Bundespräsident Gauck in China
Bundespräsident Gauck in China
Christen in China
Christen in China

23.03.2016

Open Doors zum Staatsbesuch von Bundespräsident Gauck in China "Damoklesschwert über den Christen"

Bei seinem Staatsbesuch in China nimmt Bundespräsident Gauck am Mittwoch an einen Ostergottesdienst teil. Markus Rode vom christlichen Hilfswerk Open Doors hofft zusätzlich auf klare Worte Gaucks gegen Unterdrückung und für Religionsfreiheit.

domradio.de: Wenn Joachim Gauck in China in die Kirche geht, wird er dann sowas wie authentisches Gemeindeleben erleben, oder ist das alles nur eine staatliche Inszenierung?

Markus Rode (Leiter von Open Doors Deutschland): Ich glaube schon, dass er Gemeindeleben erleben wird und dass er das selbst auch ganz gut einschätzen kann. Man weiß ja, dass er letztlich ein Kirchenmann ist. Er geht zwar in eine registrierte Kirche, aber es ist nicht so, dass registrierte Kirchen kein geistliches, christliches Leben haben.

Es gibt immer mehr dieser registrierten Kirchen, die selbst ins Fadenkreuz der Kommunistischen Partei gelangt sind. In der Provinz Zhejiang, dem sogenannten Jerusalem Chinas, läuft seit Ende 2013 eine Kampagne, durch die bis heute circa 1.500 bis 2.000 Kreuze von Kirchengebäuden entfernt wurden. Diejenigen Priester, die sich über dieses Vorgehen beschwert haben, kommen zum großen Teil aus dieser staatlich registrierten Kirche. Sie wurden nicht nur verwarnt, sondern zuletzt wurde etwa ein Pastor von der "Holy Love Christian Church" zu 14 Jahren Haft verurteilt - seine Frau zu 12 Jahren - weil sie sich beschwert haben, dass die Kreuze demontiert wurden. 

domradio.de: Was macht denn dann diesen Status der registrierten Kirche in China überhaupt aus, wenn es offenbar nicht der Faktor Sicherheit ist? 

Rode: Der ursprüngliche Gedanke war, durch diese registrierte Kirche eine Art Einfluss zu bekommen und Kontrolle über den christlichen Glauben zu erlangen - mit angestellten Priestern. Allerdings hat das nicht funktioniert, denn auch diese registrierten Kirchen haben immer mehr Zulauf von Menschen bekommen, die wirklich Christen sind. Und auch die Priester und Pfarrer sind wirklich zum christlichen Glauben gekommen. Somit kann man das heute nicht mehr unter Kontrolle halten. Deshalb beginnt die chinesische Regierung immer mehr, diese registrierten Geistlichen zu attackieren. 

domradio.de: Welches Signal setzt denn dann der deutsche Bundespräsident, wenn er neben seinen politischen und gesellschaftlichen Terminen heute also auch einen kirchlichen einschiebt?

Rode: Ich hoffe, dass er deutlich macht: Wir kommen aus einem Land, das Religionsfreiheit - hoffentlich jedenfalls - an großer erster Stelle sieht. Religionsfreiheit ist eben eines der wesentlichen Menschenrechte. Ich hoffe dadurch, dass Herr Gauck selbst ein Geistlicher war und sich so fühlt, möchte er das Zeichen setzen, dass er mit der Behandlung der Christen in China nicht einverstanden ist. Allerdings wird die Kommunistische Partei, sehr darauf achten, dass die Leute, mit denen Gauck zusammentrifft, nichts Falsches sagen.

domradio.de: Wird es denn bei diesem Zeichen bleiben oder rechnen Sie wirklich mit Chancen, dass dieser Messbesuch auch tatsächlich einen Effekt hat? 

Rode: Ich bin sicher, immer dann, wenn hochrangige Politiker das Thema Religionsfreiheit ansprechen, hat das Auswirkungen. Und ich denke, Herr Gauck ist über die Situation der Christen in China informiert. Er wird wahrscheinlich auch wissen, dass letztes Jahr die Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei angekündigt hat, dass sie gegen alle Parteimitglieder vorgehen wird, die religiös seien, sogar die, die schon im Ruhestand sind. Ich denke, das weiß er und deshalb wird er das auch ansprechen. 

domradio.de: Sie haben es anklingen lassen: Die Zahl der Christen in China wächst insgesamt. Schlägt sich das denn am Ende dann auch in der Öffentlichkeit nieder? 

Rode: Mit Sicherheit. Selbst die Kommunistische Partei selbst ist durchsetzt von Christen, was man ja durch diese Disziplinarmaßnahmen sieht. Und man ist sich offensichtlich auch innerhalb der Partei nicht ganz einig, wie man die Christen behandeln soll. Man versucht immer wieder, Kommissionen in Bewegung zu setzen, die sich mit der Thematik beschäftigen. Aber die kommen auch nicht zu einheitlichen Ergebnissen.

Deshalb sehe ich ein großes Damoklesschwert über den Christen in China schwingen, die ja mittlerweile über 100 Millionen ausmachen. Die Regierung wird sie nicht unter Kontrolle bekommen, auch nicht mit diesen restriktiven Maßnahmen. Und deshalb hoffen wir, dass wie Herr Gauck viele andere politische Führer aus Demokratien weltweit ein Zeichen setzen und dieses Thema der Religionsfreiheit und der Situation der Christen immer wieder deutlich ansprechen. 

Das Interview führte Daniel Hauser.

(dr)

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