Erzbischof Okada zu Fukushima und zur Lage der Kirche in Japan

"Wir haben alle eine Mitverantwortung"

Der Kölner Kardinal Woelki reist am Donnerstag in die Partnerdiözese Tokio. Deren Erzbischof Peter Okada spricht im Interview über die Lage der Kirche in Japan, den Atomausstieg und den Austausch mit dem Erzbistum Köln. 

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Peter Takeo Okada / © Alexander Brüggemann (KNA)
Peter Takeo Okada / © Alexander Brüggemann ( KNA )

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Herr Erzbischof, in Deutschland war die katholische Kirche eine treibende Kraft beim geplanten Atomausstieg - und die japanischen Bischöfe empfehlen dasselbe auch. In Japan gibt es zwar nur wenige Katholiken, gesellschaftlich sind sie aber sehr engagiert. Können Sie in diesem sensiblen politischen Bereich eine eigene Rolle spielen?

Peter Okada (Erzbischof von Tokio): Wir sind klein - aber nicht alleine. Viele andere religiöse Gemeinschaften und gesellschaftliche Gruppen kommen zusammen in diesem Chor zur Abschaffung der Atomenergie und Schließung der Atomkraftwerke. Allerdings müssen wir auch zugeben, dass wir nach dem Krieg, vor allem in den 60er Jahren, alle auch ein besseres Leben wollten. Es sollte billiger sein, schöner werden. Leuchtende Energie - das hörte sich alles so wunderbar an; aber wir haben dabei wohl die Gefahren unterschätzt. Die ganze Gesellschaft, die Politiker. Und bei diesen Unterschätzern waren auch wir. Daher haben wir alle auch eine Mitverantwortung, weil wir nicht vorher unsere Stimme erhoben haben. Heute rufen wir Bischöfe zu einem anderen, einfacheren Lebensstil auf, wie ihn das Evangelium anmahnt. Wir müssen zurückgehen zu einer natürlichen Stromerzeugung, zu erneuerbaren Energien. Aber: Trotz all dieser Stimmen reagiert die Regierung nicht. Es werden sogar stillgelegte Atommeiler wieder hochgefahren - obwohl in Umfragen fast die gesamte Bevölkerung dagegen ist.

KNA: Ganz aktuell ist die Meldung, dass drei Verantwortliche der Betreiberfirma Tepco nun doch noch wegen der Vorfälle von Fukushima belangt werden sollen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Okada: Die Stimmen aus der Bevölkerung sind immer lauter geworden. Die Natur wurde damals zerstört und viele Leute müssen auch nach fünf Jahren noch in Behelfsquartieren leben, weil sie nicht zurückgehen und ihr altes Leben wiederaufnehmen können. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer ist dafür verantwortlich? Dieser Druck hat dazu geführt, dass man am Ende doch ein bisschen genauer hinschaut. Man hat nun diese drei Manager benannt. Sie wussten offenbar um die Gefahren, haben aber nichts unternommen. Gleichzeitig muss man bedenken: Das waren nicht nur diese drei - und auch nicht nur die eine Firma. Tepco hat auch Beziehungen zur japanischen Regierung. Die Regierung hat also auch eine Mitverantwortung. Und zuletzt: Hier im Ballungsraum Tokio beziehen wir alle unseren Strom von Tepco. Wir leben in ziemlichem Komfort. Haben wir da nicht auch eine Mitverantwortung? Wir verbrauchen ja all diese Energie. Unser bequemes Leben ist auch durch das Opfer der Menschen von Fukushima gekauft worden. Davon können wir uns nicht ohne weiteres freisprechen. Nicht nur diese drei Manager - das alles muss man ein bisschen größer sehen.

KNA: Zum Thema Kirche in Japan: Sind die meisten Katholiken Japans Einheimische oder eher Ausländer und Gastarbeiter?

Okada: Die registrierten Katholiken sind in der Mehrzahl Japaner - allerdings sind Ausländer nirgends nach Religionszugehörigkeit registriert. Wahrscheinlich sprechen wir von rund 440.000 japanischen Katholiken und etwa 550.000 Ausländern, zusammen also vielleicht eine Million.

KNA: Wie passt das monotheistische Christentum zum theologischen Konzept von Shinto und Buddhismus?

