfolger Pius VII. (1800-1823) dagegen, dass der Wiener Kongress bei der Wiederherstellung des Kirchenstaates Avignon und das Venaissin aussparte.

Bis heute freilich gibt es in der Region unzählige Spuren der päpstlichen Vergangenheit. Am verbreitetsten weltweit dürfte die Tiara, die Papstkrone, sein, die die Flaschen des berühmten Weinbaugebiets um Chateauneuf ("du Pape") veredelt.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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