Japanisches Paar sitzt in den Trümmern ihres Hauses
Japanisches Paar sitzt in den Trümmern ihres Hauses

11.03.2016

Nach der Katastrophe von Fukushima bleiben die Alten übrig Hoffnung ist keine erneuerbare Energie

Der Tsunami und die Reaktorschmelze in der ostjapanischen Präfektur Fukushima am 11. März 2011 gehören zu den größten Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Fünf Jahre sind in der Region vergangen - zurück bleiben die Alten.

"Fukushima" ist Japanisch; es bedeutet "Insel des Glücks". Doch viele Bewohner der Präfektur Fukushima in Japans Nordosten haben ihr Glück verloren, damals an jenem 11. März 2011, vor fünf Jahren, als Fukushima traurigen Weltruhm erlangte.

Alterspyramide kippt immer stärker

Futoshi Hirono sitzt zwischen den Stühlen. Er ist selbst ein Vertriebener der Atomkatastrophe, der Haus und Hof verlassen musste. Aber als "Präsident des Wiederherstellungskomitees von Yamakiya" und einer von elf Bezirksbürgermeistern der Verbandsgemeinde ist er auch ein Offizieller, ein Behördenvertreter. Er sei auch selbst wütend und traurig, sagt er - "aber ich kann nicht gut darüber sprechen".

Seine Aufgabe als Fürsprecher der Menschen seiner Region nimmt Hirono sehr ernst. In seinem kleinen Büro in der Behelfsunterkunft hängt ein genauer Plan mit der Altersstruktur und den Familienverhältnissen der etwa 200 Bewohner. Rot steht für alleinstehend und über 70. "Da müssen wir sicherstellen, dass täglich jemand nach dem Rechten sieht." Mit Sorge beobachtet er, dass die Alterspyramide immer stärker kippt.

Caritas International engagiert sich

Es bleiben die Alten, die keine Kraft mehr haben, sich ein neues eigenes Leben aufzubauen. "Junge Pflanzen können wieder neu wachsen, auch in anderer Erde", sagt der Bürgermeister bedächtig. "Sie sind stärker als der alte Baum, den man verpflanzt." Immerhin: Heute ist Massage-Tag in der Containersiedlung. AAR, eine Partnerorganisation von Caritas International, bietet in den staatlichen Behelfsquartieren regelmäßig Massagen und Gymnastik an.

Die 79-jährige Saku Watanabe ist schon ganz früh gekommen, um als erste dran zu sein. Drei Kinder und neun Enkel hat sie, erzählt sie stolz. Und alle lebten im nahe gelegenen Yamakiya, das immer noch in der Sperrzone liegt. "Inzwischen sind sie fortgezogen, weil die Strahlung für die Kinder zu stark ist."

Saku Watanabe und ihr 81-jähriger Ehemann Naoitsu blieben im Containerdorf zurück. Sie träumen davon, eines Tages in ihrem alten Haus in Yamakiya zu sterben. Einmal im Monat lassen sie sich rüberfahren, um zu lüften und sauberzumachen. "Wir wollen nicht, dass es so runterkommt."

Ernüchternde Szenarien

Die Fahrt hinunter nach Yamakiya freilich ist ernüchternd: Ein einst malerisches Seitental, voll von schwarzen Säcken. Zu Tausenden enthalten sie die verstrahlte Bodenkrume, die seit Jahren in der Region aufgenommen und in Plastik verpackt wird. Doch ohne Endlager verbleibt die Erde letztlich am Ort. Und: Die Reinigungsfirmen sind angewiesen, den Boden nur bis 20 Meter jenseits der Dorfgrenzen abzutragen. So werden die Bewohner dauerhaft von ihrem Wald getrennt sein, in dem sie zeitlebens Pilze und Kräuter gesammelt haben.

Neben der körperlichen Unterstützung für die Senioren bietet der Besuch der Helfer auch immer Gelegenheit zur Begegnung und zu einer Tasse Kaffee. Zum Ritual gehört das Mahlen mit der Kaffeemühle - fast ein Geräusch von Gemeinschaft. Mit im Team ist Haruro Watanabe, psychologischer Berater und Leiter des AAR-Büro für die Region. Kaum jemand kennt die Lebensgeschichten, Bedürfnisse, Ängste und Sorgen, aber auch die Hoffnungen der Bewohner von Behelfsunterkünften so gut wie der 61-Jährige.

Junge Menschen ziehen weg

Auch er beobachtet, wie viele der Jungen in gesündere Regionen ziehen - selbst wenn in manchen Teilen der Zone Fortschritte bei der Reinigung des Bodens gemacht werden. Und er beobachtet, mit welcher Selbstdisziplin die Alten darangehen, ihre alte Welt alleine wiederaufzubauen - oder zumindest versuchen sie es. "Anpacken, nicht aufgeben, das ist eine japanische Stärke", sagt er.

Allerdings kann auch er nur Menschen erreichen, die auch reden wollen. "Viele haben sich eingekapselt und wollen nichts mehr sagen oder hören." Grundsätzlich seien Frauen wesentlich besser bei Sozialkontakten als Männer. Und noch etwas erfüllt die Helfer des AAR mit großer Sorge: Die Baufirmen, bislang eifrig mit Neubauten und mit dem Abtragen des verseuchten Bodens befasst, ziehen ihre Leute aus der Region ab - oder haben ihre Preise massiv erhöht. Mit Olympia 2020 in Tokio winkt ein wesentlich lukrativeres Geschäft.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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