Bemalte Hauswände im syrischen Homs
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Vertreter der melkitisch griechisch-katholischen Kirche in Syrien
Vertreter der melkitisch griechisch-katholischen Kirche in Syrien

14.03.2016

Syrische Kirchenführer warnten früh vor einem Sturz Assads Eine bittere Lektion für den Westen

Die Flüchtlingswelle will keiner in Europa. Doch der Westen trägt eine schwere Mitschuld am Exodus aus Syrien und dem Irak. Der seit fünf Jahren ausgefochtene Krieg in Syrien öffnete die Büchse der Pandora.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Der sogenannte Arabische Frühling ging im Westen mit der Illusion einher, allein die Beseitigung jahrzehntealter Diktaturen werde schon für demokratische Strukturen sorgen. Deshalb konnte es nicht schlecht sein, Milizen im Aufstand gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad zu unterstützen.

Warnungen syrischer Kirchenführer wurden beiseite gewischt. Dabei trieb sie nicht vermeintlicher Anteil am Machterhalt - sondern die Sorge vor dem noch größeren Übel. Fünf Jahre danach schmeckt die Lektion der Fehleinschätzung in Europa bitter - und die Klage gegen den Flüchtlingsansturm ist groß.

Keine Freiheit für Christen

Rückblende: Der "Arabische Frühling" 2011 wurde von Tunesien aus zum Flächenbrand. Langjährige Despoten und Regime fielen wie Dominosteine: Tunesiens Zine el-Abidine Ben Ali, Libyens Muammar al-Gaddafi, Ägyptens Hosni Mubarak. Die kleingehaltenen Christen der Region erlangten damit allerdings nicht wirklich Freiheit. Im Gegenteil: Sie und andere Minderheiten verloren mit den Diktatoren auch ihre Schutzmacht gegen den radikalen Islam. In den Nachfolgekriegen erstarkten die Islamisten; die Christen werden bis heute zwischen den Fronten zerrieben.

Die Kennzahlen in Syrien: Der Krieg zwischen der Regierung Assad, IS-Milizen und anderen Rebellengruppen dauert an. In der bevölkerungsarmen, vom IS kontrollierten Osthälfte des Landes gibt es Massaker und Hinrichtungen; Minderheiten werden vertrieben oder ermordet. Auch Regierungstruppen werden Massaker und Menschenrechtsverbrechen zugeschrieben. Die insgesamt unklare Gemengelage treibt Hunderttausende Christen zum Verlassen des Landes.

Alle Angaben zur Bevölkerung sind unzuverlässig. Von den rund 21 Millionen Syrern vor dem Krieg gelten inzwischen 9 Millionen als Flüchtlinge oder Binnenflüchtlinge. Religiös waren vormals 75 Prozent der Syrer Sunniten und 12 Prozent Alawiten, darunter auch die Eliten der Hauptstadt inklusive dem Assad-Clan. 6 bis 10 Prozent waren Christen unterschiedlichster Konfessionen. Waren. Die Zahl von 500.000 bis 700.000 christlichen Flüchtlingen steht im Raum.

Aderlass für das Christentum

Es ist, historisch gesehen, ein vierter massiver Aderlass für das Christentum, das sich, lange bevor es auch nach Europa kam, von Jerusalem aus nach Kleinasien, Mesopotamien und Nordafrika ausbreitete. Dass es gerade im Nahen Osten eine verwirrende Vielfalt christlicher Kirchen und Denominationen gibt, liegt - wie später auch im Islam - an den streitvollen Findungsprozessen der eigenen Lehr- und Glaubenssätze.

Im Zuge der spätantiken ökumenischen Konzilien entstanden vier Kirchenfamilien mit je eigenen Liturgieformen: die sogenannten Kirchen des Ostens; die frühen orthodoxen Kirchen der Syrer, Kopten, Äthiopier und Armenier; die spätere griechische und georgische Orthodoxie; und zuletzt die diversen mit Rom verbundenen katholischen Kirchen, darunter die Maroniten im Libanon, die Chaldäer im Irak, die Melkiten oder die "Lateiner", wie die römischen Katholiken im Heiligen Land bezeichnet werden.

Einen ersten historischen Rückschlag erlitt das Christentum mit der islamischen Expansion des 7. Jahrhunderts. Ganz Nordafrika und die Arabische Halbinsel gingen im Handstreich und dauerhaft für das Christentum verloren.

Der Fall des "Heiligen Landes" an die Muslime läutete im 11. Jahrhundert das Zeitalter der Kreuzzüge ein. Das christliche Byzanz, Sitz des oströmischen Kaisers und des Patriarchen von Konstantinopel, fiel 1453 - nachdem die "Lateiner" ihre ostkirchlichen Glaubensbrüder im Vierten Kreuzzug blutig erobert und dauerhaft geschwächt hatten. Die Osmanen herrschten später bis hinauf nach Bosnien und billigten den Christen allenfalls eine Rolle als geduldete Minderheit zu.

"Dritte Welle"

Über all diese Jahrhunderte jedoch blieben die Christen in vielen Regionen eine namhafte Minderheit, teils sogar die zahlenmäßige Mehrheit. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts machten sie in Istanbul, im Irak oder in Syrien 30 oder mehr Prozent der Bevölkerung aus. Der Zerfall des Osmanischen Reiches brachte jedoch eine Pogromstimmung islamischer Neo-Nationalisten mit sich. Diese "dritte Welle" vor und im Zuge des Ersten Weltkriegs führte zum Völkermord an den Armeniern und an der sogenannten Kirche des Ostens, den Aramäern im Gebiet der heutigen Türkei, Syriens und des Irak.

Hunderttausende, womöglich über eine Million Christen wurden umgebracht. Mit dem 1923 vereinbarten griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch verlor Kleinasien zudem rund 1,5 Millionen orthodoxe Christen, deren Vorfahren dort teils seit der Antike lebten.

Im 21. Jahrhundert sind von der einst christlichen Prägung Syriens, des Irak, der Türkei und des Libanon teils nur noch verschwindende Minderheiten übrig. In Syrien reiten sunnitische Terroristen des "Islamischen Staates" die vierte Attacke gegen die Christen des Nahen Ostens.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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