Der Straßenkinderbus in Rios Stadtteil Catete
Der Straßenkinderbus in Rios Stadtteil Catete
Gilberto (vorne rechts) im Straßenkinderbus
Gilberto (vorne rechts) im Straßenkinderbus
domradio.de-Reporterin Veronika Seidel Cardoso bei der "Pastoral do Menor"
domradio.de-Reporterin Veronika Seidel Cardoso bei der "Pastoral do Menor"

30.05.2016

Kirchenprojekt holt Rios Straßenkinder aus der Anonymität "Ich war früher nichts wert"

Über zehn Jahre lang lebte Gilberto auf den Straßen Rios, schnüffelte Klebstoff und klaute Essen im Supermarkt. Dann lernte der heute 24-Jährige das Straßenkinderbus-Projekt "Passaporte da Cidadania" kennen.

Wenn Gilberto heute von seinem Leben auf der Straße berichtet, verzieht er kaum eine Miene. Ruhig und sachlich redet der 24-Jährige über die erlebte Gewalt, Angst und Drogen, als würde er über das Wetter sprechen. "Ich war früher nichts wert. Ich habe mit anderen Jungs gemeinsam geklaut, wir haben Lösungsmittel geschnüffelt und gebettelt. Jede Nacht lagen wir eng beieinander, wenn uns zu kalt war."

Angst in der Nacht

Ohne Drogen ist so ein Leben auf der Straße nur schwer zu ertragen. Am Lösungsmittel "Thinner" zu schnüffeln, um sich zu benebeln, ist unter den etwa 1.500 Straßenkindern Rios weit verbreitet. Nur so können sie vergessen, erzählt Gilberto. "Ich habe Menschen gesehen, die lebendig verbrannt wurden oder wegen eines  Drogenstreits mit Eisenstangen erschlagen wurden."

Eigentlich hatte der junge Mann mit seinem Leben schon abgeschlossen, da wurde er eines Abends auf einen bunt bemalten Bus aufmerksam. Dieser stand auf einem öffentlichen Platz, nahe von Gilbertos Schlafplatz. Davor stand eine Gruppe von Jugendlichen, machte Musik und tanzte Capoeira. Andere spielten Tischtennis oder Fußball. Gilberto gesellte sich zu ihnen und kam mit den Sozialarbeitern des Busses ins Gespräch. Diese Begegnung veränderte sein Leben.

Straßenkinder werden oft weggesperrt

Bei diesem Bus handelt es sich um das Projekt "Passaporte da Cidadania" der Pastoral do Menor in Rio de Janeiro. Es will Straßenkindern helfen, einen Weg zurück in ein geordnetes Leben zu finden. "Straßenkinder haben hier gar keine Rechte", sagt Regina Leao, die beim Projekt mitarbeitet. "In Rio hat sich ein Prozess der Kriminalisierung von Armut vollzogen. Der Staat steckt die Kinder lieber ins Gefängnis, anstatt ihnen eine Chance im Leben zu geben. Keiner will sie auf der Straße sehen. Wir konnten das nicht ertragen."

Und so kaufte die katholische Gemeinde vor über drei Jahren einen Bus und baute ihn komplett um. Innen gibt es nun keine Sitzbänke für Fahrgäste mehr, sondern Laptops, Schränke und Hocker. Außerdem können sich die Kinder und Jugendliche Musikinstrumente schnappen und drauflos musizieren. Von Montag bis Freitag öffnet der Bus ab 18 Uhr seine Türen für die Straßenkinder. Hier können sie bis 22 Uhr ins Internet gehen, spielen, Sport machen – wie andere Kinder und Jugendliche auch.

Kindern eine Identität geben

Hauptziel des Projekts, das vom Aktionsbündnis "Rio bewegt.Uns" unterstützt wird, ist es, den Straßenkindern einen Pass zu besorgen. Denn oft werden Babys aus armen Familien nach ihrer Geburt gar nicht bei den Behörden registriert, weil ihre Eltern Analphabeten sind, erzählt Regina Leao. "Wenn du keinen Ausweis hast, kannst du nicht zur Schule gehen und du hast keine Sozialversicherung. Wenn die Kinder einen Pass bekommen, können sie sich wieder als Teil der Gesellschaft fühlen. Sie sind dann nicht mehr anonym."

Gilberto hatte in seiner Zeit auf der Straße nie einen Pass. Bis ihn seine Lieblings-Mitarbeiterin Vania dazu überredete, zum Amt zu gehen. Sie gab ihm Geld für ein Passfoto und das Busticket. "Ich musste schon ein bisschen Druck machen und immer wieder nachfragen, ob er das Dokument auch wirklich beantragt hat", erzählt Vania lächelnd. Sie ist stolz darauf, dass ihr Schützling Gilberto mittlerweile sogar zur Schule geht.

Eigene Kinder sollen es besser haben

Auch er selbst hätte nie gedacht, dass sein Leben so eine Wendung nehmen und das Leben wieder lebenswert sein könnte. Heute wohnt der junge Mann mit einer schwangeren Freundin in einer eigenen Wohnung und lernt für die Schule, damit er bald seinen Abschluss machen kann. "Ich will einen Job finden, damit ich meine Familie ernähren kann. Was ich auf der Straße erlebt habe - unter freiem Himmel schlafen, von Polizisten verprügelt werden, Drogen nehmen - soll mein Sohn niemals durchmachen müssen."

Veronika Seidel Cardoso
(dr)

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