Okada: Der Gottesbegriff in Japan ist sehr vielschichtig. Selbst das Wort "Gott" ist schwer zu übersetzen - das gibt es gar nicht im Japanischen. Was uns bei Japanern hilft, ist, dass es in der katholischen Kirche nicht nur die Dreifaltigkeit gibt, sondern auch viele Heilige. Zudem hat Japan selbst eine ganze Reihe Märtyrer - japanische Heilige. Tatsächlich wird das Christentum nicht wirklich angenommen. Wir machen kaum Fortschritte, anders als im 16. Jahrhundert mit der Mission des heiligen Franz Xaver. Damals gab es viel weniger Widerstand gegen diese Religion. Vielleicht hat es sich damals sogar allzu schnell ausgebreitet, und die Führer des Landes fühlten eine Gefahr und haben die Ausdehnung gestoppt, indem sie die Christen des Landes verwiesen. Dabei hat das Christentum hier heute sogar einen sehr guten Ruf - es gibt in Japan 123 katholische Schulen, zudem katholische Universitäten und katholische Krankenhäuser.

KNA: Wie lebt man also als Christ in Japan?

Okada: Niemand beschimpft einen, man wird nicht angegriffen. Es gibt keinerlei Hindernisse in diesem Sinne. Trotzdem: Wenn es ans Taufen geht, gibt es großen Widerstand. Das ist ein Widerspruch: Einerseits sind christliche Schulen, Krankenhäuser und Sozialinstitute sehr beliebt - aber dass man deshalb selbst Christ würde, steht auf einem anderen Blatt.

KNA: Papst Franziskus sagt, Japan habe in seinem Herzen einen besonderen Platz. Als Jugendlicher habe er als Missionar nach Japan gehen wollen. Glauben Sie, dass er Ihr Land irgendwann besuchen wird?

Okada: Wir haben ihn bereits mehrfach eingeladen, ihm mitgeteilt, dass die Christen hier dadurch sehr ermutigt würden. Aber wir haben noch keine Antwort. Der Papst war schon auf den Philippinen, und er war im Nachbarland Korea. Wir würden uns sehr freuen, wenn er auch zu uns kommt.

KNA: Was würden Sie ihm zeigen?

Okada: Zuallererst Fukushima, wo vor fünf Jahren das Atomunglück war. Das müsste er unbedingt sehen. Und natürlich Hiroshima, den Ort der ersten Atombombe.

KNA: Zu Ihrer Partnerschaft mit dem Erzbistum Köln: Sie wissen, dass Kardinal Rainer Maria Woelki Ihnen als Geschenk eine Reliquie der Heiligen Drei Könige mitbringen wird. Haben Sie schon einen Platz dafür ausgesucht?

Okada: Direkt am Eingang unserer Kathedrale gibt es eine Vitrine, die wir bereits dafür vorbereitet haben. Die neue Reliquie wird ein sichtbares Zeichen der Zusammenarbeit der beiden Diözesen sein. Zudem kamen ja die Heiligen Drei Könige aus dem Osten - wenn auch nicht so östlich wie Japan oder China. Aber auf jeden Fall ist es ein Zeichen für die weltumspannende Zusammenarbeit von Ost und West.

KNA: Sie selbst waren ja auch schon mehrfach in Köln. Was ist Ihr Lieblingsplatz im Dom?

Okada: Die Kirchenfenster dort habe ich am liebsten. Auf einem kann man wunderbar die Erlösungsgeschichte studieren, wenn die Sonne darauf scheint. Wenn ich das nächste Mal hinkomme, möchte ich mir das unbedingt noch mal intensiver anschauen. Und einmal wurde ich auf das Dach geführt, über den Gewölben. Da habe ich mich gewundert, dass sich dort eine kleine Werkstatt befindet und quasi mitten in der Kirche gearbeitet wird. Das hat mich beeindruckt.

KNA: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Kardinal Woelki? Was soll er auf jeden Fall als Erfahrung mitnehmen?

Okada: Er soll erfahren, dass Japan eine ganz kleine Kirche ist - aber dass wir uns auch sehr anstrengen, egal, wie klein wir sind und wie groß unsere Probleme. Wir bemühen uns immer, etwas für die Kirche zu tun und sie weiterzuentwickeln, trotz aller Widrigkeiten. Köln ist eine große Diözese mit vielen Menschen - und auch dort gibt es Probleme. Aber gerade weil es hier wie dort Probleme gibt, sollten wir näher zusammenrücken. Wir brauchen den Austausch auf geistiger Ebene mehr als den rein finanziellen; im Gebet und im Glauben müssen wir zusammenstehen. Über die genauere Ausformung könnten wir uns in diesen Tagen intensiver unterhalten. Zum 50-jährigen Weihejubiläum der Kathedrale habe ich 2014 eine Vesper eingeführt. Jeden Sonntagnachmittag um fünf Uhr versuchen wir seitdem, unseren gemeinsamen Glauben intensiver im Gebet zu vertiefen. Ich würde mich freuen, wenn dieses Zeichen bleibt.


Quelle:
KNA